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Reise

Brooklyn: Abseits von Manhattan gibt es noch viel Freiraum für kreative Köpfe

Das etwas buntere New York

Vor wenigen Jahren säumten noch heruntergekommene Fabrikgebäude die Straßen. Heute bietet dieses Viertel mit seinen Galerien, gemütlichen Cafés und Musikstudios Platz für junge Künstler.

Die Tür zum kleinen Cafe in der McKibbin Street 248 steht weit offen. Spätsommerliche Wärme wabert durch den Raum. Ein junger Mann mit blau gefärbten Haaren blickt erschrocken von seinem Laptop auf. "Sind Sie von der 'New York Times'?", fragt Evan, 22 Jahre alt und Grafikdesigner. "Wenn ja, dann können Sie wieder gehen. Wir leben nicht in Hundehütten. Die Zeitung hat übertrieben."

Die "New York Times", das Flaggschiff des US-amerikanischen Journalismus, hatte vor einigen Wochen einen Artikel über die Künstlergemeinde in den Fabrikhallen der McKibbin Street veröffentlicht - auf der ersten Seite. Da hieß es, im Stadtviertel Williamsburg, nordöstlich auf der Brooklyner Halbinsel, sei die echte Kunstszene. Und es gebe Hippies wie früher, schrieb die Zeitung. Damit traf sie den Nerv der Zeit. Denn viele sagen, Manhattan sei zu laut, zu touristisch und vor allem zu teuer zum Wohnen. Seit Jahren schon.

Und so ziehen all diejenigen, die wieder mehr vom Leben haben wollen, nach Brooklyn um. Wer Künstler ist, der geht nach Williamsburg. Denn das traditionelle Arbeiterviertel mit Lagerhallen, Hinterhöfen und Garagen sowie einem Bevölkerungsmix aus süd- und afroamerikanischen Immigranten befindet sich in der Transformation zur Künstlerkolonie.

Doch das Rad der Zeit dreht sich schnell. Allein der Artikel in der "Times" habe ihr Zimmer um 200 Dollar teurer gemacht, sagt Katherine, eine 24-jährige Malerin, die im Cafe kellnert, um die Miete zahlen zu können. Bald werde die Künstlergemeinde weiterziehen müssen, ein paar Straßenzüge nach Osten. Oder vielleicht nach Berlin in Deutschland. Sie habe gehört, dort sei die Miete erschwinglich und die Kunstszene am Blühen.

Tatsächlich lebt Katherine wie die meisten der Künstler der McKibbin Street in einem Zimmer, das fast so winzig wie eine Hundehütte ist. Die Wände sind aus Pappe. Ein Fenster oder eine Klimaanlage gibt es nicht. Mehr als eine Matratze und ein kleines Regal passen nicht in den Raum.

Aber es bliebe für sie und ihre vier Mitbewohner genug Raum zum Musizieren und Malen, sagt Katherine. Auch gebe es jede Menge Musik- und Fotostudios, verteilt über die fünf Etagen der zwei Fabrikhallen. Das Wichtigste sei jedoch: Alle hielten zusammen und unterstützten sich in ihren Projekten. Katherine hat sogar eine gemeinnützige Organisation gegründet. Deren Zweck ist es, monatliche Ausstellungen zu organisieren, deren Erlös aus dem Verkauf von Kunstwerken zu 100 Prozent an die Künstler geht, und nicht wie es in Manhattan üblich ist, bis zu 75 Prozent an die Galerie.

Der Geist der Veränderung, der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Gemeinschaft ist aber nicht nur in der McKibbin Street in Williamsburg zu finden, sondern auch in anderen Stadtteilen Brooklyns, wie zum Bespiel in Fort Greene, einem wohlhabenderem Viertel, südlich von Williamsburg und rund 40 Minuten zu Fuß von der Brooklyn Bridge entfernt. An den Pfählen der Straßenlaternen kleben Schilder mit der Aufschrift "Dieser Straßenzug ist unser Zuhause. Helfen Sie, ihn sauber zu halten." In kleinen Coffeeshops und Buchläden stehen Sparbüchsen mit dem Hinweis, dass hier für Amy gesammelt wird, die ein Fahrrad möchte, oder für Susanna, die Bücher braucht. Wer sich umschaut, entdeckt liebevoll gepflegte Gemüsegärten, mit dem Aufruf versehen, Brooklyn grüner zu gestalten. Schon Walt Whitman, einer der berühmtesten Dichter Amerikas und einstiger Herausgeber der Zeitung "Brooklyn Eagle", kämpfte in seinem Brooklyn für den Erhalt der Natur. Ihm ist es zu verdanken, dass 1847 der Fort Greene Park, der erste öffentliche Park Brooklyns, angelegt wurde.

