25.10.08

Das "Art Nouveau Hotel" in Berlin

Ein begehbares Kunstwerk

Das Jugendstilhaus in der Nähe des Ku'damm hat viele Stammgäste - weil die sich dort einfach fast wie zu Hause fühlen können.

Foto: PR
Das "gelbe" Zimmer, eines der größten, ist fast immer ausgebucht, weil es so schön hell ist. Nur vier der 22 Zimmer gehen zur Straße hinaus, alle anderen zum ruhigen Innenhof.
Das "gelbe" Zimmer, eines der größten, ist fast immer ausgebucht, weil es so schön hell ist. Nur vier der 22 Zimmer gehen zur Straße hinaus, alle anderen zum ruhigen Innenhof.

Ein Vogelkäfig von Aufzug, immerhin mit zwei schmalen Sitzbänken, kämpft sich seit 1905 die vier Stockwerke dieses anspruchsvollen Jugendstilhauses hinauf. Raucher brauchen sich gar nicht erst zu bemühen, sie erhalten keines der 22 Zimmer mit ausgesuchten Antiquitäten und "himmlischen Betten", wie jemand ins Gästebuch schrieb. Da sind die Betreiber Christine und Gerd Schlenzka seit elf Jahren konsequent.

Sie, die Hausherrin, begrüßt die Gäste an der Tür mit den Worten: "Dies ist sicher nicht das billigste Hotel in Berlin, aber das schönste." Er, der Hausherr, sitzt am Computer und versendet Mails an Stammgäste. Und die Stadtwohnungs-Architektur dieser Hoteletage im Berliner Bezirk Charlottenburg, den Politiker gern zur City West ummodeln wollen, kommt auch weltweit an.

"In Sachen Atmosphäre erste Wahl", urteilte das Londoner Magazin "Time out". Ähnlich überschwänglich äußerte sich die "New York Times" über dieses Ambiente mit seinen 4,20 Meter hohen Stuckdecken und den limonen- oder ochsenblutfarben stimulierenden Wänden.

Es gibt ein italienisches Zimmer mit properem Bett, ein japanisches mit einer schwarzen Holztonne als Nachttisch und ein literarisches mit schwarzem Sekretär. Im blauen Zimmer sind selbst die Papierkörbe blau, und das gelbe Zimmer ist fast immer ausgebucht, weil es so schön hell ist. Die Badezimmer wurden eingeklinkt, ohne den Deckenstuck zu zerstören. So entstand ein weiterer Oberlichtschacht. Solche Details gefallen, dazu gehört auch das meterlange Leporello mit einem Brecht-Gedicht.

Vor allem Künstler fühlen sich angezogen. Der Designer Jaume Plensa, der den Millennium Park in Chicago mitgestaltete, benutzte das Gästebuch als Skizzenbuch und zeichnete akribisch einige Entwürfe hinein. Der Maler Ernst Fuchs, der gern preisgibt, dass er mit 16 Frauen 16 Kinder hat, ließ sich von der ihn begleitenden Geliebten dazu verleiten, mit dem Kugelschreiber ein Selbstporträt beizusteuern, selbst das Käppchen fehlte nicht. Und die Malerin Rosemarie Trockel, die hier mit Freunden eine Whiskyparty veranstaltete, notierte vor ihrer Abreise: "Gott sei Dank kein Hotel, sondern ein richtiges gemütliches Zuhause."

Das ist es. Man fühlt sich in dieser Hoteletage wie zu Hause. Nur vier der 22 Zimmer gehen zur Straße hinaus, alle anderen sind zum Innenhof mit seinen Laubbäumen ausgerichtet. Der Kurfürstendamm liegt zwei Gehminuten, gefühlsmäßig jedoch kilometerweit entfernt. Eine Attraktion ist die gut bestückte Bar im Salon, die auf Vertrauensbasis funktioniert: Gäste nehmen sich ihre Drinks, verschiedene Biere und Weine, und schreiben an. Briten und Südeuropäer glauben manchmal gar nicht, dass der große Kühlschrank voll ist und sich jeder so viel Wasser, Eis und Obst holen kann, wie er will. "Aber die meisten sind reell", erklärt Gerd Schlenzka. Zu Hause schummelt man nicht.

Das Betreiberpaar arbeitet mit wenig Personal. Man kann sich mit ihm in Englisch, Französisch und Spanisch verständigen, das Publikum ist international.

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