Ungarn: Das Klischee von Zigeunerromantik und Operettenseligkeit hat sich überlebt
Zwischen Tiefebene und Hochkultur
Die weite Puszta mit ihren wilden Pferden. Der Balaton mit seinem fast schon badewannenwarmen Wasser. Und Budapest, die Perle an der Donau. Impressionen einer Rundreise.
Zuerst ist es nur eine große, gelbbraune Wolke am Horizont, die schnell näher kommt - schnurgerade auf uns zu, begleitet von einem Geräusch, das wie ferner Donner klingt und den Boden erzittern lässt. Einen Augenblick später taucht eine Herde von Wildpferden aus dem Staub der aufgewirbelten Erde auf. Mit wehenden Mähnen jagen sie vorbei und verschwinden hinter einer Baumgruppe - wie ein Spuk, der schon nach Sekunden vorüber ist. Und doch: Die beiden trägen Kaltblüter, die den Zweispänner ziehen, scheinen vom Temperament ihrer frei lebenden Artgenossen angesteckt zu sein. Schlagartig wechseln sie vom gemütlichen Trab in Galopp und preschen über die Sandpiste, dass Zoltan auf dem Kutschbock alle Mühe hat, das Tempo zu zügeln.
Ferien in der ungarischen Puszta: Am Eingang zum Kiskunsagi-Nationalpark, einem rund 40 000 Hektar großen Naturreservat in der Bugac-Puszta zwischen Donau und Theiß, hat uns Zoltan am frühen Morgen abgeholt. Jetzt, nach einer Stunde schweigsamer Fahrt, wendet er sich zu uns um und deutet auf ein Gebäude, dessen riesiges Schilfdach fast bis zum Erdboden reicht. Seine Worte, eine Mischung aus Deutsch und Ungarisch, verschluckt der Wind. Doch wir verstehen, was er sagen will: Das Haus am Ende des Weges, versteckt zwischen Birken und Wacholderbüschen, ist sein Bauernhof. Er wird für die nächsten zwei Nächte unser Ferienquartier sein.
Die ungarische Tiefebene südlich von Budapest, in der angeblich die meisten Sonnenstunden Mitteleuropas gezählt werden, hat sich in den vergangen fünf Jahren zu einem aufstrebenden Feriengebiet entwickelt. Immer mehr Bauern in der Bugac-Puszta und ihrer Schwester, der Hortobagy-Puszta, verzichten heute lieber auf die Rinderzucht und wandeln die Ställe zu Ferienwohnungen oder Reiterhöfen um. Für uns soll der Besuch im Kiskunsagi-Reservat nur ein kurzer Abstecher sein - Zwischenstopp auf einer Reise durch Ungarn, da darf die Puszta natürlich nicht fehlen. Zwei Wochen lang wollen wir das Land der Magyaren mit dem Auto erkunden. Wir wollen ungarische Küche und Weine genießen und ein wenig der Fama dieses Landes nachspüren, durch das angeblich immer noch ein Hauch von Zigeunerromantik und Operettenseligkeit weht.
Passt das noch ins Bild des modernen Ungarn? "Unsinn", sagt Zoltan, der selbst zur ungarischen Minderheit der Tzigane gehört, der Zigeuner (die Bezeichnung ist in Ungarn nicht abwertend). "Wir sind heute genauso integriert wie alle anderen in diesem Land. Wir arbeiten und zahlen Steuern. Zigeunerromantik? Nun, vielleicht ist das die Musik, die Urlauber heute noch in den Weinlokalen von Budapest hören können."
Budapest, "Perle der Donau": Sie empfängt uns in der morgendlichen Rushhour mit Smog, Lärm, verstopften Straßen. Innerhalb der letzten Jahre ist die Zahl der Autos in der Metropole auf mehr als eine halbe Millionen gestiegen. Das Leben pulsiert. Und erst recht das Nachtleben. Die stolze Stadt, inzwischen auf rund zweieinhalb Millionen Einwohner gewachsen, präsentiert sich selbstbewusst als das Paris des Ostens.
