Kleine Fluchten: Hotel "Morsum Kliff" auf Sylt
Abseits vom Sylter Trubel
Es begann mit einer kleinen Herberge auf der Landzunge - für die Arbeiter des Hindenburgdamms.
Es ist das erste Haus oder das letzte. Je nachdem, ob man an- oder abreist; schon vom Zug aus kann es jeder sehen, sobald er Sylt erreicht. Die Lage ist selbst für diese vielgepriesene Insel etwas Besonderes: Eingebettet in das Naturschutzgebiet Morsumer Kliff liegt der Bau weitab von allem Sylter Trubel. Wie kommt ein Hotel und Restaurant in diesen abgelegenen Winkel?
Die Erklärung liegt im Bau des Hindenburgdamms. Schon 1903 wurde die Landverbindung zwischen Festland und Insel geplant. An dieser Stelle in Morsum sollte für die Arbeiter eine Station geschaffen werden, wo sie essen, trinken und schlafen konnten. Das Vorhaben war sehr umstritten. Dennoch wurde es realisiert und firmierte unter dem Namen "Restaurant Nösse". "Nösse" ist friesisch und bedeutet Landzunge. Im Winter lief der Verkehr zum Festland mit dem Eisboot, einer Kreuzung aus Boot und Schlitten, das über die Eisschollen geschoben und gezogen wurde. Da traf es sich gut, dass die Gäste an dieser Stelle nun die Möglichkeit bekamen, sich im Restaurant "Nösse" zu stärken.
Ursprünglich sollte das Morsumer Kliff abgetragen werden, um daraus den Bahndamm aufzuschütten. Auch dagegen regte sich glücklicherweise heftiger Widerstand, und so wurde das Gebiet 1923 unter Naturschutz gestellt. In den 1950er und 1960er Jahren führte Kalle Voss hier das Restaurant; dann brannte es ab. Als nächstes etablierte Jörg Müller in dem Neubau ein Feinschmeckerlokal. Als es ihn nach Westerland zog, übernahm Rudolf Schwenn die Gastronomie und baute das Ganze zum Hotel aus. Gemeinsam mit Renée Kreis erfüllte er sich damit einen Traum: ein bequemes Gasthaus mit einer unprätentiösen Küche.
Schwenn ist ein alter Hase in diesem Gewerbe. Geboren in Blankenese, begann er Anfang der 1970er Jahre im Hamburger "Vier Jahreszeiten" die Hotelkaufmannslehre, arbeitete dann in Frankreich als Kellner. Über weitere Stationen in Berlin, Celle und Badenweiler stieg er zum Direktor im Westerländer Hotel "Stadt Hamburg" auf, eröffnete später als eigener Herr die "Windrose" in Wenningstedt. Doch erst hier in der Morsumer Ruhe und Abgeschiedenheit, so sagt Schwenn, fühle er sich richtig wohl: "Weg von der Schickimicki- und Bussi-Bussi-Gesellschaft, wie man sie an der Westküste findet" (gemeint sind Kampen und Rantum). "Sylt ist für mich eine Insel der Pullover, wobei ich erst recht nichts dagegen habe, wenn der Pullover aus Kaschmir ist. Aber Schlipsträger sind genauso willkommen." Dem entspricht sein Motto: Die Gastronomie soll Toleranz zeigen. Also: "Der Kunde wird so akzeptiert, wie er sich wohlfühlt." Und so agiert auch das Personal: von aufgesetzter Freundlichkeit und Steifheit keine Spur.
Im Restaurant sitzt der Gast auf rustikalen Holzstühlen in leicht mediterranem Ambiente. Da "Morsum Kliff" auch ein beliebtes Ausflugslokal ist, gibt es fast rund um die Uhr etwas zu essen. Das üppige Frühstück wird am Tisch serviert und ist bis 17 Uhr (!) verfügbar; die Mittagskarte beschränkt sich klugerweise auf zehn Gerichte und ist für Sylter Verhältnisse preisgünstig. Nachmittags folgen hausgebackene Kuchen und Torten, abends wählt der Gast à la carte oder aus zwei Menüvorschlägen: regional-rustikal oder raffiniert. Im Erdgeschoss liegt auch die "Kapitäns Stuuv" - ein gemütlicher Platz, um den Tag beim Drink ausklingen zu lassen.
Die Zimmer betritt man durch einen kleinen Garderobenraum mit hübscher Flügeltür. Alle Räumlichkeiten sind mit Holz ausgekleidet, selbst die Decke und die Schrägen. Die Einrichtung orientiert sich am klassisch-englischen Landhausstil. Alle Zimmer bieten den Blick auf unverbaute Landschaft; bei guter Sicht ist das dänische Festland zu sehen.
Und wie steht's um den Wellnessbereich? Alles geregelt, und zwar rund um die Uhr: "Sie brauchen nur vor die Tür zu treten, und schon haben Sie Wellness für die Seele", sagt Rudolf Schwenn.












