Montag, 28. Mai 2012, 16:05

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Reise

RØMØ

Spielwiese für Drachen-Dompteure, Radler und Reiter

Immer wenn Sylt bei Sturmfluten viel von ihrem Sand verliert, profitiert die Nachbarinsel: Die Strömung spült ihn an dänische Gestade.

Navid ist begeistert. Gerade hat der Fünfjährige den ersten Drachen seines Lebens steigen lassen, und das rautenförmige Stück Stoff mit dem Delfin darauf flattert über ihm am Himmel. Doch dann droht Gefahr: Ein Hai kommt näher, greift an, verheddert sich in der Delfin-Leine und holt den Flieger auf den Boden zurück. Ein Pyrrhussieg. Denn Navids Bruder Nima ist zwar drei Jahre älter, aber genauso ungeübt, weshalb sein Raubtier-Drachen ebenfalls abstürzt. Pech gehabt!

Den Umgang mit den flatterhaften Flugobjekten müssen die beiden noch üben. Zum Glück hat man uns im "Metropolis", dem Drachengeschäft in Lakolk auf der Insel Ræmæ, gut beraten und die Jungen überzeugt, es zunächst einmal mit einem Einsteigermodell zu probieren, bevor sie es mit Großdrachen oder Powerkites aufnehmen.

Obwohl die beiden an diesem Wochenende auch noch geschätzte 50 Quadratmeter Strand umgraben, Priele durch Tunnelsysteme umleiten, Krebse fangen und wieder freilassen und tütenweise Muscheln sammeln, sind die Brüder bald versiert im Drachenzähmen: Lässig und ohne fremde Hilfe bringen sie Delfin und Hai in die Höhe, steuern sie schwungvoll, simulieren Beinahe-Abstürze, wetteifern darum, wer höher hinauskommt und haben begriffen, dass man Abstand halten muss zum Nachbarn und seinem Flugobjekt.

Am ersten Wochenende im September wollen sie wiederkommen, wenn hier das Internationale Drachenfestival steigt, das mehr als 1000 Drachenlenker aufs dänische Ræmæ lockt. Neben Radfahren, Spazierengehen, Laufen und Reiten gehört das Drachenlenken zu den Lieblingsbeschäftigungen der Inseltouristen. Der Wind erweist sich als zuverlässig, der Strand als eine endlos scheinende Start- und Landebahn für alle möglichen Flugobjekte. Schon im Frühsommer ist der Himmel hier bunt gefleckt, in der Hochsaison kann es manchmal eng werden.

Das 700 Einwohner zählende Ræmæ behauptet von sich, Dänemarks schönstes "Ø" zu sein. Zugegeben, die 129 Quadratkilometer kleine Insel mit ihrer Dünen- und Heidelandschaft ist schön und hat gleich zwei "æ" im Namen. Aber genau genommen oder aus der Höhe betrachtet ist Ræmæ kein Kreis, sondern ein Oval mit einem Strich daran. Seit 60 Jahren verbindet der 9,8 Kilometer lange mautfreie Ræmædamm die südlichste dänische Nordseeinsel mit Jütland. Er ist die Lebensader des Tourismus, Ræmæs einziger nennenswerter Wirtschaftsfaktors. Da neben Dänisch auch Deutsch gesprochen wird und man überall mit Euro zahlen kann, funktionieren Kommunikation und Konsum ohne Wörterbuch und Wechselstube.

