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Reise

Im Bann der grauen Riesen

In Thailand können Urlauber lernen, Arbeitselefanten zu dirigieren - und arbeiten selbst am meisten.

Kein Tier wird vom Menschen so bewundert und verehrt wie der Elefant - und macht sich doch derart wenig daraus. Überhaupt interessiert sich der Elefant nur dürftig für den Menschen; es sei denn, er muss. Dann schaut er wie ein Sauertopf, steht wie gemeißelt, das Haupt gesenkt, den Rüssel gerollt, nur die Ohren flattern wie zwei Segel im Wind. "Hüh", sagt der Tourist in seinem Nacken. Und noch ein bisschen lauter: "Hüh!"

Der Elefant grunzt, er grummelt - und tut keinen Schritt. Denn er ist ein Arbeitselefant, kein Ackergaul, sensibel wie ein Goldhamster und stolz wie ein Pfau. Damit macht er alle Urlaubsplanung obsolet: Er ist keine Sonnenliege mit Vierfuß-Antrieb, auf der sich Reiter bequem durch die thailändischen Wälder schaukeln lassen können. Der graue Riese will für seine Tragedienste gefüttert, gepflegt und gelobt werden. So wird die Reitfreizeit zum Aktivurlaub mit Rollentausch: Animateur ist der Tourist, der Elefant nur verwöhnter Gast mit mäßiger Begeisterung für das sportliche und kulturelle Rahmenprogramm, nach dem Motto: Wer mit Arbeitselefanten arbeitet, arbeitet selbst am meisten.

So lernt der Tourist in seiner neuen Rolle als Elefanten-Unterhalter, wie er seinen mimosenhaften Dreitonner antreibt, ihm Eiterbeulen ausdrückt, ihn badet und schrubbt. Er lernt ferner, dass Elefanten zickig sein können und Zuckerrohr lieben und vor allem: dass Elefantenreiter kräftige Stimmbänder, stramme Beine und eine Haut brauchen, die noch dicker ist als die des Elefanten. Man verzeiht ihm aber alle Plackerei, denn im Grunde ist er ungemein liebenswert. Ja, man könnte fast sagen: Elefanten machen süchtig.

Schuld daran ist auch Bodo Förster, hauptberuflich bekennender Elefantenverrückter. Daneben Elefantentrainer und Pfleger im Berliner Tierpark Friedrichsfelde. Es gibt wenig in seinem Leben, was nicht mit Elefanten zu tun hat. Kein Urlaub ohne Elefanten, keine drei Sätze ohne das E-Wort. Und er tut alles, um seine Gäste anzustecken. Nahe Mae Sopok im Norden Thailands betreibt er seit vier Jahren ein Elefantencamp, der einzige Europäer weit und breit, vor allem der einzige Europäer, der auch noch die traditionellen Techniken der Mahouts beherrscht - im Gegensatz zu vielen einheimischen Elefantenleuten.

War die Arbeit mit den Tieren einst ein ehrenvoller Beruf und der erste eigene Elefant Traum vieler junger Männer, so will heute kaum noch jemand Mahout werden. Die Jugendlichen in Mae Sopok sparen nicht mehr auf Elefanten, sondern auf Hondas, seit die thailändische Regierung den Holzeinschlag vor 15 Jahren verboten hat und die meisten Mahouts und ihre Elefanten arbeitslos sind. Mit den Arbeitselefanten verschwindet auch die Kultur der Mahouts, bedauert Förster. Die alten Arbeitstechniken werden nicht mehr vom Vater zum Sohn weitergegeben. Das Wissen um die Elefantenhaltung stirbt aus. Und so sind auch die Tage der Mahouts gezählt; Meister und Sklaven der riesigen Tiere zugleich, die mit ihnen aufwachsen und sie kennen wie kein anderer.

Der 17-jährige Siwilat gehört vielleicht zur letzten Generation der Elefantenleute. Sein Großvater hat als Elefantenführer in den schwer zugänglichen Bergen um Mae Hong Son gearbeitet und tonnenschwere Teakstämme vom Hang ins Tal gezogen. Seit drei Jahren arbeitet Siwilat mit seiner 25-jährigen Elefantenkuh Mae Gaeo, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Ein Leben im Rhythmus von schlafen, essen und das Tier pflegen. Und doch: Siwilat kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Sechs Jahre ist er zur Schule gegangen, um mit zwölf Jahren Mahout zu werden. Sein Bruder ist Mahout, sein Vater ist Mahout, sein Großvater und seine Onkel.

