Die Luft ist frisch und würzig, überall warten kleine Überraschungen. In den Wintertagen ist die Lagunenstadt noch romantischer als im Sommer - weil man sich dann fast als Einheimischer fühlt.

Im Winter nach Venedig - das muss etwas für Melancholiker sein. Jedenfalls ist dieses Vorurteil oft zu hören. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Stadt steckt voller Überraschungen und lässt kaum Spielraum für Trübsal.

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Es sind diese kleinen Momentaufnahmen, die Venedig zu dieser Jahreszeit so liebenswert machen. Da stakst zum Beispiel hinter einer Absperrung vor dem Arsenal der einstigen Kriegsmarine eine junge Frau mit einem Staubtuch herum und reibt die steinernen Löwentatzen so liebevoll ab, als wüsche sie einem Kind die Füße. In einem Lichtkegel aus Sonnenschein lehnt eine Frau im gelben Mantel an einer Hauswand und gähnt so sehr, dass ihr Unterkiefer Gefahr läuft auszuhaken. Mitten im Strom der Einheimischen, die wie Roboter durch die kalten Schatten huschen, scheint sie ihre Müdigkeit in der öffentlichen Wärme gern zu zelebrieren. Oder mitten in der Nacht. Der Auftritt im Jazzklub ist vorbei. Der Bassist hält sein Instrument wie ein Baby im Arm, als er das Lokal verlässt, und setzt zum Sprung an. Er hüpft vom Kanalufer über das erste, an der Mauer angeknotete Boot auf das zweite, das mit dem ersten vertäut ist. Dann legt er seinen Kontrabass hinein, eilt zum Starter, lässt den Motor an und tuckert im Schritttempo den Wasserweg Richtung Canal Grande in die Dunkelheit davon. Ein friedliches Bild einer autofreien Stadt.

Die Seeluft, die durch die tausend Winkel des Häuserlabyrinths weht, ist frisch und würzig. Frei von Mopeds und Autos, mit Tausenden von Pfaden, Brücken und Kanälen, versprüht das lebendige Venedig, in dem 80 000 Menschen leben, alles andere als Modergeruch. Gerade der Winter hält Frische bereit - und das bei den wenigen Bäumen, die dort wachsen. Der Blick bleibt meist an den Hausfassaden hängen, die so vielfältig und antik sind, dass schon bei der Fahrt auf dem Canal Grande der Kopf kaum weiß, wohin er sich zuerst drehen soll.

Mit dem Vaporetto, dem Linienboot, ist es eine gemütliche Tour. Das echte Canal-Grande-Gefühl aber kommt erst auf bei der Überquerung desselben auf einer Gondel. Stehend freihändig wie die Einheimischen steigen auch die Touristen auf den schwankenden Kahn. Für 50 Cent pro Fahrt, die kaum länger als eine Minute in Anspruch nimmt, bringen die Gondolieri die Besucher sicher ans andere Ufer. Die Männer sind eher schweigsam. Ein Lächeln kommt ihnen selten über die Lippen. Wahrscheinlich verlangt die hohe Konzentration zu viel Energie: Motorboote, Taxiboote, Ambulanzboote, das Linienschiff, die Touristengondeln, die Lastkähne, das Öltankschiff - sie alle winden sich wie auf einer Ameisenstraße mit minimaler Fluchtdistanz aneinander vorbei.

All dies sind Momente im Leben eines Touristen, die haften bleiben. Die Beinahzusammenstöße, das Abstützen auf den fremden Schultern des Nachbarn, um nicht ins Wasser zu fallen, das sichere Anlegemanöver, unterlegt mit Holzknarren, und das überflüssige Unter-die-Arme-Greifen.

Ja, das ist das Besondere, das macht die Lagunenmetropole, die im Jahre 421 gegründet wurde, so einmalig. Es ist zwar bisher oft versucht worden, Venedig zu kopieren, von Las Vegas über Shenzhen in China und im Legoland Günzburg oder irgendwo in Luxemburg. Aber als Vorlage für Fantasien und Gefühle im kollektiven Touristenbewusstsein ist die Stadt ein unverfälschbarer Monolith und nicht zur Nachahmung gemacht.

Das Anziehende sind vor allem die Häuser im Wasser, die Boote im Kanal, die Ruhe in den Gassen, die vielen Synonyme für Tod, Geburt und Erotik, und dann sind es die Episoden in den Eckkneipen mit dem Cappuccino für 80 Cent, die Rufe und Blicke der Bauarbeiter hinter den wasserdichten Spundwänden und die Gemächlichkeit der Glasbläser von Murano, die den Flaneur in den Bann ziehen. Mit jedem Schritt durch das Gewirr der Gassen erobert die Stadt mehr von der Freiheit des Besuchers. Und irgendwann erliegt er Venedig. Er will nicht mehr loslassen, nicht mehr abreisen, immer mehr entdecken. Es gibt Menschen wie den amerikanischen Schriftsteller Louis Begley, der seit 60 Jahren ständig wieder kommt und bei der Frage nach seinen Lieblingsplätzen in eine unendlich erscheinende Aufzählung verfällt. Auch er spürt: Venedig wirkt wie ein Museum, ist aber wie ein lebendiger Organismus ständig im Umbau, im Aufbruch und erzeugt Frische.

Bizarr und lebensfremd wirkt dagegen der Lido im Winter. Mögen dort im Sommer Kinder am Muschelstrand toben, Eisverkäufer Warteschlangen erzeugen und das Strandhotel gewischte Flure haben, jetzt verkörpert alles Stillstand. Die Venedig vorgelagerte Insel erstarrt in rostigen Absperrungen und löchrigen Seebrücken. Rundhütten am Strand sehen aus, als seien sie auf einem Bauhof vergessen worden. Da strömen die Wintertouristen schnell wieder zurück in die kultige Mitte der Lagunenstadt.

Genießer wohnen privat. Es gibt Vermittlungen, die besorgen einem eine Wohnung, meist günstiger als jedes Hotel. Da gibt es manchmal sogar Familienanschluss, auf jeden Fall aber einen Herd. Selbst kochen ist gefragt. Morgens über den Markt schlendern, Gemüse, Obst und Fisch einkaufen, dann der Rückzug ins Private am Abend. Das ist mehr Venedig als eine von der Überlieferung geprägte Wunschreise mit einem Gondoliero, der in den seltensten Fällen wirklich singt. Das Klischee von der romantischen Gondelfahrt ist abgegriffen, längst in die Adria hinausgespült.

Die Rialtobrücke allerdings ist immer noch das meist fotografierte Motiv. Daneben Altbekanntes und Neues, das Venedig einfach so unverwechselbar macht.