Aus Hamburger Sicht ist Ræmæ auch wegen der kurzen Anreise ein attraktives Wochenend- und Urlaubsziel: Eineinhalb Stunden nördlich der A 7, die erste Abfahrt nach der Grenze links ab, etwa eine Stunde geradeaus, und man hat einen der breitesten Strände Europas erreicht. Bei Ebbe dehnt er sich drei Kilometer weit aus und misst dann ein Drittel der Insel. Und jedes Jahr wird er noch ein bisschen breiter. Die Strömungsverhältnisse laden den Küstensand, den das drei Seemeilen südlich gelegene Sylt an die Nordsee verliert, nämlich vor Ræmæ ab. Am Strand herrscht oft reges Leben. Denn außer in wenigen markierten Zonen darf man, weil der Boden so flach und fest ist, mit dem Auto bis ans Wasser fahren. Angesichts der Breite des Strandes eine feine Sache - besonders, wenn man wie wir mit einer Ladung Eimern, Schaufeln und Drachen unterwegs ist.

Am Strand der Ortschaft Lakolk treffen sich Tagestouristen, Campingurlauber und Familien. Lakolk selbst ist so etwas wie das Einkaufszentrum der Insel. Das Butik-Center vereint allerlei Geschäfte, Restaurants und Pælser-Buden unter seinem Flachdach - und das Drachengeschäft "Metropolis".

Südlich von Lakolk liegt das Gebiet der Windsurfer; die Fahrer der Kitebuggys, das sind dreirädrige Gefährte mit Drachenantrieb, und die Strandsegler treffen sich am Sænderstrand im Süden, da, wo Sylt und der Leuchtturm von List bei Ebbe zum Greifen nahe scheinen und wo mehrmals täglich am Horizont die Fähre auftaucht, die den Hafen Havneby mit der deutschen Nachbarinsel verbindet. Die Fähre ist zwar nur ein ganz gewöhnliches Schiff, wird aber bei den Urlaubern trotzdem zum beliebten Fotomotiv. Denn je nach Perspektive kann es so aussehen, als fahre sie am Strand oder auf dem Deich statt im Wattenmeer.

Besondere Sehenswürdigkeiten auf Ræmæ? Da wäre zum Beispiel Dänemarks älteste und kleinste Kirche oder das 500 Jahre alte Gotteshaus in Kirkeby. Und das Naturcenter Tönnisgard veranstaltet neben Wattwanderungen auch Bunkerführungen. Die großen Betonbunkeranlagen wurden im Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft, als die Insel Stützpunkt der deutschen Wehrmacht war, die von hier mit dem sogenannten Elefantenradar die Deutsche Bucht zu überwachen versuchte.

Im 17. und 18. Jahrhundert gab es auf Ræmæ viele Walfang-Kapitäne, die von Holland, Schleswig-Holstein und Hamburg aus ihre Schiffe ins Nordmeer lenkten und mit ihren Fängen der Insel großen Wohlstand brachten. In Toftum hat das dänische Nationalmuseum den 250 Jahre alten Hof eines Kommandærs, wie die Kapitäne hießen, restauriert. In Juvre zeugt auch ein Gartenzaun von der Walfang-Ära Ræmæs. Da es auf der Insel kaum Bäume gab, wurden, wo es sich machen ließ, Walknochen statt Holz verwendet.

So ließ auch Peter Andersen List, Kommandeur des Hamburger Walfangschiffs "De twee jonge Hermanns", im Jahre 1772 sein Grundstück mit Walknochen umfrieden. Sein Schiff sank dann 1777 in einem schweren Sturm vor Ostgrönland. Der Zaun ist längst ein denkmalgeschützter Wal(l)fahrtsort für Touristen geworden.

Die Brüder Nima und Navid sind erst einmal schwer beeindruckt. Echte Knochen von einem echten Wal! Das müssen sie später zu Hause unbedingt ihren Freunden zeigen. Also hüpfen sie auf den Zaun und posieren fürs Erinnerungsfoto.

Als wir später die Ausbeute an Ræmæ-Bildern anschauen, ist jedoch schnell klar, welche "Tiere" für die zwei Jungen auf der Hitliste aus dem Urlaub obenan stehen. Was sind schon Reste eines Wals, den andere erlegt haben, gegen einen flugfähigen Delfin und einen flatterhaften Hai? Zumal die sich auch noch an der Leine herumführen lassen.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus