Türkei: Die Kilikische Küste im Süden ist weitgehend Neuland für deutsche Touristen
Wo an 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint
Rund um die Hafenstadt Mersin erwartet den Besucher viel unberührte Natur. Man findet hier aber auch Zeugnisse einer spannenden Historie.
Der Kaiser beschloss, in den Fluten des Saleph ein Bad zu nehmen. Doch in der Mitte des Stromes versank er auf einmal und ertrank - vor den Augen seiner Soldaten.
Ich stehe auf historischem Boden am bewaldeten Steilufer des Flusses, welcher heute Göksu Nehri heißt, nahe der Kleinstadt Silifke im Süden der Türkei. Man schrieb den 10. Juni 1190, als Friedrich Barbarossa auf seinem dritten Kreuzzug nach Palästina ums Leben kam.
Noch ist die Kilikische Küste absolutes Neuland für deutsche Touristen. Spannende Geschichte, unberührte Natur und unverfälschtes türkisches Alltagsleben gibt es hier, ebenso findet man geheimnisvolle Buchten, steil abfallende Klippen und endlos lange Strände. Wichtigste Stadt ist Mersin, eine Hafenmetropole, die in manchen Details tatsächlich an das mondäne Cannes in Frankreich erinnert. Von hier aus startet täglich die Fähre nach Zypern.
Mersin gilt als Stadt des Sommers, 300 Tage im Jahr scheint die Sonne. Die Einwohner behaupten, sie hätten drei Jahreszeiten: Vorsommer, Sommer und Nachsommer. Entlang der Küste verläuft der sechs Kilometer lange Flamingo-Boulevard mit Palmen, Restaurants, gepflegten Parks, exklusiven Wohnhäusern und einer luxuriösen Hotelanlage. Aber noch fehlt der Stadt der eigene Strand. In den nächsten Jahren sei er geplant, heißt es im Rathaus.
Unerwartet ragen sechs weiße Türme in den blauen Himmel. "Unsere neue Moschee", sagt Yilmaz Kisilmis (37), mein türkischer Reisebegleiter. Yilmaz ist in Hildesheim aufgewachsen und spricht perfekt deutsch. Er lebt mit seiner Familie in Mersin. Die Mugdat-Moschee ist knapp zehn Jahre alt. Wir ziehen die Schuhe aus und gelangen durch das große Portal in den Gebetsraum mit seinen bunten Säulen. Etwa 1000 Gläubige finden hier auf einem riesigen Teppich Platz, den Blick nach Mekka gerichtet. Die Männer unten im Erdgeschoss, die Frauen von ihnen getrennt oben auf der Empore. Kein Blickkontakt ist möglich. "Meine Generation lehnt diese neue Moschee ab", sagt Yilmaz. "Wir alle sind Moslems. Aber man hätte für das Geld mindestens fünf neue Schulen bauen können. Das wäre sinnvoller gewesen."
Mein Begleiter lädt mich zu einem Bummel durch seine Stadt ein. Es herrscht Hochbetrieb in den Straßen. Die City ist ein einziger Basar mit unzähligen Läden und Lokalen. Geschäftiges Treiben überall, aber niemand hetzt und drängt. Die meisten Frauen sind modisch gekleidet, nur wenige tragen ein Kopftuch. Westeuropäische Touristen sind nicht zu entdecken.
"Wir hoffen in diesem Jahr auch auf Kunden aus Deutschland", sagt Achmed Kiskac. Er ist Juwelier und hält ein paar besondere Angebote bereit. Seine Hits sind ein schmaler Goldring für umgerechnet 85 Euro und eine Goldkette mit zwei angeblich echten Perlen für 155 Euro. Ein Junge kommt uns entgegen. Auf dem Kopf trägt er eine große Schale mit frischen Brezeln. Er verkauft sie zu einem Spottpreis, umgerechnet für zwölf Cent. Ilham ist vierzehn Jahre alt, besucht die sechste Klasse und hat die offizielle Erlaubnis für seinen Job, den er nach der Schule ausübt. Ich kaufe ihm ein paar Brezeln ab, zahle mit türkischer Lira. Der Euro ist für die Menschen hier noch ohne große Bedeutung.
An der nächsten Ecke hat sich eine lange Schlange vor einem Imbissstand gebildet. Es ist Mittagszeit, und es gibt Tantuni, ein Nationalgericht aus Rind- und Hackfleisch, das mit Zwiebeln und vielen Gewürzen in Öl und Wasser gebraten und mit Fladenbrot gegessen wird. Die Portion kostet etwas mehr als einen Euro.
Wir entscheiden jedoch uns für ein Fischrestaurant. Im "Yasar", einem der bekanntesten der Stadt, empfiehlt der Ober einen Levrek-Fisch, frisch aus dem Mittelmeer geangelt. Der sensationelle Preis: neun Lira, etwa vier Euro. Ich solle einen Raki dazu trinken. Doch als ich höre, dass der Schnaps einen Alkoholgehalt von 45 Prozent hat, lehne ich dankend ab und nehme eine Cola. Mein Reisebegleiter erklärt mir schmunzelnd, dass ein Raki mit genügend Wasser gemixt einem nichts anhaben könne und ein tolles Getränk sei.