Aber während im südlichen Afrika die Elefantenpopulation in Nationalparks wieder zunimmt, sind die Tage der asiatischen Elefanten gezählt. In ganz Thailand leben derzeit höchstens noch 3000. Vor 15 Jahren waren es dreimal so viele. Noch aber bringt Siwilat zusammen mit Bodo Förster den Gästen die Mahout-Künste bei: Den Dickhäuter baden, satteln, aufsteigen, lenken und nach wenigen Tagen mit ihm Baumstämme rollen und stapeln. Aber vorher kommt immer das Baden. Der deutsche Elefanten-Laie, tierfilmgeschult und Zoo-erfahren, glaubt zu wissen: Der Elefant liebt Wasser. Der Freizeit-Mahout aber merkt schnell: Der Elefant hasst Wasser, vor allem im Winter, und zwar so sehr wie jeder vernünftige Mensch eine eiskalte Dusche am Morgen. Der Elefant, nicht dumm, kennt daher Wasser-Vermeidungsstrategien, die alle darauf hinauslaufen, dass der Freizeit-Mahout zuerst selber ins kalte Wasser muss, um seinen Schützling kräftig am Ohr zu ziehen.

Irgendwann stelzt der Elefant pikiert und auf Zehenspitzen ins Wasser, legt sich widerwillig hin, damit ihn der Mensch mit dem Schrubber von Gras, Matsch und Sand befreien kann. Während der Mahout schrubbt, gurgelt der Elefant ungeduldig mit dem Rüssel im Wasser wie ein Kind mit dem Halm in der Cola. Danach ist der Elefant meist blitzblank und gut durchblutet, sein Hüter dagegen nass, sandig und kaputt. Beim Rausgehen rächt sich der Geschrubbte wie aus Versehen mit einer kräftigen Sanddusche - für sich und für seine Putzhilfe.

Er tut das mit einer gewissen Schadenfreude, denn er weiß: Der Mahout kann sich nicht wehren, dazu ist der Graue zu kolossal. Ein asiatischer Elefant hat in etwa die Statur eines mit Blei gefüllten Opel Corsa auf vier Beinen: Zweieinhalb Meter hoch, mehr als einen Meter breit, drei Tonnen schwer. Täglich verbraucht er je nach Appetit 200 Kilo Bambus, Gras und Äste. Damit erzeugt der Elefant genug Energie, um ein kleines Haus zu heizen. Mit seinem täglichen Ausstoß an Methangas könnte ein Auto einige Kilometer weit fahren. Ein Elefant kann mit dem Rüssel bis zu 200 Kilo heben.

Im direkten Umgang mit dem Elefanten wird schnell klar: An seiner dicken Haut prallt alles ab, vor allem das Flehen und Bitten des Freizeit-Mahouts. Ansonsten ist der Riese aber zutraulich und zahm. Sitzt der Reiter erst einmal ohne Sattel, Zügel und andere Gerätschaften zum Festhalten im Nacken des Elefanten, so begibt er sich vollkommen in dessen Abhängigkeit. Vor allem, weil ein Elefant lediglich mit Füßen, Worten und Gefühl gelenkt wird und sonst nichts.

"Sprich mit deinem Elefanten", ruft der Elefantenverrückte von unten. Also spricht man, erzählt dem Tier, dass Elefanten so stark sind wie 100 Männer. Man lobt und preist, doch der Elefant lässt sich nicht bestechen, schlackert nur mit den Ohren und rupft an einer meterlangen Liane, die er seit einer halben Stunde hinter sich herschleift. Nebenbei fällt er oberarmdicke Bäume, als wären es Grashalme und stülpt seinem Reiter dabei mal eben eine grüne Blätterdecke über den Kopf.

"Elefanten sind keine Menschen, aber sie sind ihnen manchmal sehr ähnlich", sagt Bodo Förster schmunzelnd. "Sie können hysterisch sein, melancholisch, schlecht gelaunt, stur, faul oder albern." Am liebsten jedoch, so scheint es, sind Elefanten faul - zumindest gegenüber dem Freizeit-Mahout. Sitzt aber der Berufsmahout Siwilat im Genick von Mae Gaeo, beginnt sie zu rennen, als ginge es um eine Meisterschaft. Außerdem: Der Elefant denkt ständig ans Essen, liebt Süßes, kann mit etwas Training mäßig Fußball spielen lernen, kommt mit 14 in die Pubertät, macht eine Ausbildung und arbeitet, um mit 60 in den Ruhestand zu gehen. Deswegen droht dem Elefanten nun auch das Übel der Erwerbsgesellschaft: die Massenarbeitslosigkeit. So ist denn der Freizeit-Mahout eine Art ABM für das ansonsten nicht mehr benötigte Arbeitstier.

Untersuchungen haben ergeben, dass das Dickhäutergehirn mehr Windungen aufweist als das menschliche, was als Zeichen von Intelligenz gilt. Womit immer noch nicht geklärt wäre, wer hier eigentlich für wen arbeitet.

 

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