20.09.08

Bernstein und Behaglichkeit

Auf Fanø ist so mancher Schatz verborgen

Die Dörfer pflegen ihren Glanz aus Zeiten der Windjammer-Kapitäne, die Ferienhäuser halten reichlich Abstand.

Von Martin Dziersk
Foto: Dziersk
Jens Peter Jensen schleift in seiner Werkstatt Bernstein.

Sturm ist sein Geschäft. Immer wenn ein Orkan über die dänische Nordseeküste tobt und meterhohe Wellen an den Strand peitscht, wenn seine Nachbarn im Inseldörfchen Sønderho auf Fanø lieber die Fenster und Türen fest vor den Sturmböen verriegeln, dann schnappt sich Jens Peter Jensen seinen Regenanorak, steigt in die hohen Gummistiefel und stapft los. Jensen weiß genau, wo die Schätze zu finden sind, die das Meer an solchen Tagen an Jütlands Ufer spült. Sie schwimmen zwischen Algen und Tang oder stecken in Knäueln aus Seegras. "Kein Urlauber würde sie dort finden", sagt er, "man muss genau die Stellen kennen. Und man muss einfach das richtige Auge haben, um sie zu entdecken."

Jens Peter Jensen hat es. Seit mehr als zwanzig Jahren sucht er regelmäßig nach dem "fossilen Gold" der Nord- und Ostsee - dem Bernstein. Und stolz präsentiert er in seiner Werkstatt die manchmal faustgroßen Brocken, die er nach Stürmen aus dem Wasser geholt und zu schimmernden Schmuckstücken verarbeitet hat - zu Ringen, Ketten und Armbändern.

Fanø, 56 Quadratkilometer groß und 3200 Einwohner stark, ist die nördlichste Insel der friesischen Inselkette, die sich von Holland bis nach Dänemark hinzieht. Wie ein Schutzschild gegen die Brandung liegt sie vor der Einfahrt zur dänischen Hafenstadt Esbjerg. Noch führt keine Brücke über den Sund, der hier kaum breiter als zwei Kilometer ist. Wer nach Fanø übersetzen will, muss eine der kleinen Autofähren nehmen, die im Zehn-Minuten-Takt zwischen Esbjerg und Nordby pendeln, Fanøs Haupt- und Hafenort. Aber das kann lange Wartezeiten kosten. An den Wochenenden in den Ferien drängen sich am Fähranleger oft Hunderte von Autos und Campingwagen - viele von ihnen kommen aus Deutschland.

Jens Peter Jensen hat sich über die Beliebtheit seiner Heimatinsel bei den Nachbarn so seine Gedanken gemacht. Vermutlich, so glaubt der Bernsteinschleifer, kommen die meisten Deutschen deswegen so gerne nach Fanø, weil Sylt, Amrum oder Föhr in den Sommermonaten überlaufen sind. Und weil sie mit ihren Autos auf Fanø bis ans Wasser fahren können. Manchmal sehe das Ufer aus wie ein riesiger Parkplatz, sagt Jensen: "Ja, mit Umweltschutz hat das wenig zu tun. Ist mir aber lieber, als wenn die vielen Autos in den Dünen oder hier im Dorf parken würden."

Da muss man dem Bernsteinmann zustimmen. Denn Sønderho, ganz an der Südspitze der Insel gelegen, ist sicher eines der schönsten Dörfer der ganzen Nordseeküste: Kleine Giebelhäuser ducken sich unter tief ausladenden Reetdächern, alle gepflegt und farbenfroh nach guter Dänenart, mit weißen Sprossenfenstern und kunstvoll geschnitzten Türen. Sie erzählen vom einstigen Reichtum der Insel: Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts herrschten Fanøs Reeder und Segelschiff-Kapitäne über die größte Handelsflotte des dänischen Königreiches. Hunderte Windjammer gehörten zu ihrer Armada.

Das Aufkommen der Dampfschiffe nahm Fanøs Seefahrern den Wind aus den Segeln. Geblieben vom Glanz vergangener Zeiten sind nur die prächtigen Kapitänshäuser, die schmucken Galionsfiguren in den Gärten, die unzähligen Schiffsmodelle in der Seefahrerkirche von Sønderho und die Grabsteine auf dem Inselfriedhof, deren Inschriften und Bildreliefs aus jener Zeit berichten, in welcher der Walfang und der Handel mit Tran noch ein gefährliches Abenteuer war, gewinnbringend aber für alle, die es lebend überstanden - wie der "gottesfürchtige Kommandeur Laust Mikkelsen", der laut Grabschrift so wohlhabend nach Fanø zurückkehrte, dass er es sich leisten konnte, nacheinander sechs Frauen zu ehelichen, mit denen er einundzwanzig Kinder zeugte.

Für seine deutschen Gäste spielt Jens Peter Jensen auch gern einmal den Inselführer - natürlich nur, wenn die Wetterlage keine neue "Anlandung" von Bernstein erwarten lässt. Sønderho und Nordby hätten das Ortsbild eines Seefahrerdorfs bewahrt, sagt er, obwohl von der maritimen Tradition nicht mehr viel zu spüren sei. Denn die meisten der Fanniker, wie sich die Insulaner selber nennen, arbeiten längst auf dem Festland - auf den Esbjerger Schiffswerften oder im Hafenamt, als Beamte oder Bankangestellte, als Handwerker oder Kaufleute.

Jeden Tag nehmen sie die Fahrt mit der Fähre zum Festland in Kauf. Und das sei gut so, meint Jensen. Denn noch habe der Tourismus das Inselleben nicht groß verändert. Noch gebe es keine Großhotels, noch hätten Baulöwen hier nicht Fuß fassen können. Wer zum Sommerurlaub anreist, muss ein Ferienhaus mieten. Die gibt es zahlreich, und die meisten liegen versteckt zwischen Heideland, Dünen und Kiefernwäldern. "Jedes Ferienhaus ist hier wie eine Insel auf der Insel", sagt auch Fanøs Bürgermeister Erik Nørreby. "Zwischen Nordby und Sønderho liegen sechzehn Kilometer Natur - Platz genug für alle."

Aber immer zahlreicher werden die Stimmen, vor allem unter den jungen Leuten, die eine Brücke zum Festland fordern. "Im Winter ist es hier verdammt einsam und langweilig", sagt der junge Mann, der am Anleger von Nordby den Fährverkehr Richtung Esbjerg regelt. Wäre es schwer, eine Brücke zu bauen? Der Insulaner zuckt die Schultern: "Nein, sicher nicht. Aber auf Rømø nebenan haben sie vor Jahren einen Damm zum Festland gebaut. Seitdem ist dort nur noch Rummel und Remmidemmi. Das wollen wir auch nicht."

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