England: Im "The Grove" wird bis heute die aristokratische Wohnkultur gepflegt
Hinter die Gemäuer des britischen Landadels blicken
Betuchte Londoner und viele Hollywood-Größen machen es sich in dem alten Herrenhaus bequem.
Ron Weasley und seine Brüder, die Zwillinge Fred und George, stehen in der Lobby zusammen. Um die drei Rotschöpfe herrscht ein Gewusel, als wäre dies der erste Schultag nach den Ferien im Zauberer-Internat Hogwarts und sie warteten hier auf Harry und Hermine. Die Wahrheit sieht prosaischer aus: Es sind Rupert Grint und seine Filmpartner James und Oliver Phelps; die Jungschauspieler beratschlagen, ob sie nach draußen gehen sollen, um zu sehen, wie sich Tiger Woods auf dem Green schlägt. Später wird man die drei beim Mittagessen mit Michael Douglas sehen. Dessen Frau, Catherine Zeta-Jones, sei am Morgen abgereist, so ist zu hören.
Eine solche Ballung prominenter Namen und Gesichter ist selbst für einen Sonntagmorgen im Hotel "The Grove" recht selten. Zum Teil liegt sie darin begründet, dass hinterm Haus ein internationales Golfturnier ausgetragen wird. Aber eben nur zum Teil. Im "Grove" lässt es sich gut wohnen, und da die Studios, in denen neben anderen auch die Filme um Harry Potter gedreht werden, ganz in der Nähe liegen, nehmen viele Filmschaffende das Hotel als Kantine und Domizil. Alfonso Cuarn, der mexikanische Regisseur von "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", mietete sich für die gesamten Dreharbeiten hier ein.
Am Wochenende machen es sich nicht nur durchreisende Hollywood-Größen, sondern vor allem auch betuchte Londoner hier draußen bequem. Denn: "When one is in town, one amuses oneself. When one is in the country, one amuses others", wusste schon Oscar Wilde: In der Stadt, vergnügt man sich selbst, auf dem Land unterhält man andere. Tatsächlich war "The Grove" einer der ersten Herrensitze, auf denen die urbritische Institution der Wochenend-Party im eigenen Landhaus oder dem von Freunden gepflegt wurde, was wohl mit seiner Nähe zur Hauptstadt und der Eisenbahnstation Watford Junction zu tun hat. Denn erst mit Erfindung der Eisenbahn war sie praktikabel, die Wochenend-Spritztour ins Grüne, die Erholung bringen sollte nach einer Woche der Parlamentssitzungen, der Partys und des Prassens in der Hauptstadt.
Bis 1920 war dieses Herrenhaus das Heim der Earls of Clarendon. Königin Victoria dinierte hier und König Edward VII., weitere Gäste waren Vita Sackville-West, Schriftstellerin und Besitzerin von Sissinghurst, einem der berühmtesten Gärten Englands, der Premier Lord Palmerston und der Künstler George Stubbs. Dieser pflegte von seinem eigenen Anwesen herüberzuwandern, um auf dem Weg seine berühmten Pferdebilder zu malen. Gastgeber der glamourösesten Partys war der vierte Earl, George William Frederick Villiers.