Nicht unweit vom Park, in der Fulton Street, befindet sich das kubanische Restaurant "Outpost Market". Dort kann man rote und schwarze Bohnen mit Reis bestellen und an einem zur Küche umgewandelten Wohnwagen abholen. Neben den Holzbänken und Tischen gibt es einen Springbrunnen, dessen Wasser zu Samba-Klängen plätschert. Am Wochenende findet hier wie an vielen anderen Ecken Brooklyns ein Flohmarkt statt.

Auch Elisabeth James kommt dann und sucht nach Schnäppchen. Die 54-jährige Modedesignerin hat über 30 Jahre im East Village in Manhattan gewohnt. Im Februar hat sie ihre Wohnung dort verkauft und wohnt nun in einem sogenannten Brownstone House zur Miete. Wie die meisten der dreistöckigen Back- oder Sandsteinhäuser wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts von holländischen Einwanderern erbaut und steht unter Denkmalschutz. Typisches Merkmal solcher Häuser: Zu jedem Eingang führt eine hohe Treppe. Auf den Stufen dieser Stiegen findet in Brooklyn das Leben statt: Man trifft sich zum Schwatzen, hält ein Picknick oder hält am Abend ein romantisches Stelldichein. Elisabeth sagt, sie fühle sich in Brooklyn endlich wieder wie damals im East Village. Es gebe wenig Straßenlärm, viele Bäume und vor allem ein Gefühl von wahrer Nachbarschaft. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite habe sie sogar schon ihren neuen Lieblingskuchen entdeckt. Dort, in der Konditorei "Cake Man Raven", gibt es den Red Velvet Cake, einen roten Schokoladenkuchen. Den haben auch schon - so berichten es zumindest die Zeitungsartikel an der Wand - die Sängerin Janet Jackson und Boxer Muhammad Ali bestellt.

Mindestens genauso zum Wohnen beliebt ist bei Manhattan-Flüchtigen das sich anschließende Viertel Park Slope. Besonders die sechste und siebte Avenue, die einst als heruntergekommene Drogengegend galten, laden heute mit ihren kleinen, unabhängigen Läden und Restaurants zu einer Entdeckungsreise ein. Man kann hier gut einen Tag nur mit Bummeln verbringen. Zum Ausruhen bietet sich anschließend der Prospect Park an, ein Freizeitareal nach Entwürfen des Architekten des Central Park. Übrigens wohnte auch der kürzlich verstorbene Schauspieler Heath Ledger in Park Slope.

Doch gerade weil Brooklyn der neue Trendbezirk der New Yorker ist, wird sich in den kommenden Jahren dort auch viel verändern. So hat Disney das Areal von Coney Island, die Südspitze Brooklyns an der Atlantikküste, entdeckt und will dem wehmütigen Charme des Kirmesparks zu Glanz und Glamour verhelfen. Ein Vegas-Stil-Hotel und moderne Attraktionen sollen her. Im "Astroland", dem legendären Vergnügungspark, gehen bereits diesen Herbst die Lichter aus. In fester Planung ist auch das "Atlantic Yards". Für rund 3,2 Milliarden Euro soll eine Industriebrache nicht unweit der Brooklyn Bridge in eine Architekturperle mit neuem Basketballstadion, über 6000 Wohnungen und unzähligen Geschäften verwandelt werden. Wer also das alte "neue Manhattan" erleben will, sollte nicht allzu lange warten. Schon bald könnten dort Wolkenkratzer statt pittoresker Backsteinhäuser stehen.

 

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