Neobarock, Neoklassizismus und Neorenaissance: Die historisierenden Baustile, mit denen Ungarn Ende des 19. Jahrhunderts die tausend Jahre seiner Geschichte feierte, haben Budapest in ein facettenreiches Museum der Architektur verwandelt. Nostalgie, wohin man blickt. Auch Szentendre, 20 Kilometer donauaufwärts, wirkt auf den Besucher so, als sei es gerade einem Bilderbuch habsburgischer Geschichte entsprungen. Österreicher, Ungarn, orthodoxe Serben haben die Stadt geprägt. Allerdings: Die einstige Pracht ist vergangen, die vielen Barockgiebel im leuchtenden Maria-Theresia-Gelb nur noch eine Staffage für Touristenfotos. Töpfer und Kunsthandwerker, Maler und Schmuckschmiede sind in die Häuser eingezogen. Doch wenn man die Augen schließt, kann man sich gut vorstellen, wie hier früher die feine k.u.k.-Gesellschaft flanierte - hinauf zum Burghügel mit der barocken Johanneskirche, von dem der Blick weit über das Land reicht, bis zu den Städten Visegrad und Esztergom am "Donauknie" und zu den Vulkanbergen, durch die sich der Fluss in einer scharfen Wendung den Weg nach Süden sucht.
Mit 595 Quadratkilometern Fläche und 70 Kilometern Länge ist der Balaton der größte Binnensee Europas. Und sicher auch der wärmste. Bei einer Tiefe von nur zwei, drei Metern steigt die Badetemperatur im Sommer schnell auf 28 Grad. Zwischen den Weinbergen am Ufer drängen sich Hotels und Ferienhäuser in unendlicher Zahl. Wir suchen uns ein Hotel in Heviz, fünf Kilometer vom Ufer des Plattensees entfernt, berühmt für seinen Heilwassersee, in dem sich angeblich schon die alten Römer gesund badeten. Schade nur, dass der Ort inzwischen mit Kuranlagen vollgepflastert ist. Ein Wellness-Hotel reiht sich an das andere: Heilwasserbecken, Kneippbäder, Caldarium, Aroma-Sauna, Erlebnisduschen - das Angebot, etwas für die Gesundheit zu tun, ist so umfangreich, dass sich auch der Gesündeste nach wenigen Tagen völlig strapaziert fühlt.
Entfliehen kann man dem Fitness-Rummel am besten in den kleinen Dörfern hoch über dem Plattensee, wo gemütliche Czardas auf den Urlauber warten. Auf der Speisekarte steht nicht nur die höllisch scharfe Gulaschsuppe, sondern vor allem der schmackhafte Fogas - frischer Zander aus dem Balaton, in viel Knoblauch gebraten. Und die Weinkarte bietet so seltene Tropfen wie Grauer Mönch, Blaustengler und Welschriesling. Ebenfalls einen Abstecher wert: Schloss Keszthely am Nordwestufer, der schönste Rokokobau Ungarns, mit reichen Kunstsammlungen und einer Bibliothek mit 90 000 Bänden.
Unsere letzte Station: Debrecen, die zweitgrößte Stadt des Landes, nur wenige Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Auch hier vergangene Pracht, wohin man schaut. Gewiss: Wo nicht renoviert wurde, hat der Glanz von einst zu bröckeln begonnen. Auch das Grand Hotel "Arayabika", ein pompöser Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert, hat sicher schon bessere Zeiten gesehen. Im Restaurant streben mächtige Säulen voller Jugendstildekor zur mit Kronleuchtern behängten Decke. Bunte Glasfenster filtern das Sonnenlicht. Nur die Debreciner Würstchen mit Senf und Sauerkraut auf dem Frühstückstisch wollen nicht so ganz in die elegante Atmosphäre passen. Aber man muss Ungarn lieben. Auch mit seinen charmanten Schönheitsfehlern.




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