Auf dem Weg zum Hotel kommen wir bei den Schuhputzern der Stadt vorbei. Ihre Arbeit gilt als angesehene Tätigkeit in der Türkei, denn Service wird großgeschrieben. Neun Männer, junge und alte, sitzen ein paar Schritte vom Rathaus entfernt in ihren Arbeitsboxen. Sie hören ihren Kunden geduldig zu und sind eine Art Straßenfunk mit den neuesten Nachrichten. Ich lasse mir von Mahmut das verstaubte Leder säubern. Er ist 29 Jahre alt, verheiratet, hat ein Kind und verdient umgerechnet zwischen 150 und 200 Euro im Monat. Für das Schuheputzen nimmt er zwei Lira (knapp ein Euro).
Yilmaz lockt mich ins "Halil", eines der besten Süßwarengeschäfte des Landes. Dort drängen sich die Kunden und kaufen Cezerye, eine Köstlichkeit aus Nüssen, Möhren, Gewürzen und tausend anderen Geheimnissen. Auch mir schmeckt es. "Stärkt die Manneskraft", sagt Verkäufer Selim grinsend, und schneidet Scheibe um Scheibe von einem großen Stück für die Kunden ab.
Wir fahren westwärts. Vor den Toren der Stadt endlose Strände mit feinkörnigem Sand. Das kleine Kizkalesi zwischen Mersin und Silifke mit seiner schönen Badebucht und seiner antiken Vergangenheit hat sich bei Touristen bereits einen guten Namen gemacht. Zum Ort gehören zwei alte Burgen: eine auf dem Festland, eine zweite im Meer, 200 Meter von der Küste entfernt, bestückt mit acht Wehrtürmen. Der Name der Burg wurde auch der Name des kleines Dorfes auf dem Festland: Kizkalesi. Übersetzt: Mädchenburg. Ali Kalin betreibt heute an der Küste direkt gegenüber der Mädchenburg sein "Kilikya Hotel" mit 75 Zimmern. Der clevere 42-Jährige setzt ganz auf Stammgäste. 140 sind es bereits, die jedes Jahr aus Deutschland anreisen. Im Mai und Juni oder im September und Oktober. "Es sind Gäste, die vom Massentourismus die Nase voll haben, mit Freunden zusammen sein und wie die Einheimischen leben wollen", erzählt Ali. Deshalb nehmen auch alle während ihres Urlaubs türkische Namen an. Helmut aus Köln nennt sich Ahmed, seine Frau Sabine ist Ayse geworden. Sie bevorzugen reine türkische Speisen, trinken türkisches Bier und besuchen die antiken Stätten. Wie Kanlidivane, das auf Deutsch "Blutige Verrückte" bedeutet, und eine zerfallene Stadt aus der Antike ist, die ganz in der Nähe liegt. Der unheimliche Ort besteht aus uralten Mauern und einer tiefen Schlucht. Noch heute wird erzählt, dass die damaligen Bewohner die Verbrecher in diese dunkle Schlucht warfen und sie von wilden Tieren zerfetzen ließen.
Eine der wichtigsten Städte der Antike war Tarsus, eine Autostunde östlich von Mersin. Hier empfing der römische Staatsmann Marcus Antonius als Zeichen seiner großen Liebe die ägyptische Königin Kleopatra bei ihrer Reise durch Anatolien bereits am Stadttor. Das Treffen von Antonius und Kleopatra war für die Weltgeschichte von großer Bedeutung und wurde von einem Dichter der Antike als das Treffen zweier Götter zum Wohle der Welt bezeichnet. Das Tor von Tarsus wird auch noch heute nach Kleopatra genannt.
Tarsus gehört zu den ersten Orten der Welt, von denen aus sich das Christentum verbreitete. Saulus kam in Tarsus als Jude zur Welt, reiste nach Jerusalem, lernte Jesus kennen, wurde zu seinem Anhänger und nannte sich fortan Paulus. Im Zentrum von Tarsus lag sein Wohnhaus mit dem St.-Paulus-Brunnen, der heute besichtigt werden kann.
Ausflug ins Hinterland, das Taurusgebirge zum Greifen nahe. Die ersten Berge, gut ausgebaute Straßen schrauben sich zwischen den bewaldeten Hügeln nach oben, in der Ferne ein paar Gipfel im Schnee. Nach einer knappen Stunde sind wir in Caglarca, einem Bergdorf. Die Menschen hier leben von der Landwirtschaft und der Forellenzucht. Mehmet ist seit zehn Jahren Chef des Restaurants "Santa Iros", Anziehungspunkt für Urlauber von der Küste, die eine gute Forelle zu schätzen wissen. 10 Türkische Lira, knapp fünf Euro, kostet eine Portion. Dazu gibt es frischen Salat und ein Glas türkischen Weißwein.
Als wir die schmale Landstraße hinunterfahren, geht hinter den Bergen malerisch die Sonne unter. Im Hotel treffe ich Teyfik Kisacik, den deutschen Honorarkonsul. "Die deutschen Urlauber an der türkischen Riviera denken immer, östlich von Alanya ist die Welt zu Ende", wundert er sich. "Ich bin sicher, dass hier in Mersin und Umgebung die Zukunft für den Tourismus liegt." Das Gleiche bestätigt auch Remzi Buharali, ein weitgereister Konzert-Manager aus Ankara. "Mersin gehört zu den Städten mit der besten Perspektive", betont er. "Eine Stadt voller Leben, voller Power, voller Ideen."



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