Dann begann jene Epoche des Umbruchs, in welcher der Adel steigende Heiz- und Personalkosten schmerzlich zu spüren begann. In vielen Fällen sprang der National Trust ein, der historische Häuser der Öffentlichkeit zugänglich macht, um sie erhalten zu können, wobei die Erben der Gemäuer oft einen Teil des Anwesens weiter bewohnen. Andere Aristokraten entschlossen sich zum Verkauf. Nicht wenige Landhäuser mussten das Geld für ihren Unterhalt nun als Schlosshotel verdienen. So auch das Heim der Earls von Clarendon nach einigen Umwegen. Zunächst zog ein Mädcheninternat ein, dann eine Gartenbauschule, später eröffnete die Eisenbahngesellschaft British Rail hier ein Schulungszentrum. Schließlich stand das Gemäuer leer und verfiel. 1996 erwarben zwei Brüder, die anonym bleiben wollen, sie besitzen mit dem "Athenaeum" auch ein elegantes Hotel in London, das Anwesen mit dem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Da waren die Gewächshäuser längst zerstört, der Park überwuchert, das Haus verwahrlost. Es begann eine geschäftige Zeit: Man legte einen Golfplatz an, 17 000 Bäume wurden gepflanzt, in Südfrankreich suchte man nach Lampen und Gartenmöbeln und ein Gartenarchitekt machte sich daran, die Strukturen des englischen Landschaftsgartens unter der Wildnis ausfindig zu machen. Archäologen forschten außerdem nach den Resten einer römischen Siedlung. Sie fanden nur das uralte Grab eines Paares, das Kopf an Fuß zusammenlag. Nach einigen Monate in einem Karton unter dem Schreibtisch eines der Büros verschaffte man den Gebeinen ein würdiges Begräbnis auf dem Dorffriedhof.
2003 wurde das Hotel eröffnet - als modernes Haus in historischem Gewand. Durch das Fehlen von Chintz, Blümchenmustern und sonstigen Elementen englischen Landhauskitsches unterscheidet sich "The Grove" vom traditionellen englischen Schlosshotel. Ein Ambiente aristokratischer Wohnkultur hat es bewahrt. Popsänger Robbie Williams waren die unterschiedlich geschnittenen, mit einem Mix aus Antiquitäten, Hightech-Ausstattung und modernen Kunstobjekten sehr stylish eingerichteten Suiten zu viel; er bevorzugte die kühle Klarheit der Standardzimmer im neuen Westflügel. Kylie Minogue und ihre Schwester Dannii hingegen lieben die Suiten im alten Haupthaus. Vor allem die geräumige Nummer 45, die auch Catherine Zeta-Jones bucht.
Im Herrenhaus liegen die Flure im Finsteren und sind mit schweren, dunklen Samtvorhängen ausgekleidet, als lohne es sich tatsächlich, hier, in Nachbarschaft zum Verbotenen Wald, nach dem geheimen Eingang zum Zauberinternat Hogwarts zu suchen. In der Bibliothek können sich die Gäste vor einem großen, mit Stuck verzierten Kamin lagern oder in tiefen Sesseln durch raumhohe Fenster in den Park hinausträumen.
Heute braucht man keine Einladung auf handgeschöpftem Büttenpapier mehr, nur eine ausreichend belastbare Kreditkarte, um die Freuden gehobenen englischen Landlebens zu genießen: Vor dem Frühstück durch den Park streifen, am Bach vorbei, wo Enten auffliegen, bis zum ummauerten Garten. Den ließ der fünfte Earl von Clarendon, der die engen Beziehungen seiner Eltern zum Königshaus geerbt hatte, 1878 anlegen, um seinen Gästen Zitronen, Pfirsiche und Trauben bieten zu können. Die Statue einer mit künstlichem Buchs verzierten Giraffe - derlei Skurrilitäten weisen den Landsitz als echt englisch aus - schaut über die Mauer, innen wird Biogemüse für die Restaurants gezogen. Später lässt man sich mit einem Tee und einem Buch ins Sofa sinken. Bis man schließlich zum Drink vorm Dinner am Kamin wieder zusammenfindet. Dieses Wechselspiel von individueller Entspannung und abendlicher Geselligkeit ist kennzeichnend für das englische Wochenende auf dem Land.
Die klassischen Vergnügungen des Landadels, das Reiten und die Jagd, sind im Hotel ersetzt von einer Runde Golf oder ein paar Stunden im Spa. Ein wenig vom Glamour der Gästebuch-Einträge Madonnas und Guy Ritchies, Michelle Pfeiffers und Tony Blairs fällt auch auf jene Gäste zurück, die das Geld für ein standesgemäßes Wochenende in unspektakulären Berufen verdient haben. Sie rücken sich im Sessel zurecht und schauen über die Terrasse aufs Green: Tiger Woods reckt seinen Siegespokal in die Höhe.



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