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Reise

Wenn der alte Orient-Zauber Wirkung zeigt

Marrakesch: Im Bann der Souks. Vom Platz der Gehenkten bis zum Tee bei den Berbern: Marokko ist voller Kontraste und Legenden.

Wo waren wir stehengeblieben? Hatten wir uns nicht eben noch mit den anderen Leuten der kleinen Reisegruppe im Souterrain eines Lederladens Sitzkissen und Kamelsättel angeschaut, gedrängt von Hassan, dem Besitzer? Hassan II. hatte er sich genannt, Vetter von Hassan I., einem Gewürzhändler, nur eine Gasse weiter . . .

Und jetzt: Wo sind die anderen, wo war der Riad, der kleine Gasthof im Viertel Rahba Kedima, in dem wir uns treffen wollten? Wir haben uns verirrt wie vor 50 Jahren an selber Stelle "Der Mann, der zuviel wußte": James Stewart im legendären Hitchcock-Thriller; verloren im Souk von Marrakesch, im Labyrinth der schweren Düfte, der schrillen Töne und der grellen Farben.

Nichts, was als Wegweiser dienen könnte, leuchtet uns heim aus dem Dunkel dieser Gassen. Also lassen wir uns einfach treiben, schauen hier den Kupfer-, Gold- und Silberschmieden zu, dort den Quacksalbern und Wunderheilern und, noch etwas tiefer im Geflecht des alten Orients, dem Kesselflicker, dem Kamm-Macher und jenem letzten Filzspezialisten, der mit schwarzer Seife feine Gebetsteppiche walkt und wetterfest macht.

Um zwei, drei Ecken herum: eine offene Backstube. Verschleierte Frauen aus dem Viertel liefern Teig für Fladenbrot an, lassen sich ein Zeichen hineinprägen und gehen so lautlos davon, wie sie gekommen sind. Irgendwann stoßen wir in eine Sackgasse vor, in der es keine Läden, keine Werkstätten mehr gibt, nur dunkle Häuser, vor denen Kinder spielen und Frauen, die sofort in den nächsten Eingang huschen.

Es ist noch immer derselbe Tag. Morgens sind wir von Hamburg über Stuttgart nach Marrakesch geflogen, über die Alpen, übers Mittelmeer, schließlich über die weißen Gipfel des Atlasgebirges. Wir hatten uns frisch gemacht, eine Kalesche bestiegen, die vor dem Hotel wartete, und waren in eine andere Welt, in eine andere Zeit gerollt. Und jetzt, am späten Nachmittag, dringt auf einmal wieder Sonnenschein ins Labyrinth, führt eine Gasse ganz unvermutet auf einen Platz, der weltberühmt ist. Wir sind im Herzen von Marrakesch angekommen, auf dem Jemaa el Fna.

Eigentlich bedeutet der Name "Ruinenmoschee", aber überall wird der Jemaa der "Platz der Gehenkten" genannt. Tatsächlich wurden auf diesem fünf Hektar großen Geviert zwischen Koutoubia-Moschee, Medina und Königspalast einst die Spitzbuben hingerichtet. Wir waren gewarnt worden: Kitschig sei der Ort geworden, kommerziell, eine Touristenfalle. Klar, kein Mensch kauft mehr auch nur einen Tropfen von den kostümierten sogenannten Wasserverkäufern, die längst nur noch ihr Recht am eigenen Bild versilbern. Und die Henna-Malerinnen? Sie spritzen ihre Tattoos nur noch im Akkord und aus der Tube auf Handrücken und Oberschenkel.

Aber dann, spätestens wenn in der Dämmerung die Karbidlampen an den Imbißständen flackern, beginnt der alte Zauber zu wirken. Immer mehr Männer in Djellabahs, den langen Wollgewändern mit Zipfelkapuze, Berberinnen aus dem Gebirge, behängt mit schwerem Silberschmuck, verschleierte Damen und andere - dezent geschminkt, in Seide gehüllt oder im europäischem Freizeitlook - streben zu den Garküchen.

Dort brutzeln nun Schafsköpfe, Heuschrecken und Kuhfüße unter gewaltigen Rauchschwaden. Mopeds, Fahrräder, Eselskarren und Lastenträger bahnen sich ihren Weg durch ein Gewimmel aus staunenden Touristen, Akrobaten, Schlangenbeschwörern, Affenbändigern und jungen Männern, die in Frauenkleidern aufreizend tanzen.

Noch immer haben die Märchenerzähler - sie sind Dramatiker, Schauspieler und Spaßvögel in einer Person - genügend Stoff und die meisten Zuschauer. Doch auch die legendären Gnauoua fallen auf: Die schwarzen Musikanten sind Erben einer Tradition, die von Sklaven begründet wurde. Sie schlagen ihre Instrumente mit einer Inbrunst, die ahnen läßt, wie genau sie um ihre Aura als geheimnisumwitterte Bruderschaft aus den Reichen südlich der Sahara wissen.

Marrakesch, schönste der vier marokkanischen Königsstädte, "über den Atlas geworfene Perle", wie ein Dichter die Metropole zwischen Gebirge und Wüste schon im 12. Jahrhundert nannte: Souks und Märkte voller Legenden, daneben moderne, breite Boulevards, die den Aufbruch des Landes unter König Mohammed VI. spiegeln, zauberhafte Gärten wie der alte Majordelle-Park, den Yves Saint Laurent nach seinem Schönheitsideal verfeinerte, mit einem meerblau angemalten Atelier inmitten einer botanischen Wunderwelt aus Palmen, Kakteen, Feigenbäumen und Bambuswäldchen. Und dann die Paläste - einer märchenhafter als der andere. Bahia zum Beispiel, ein Prachtbau, den ein Großwesir vor 100 Jahren seiner Lieblingsfrau, der "schönen Gazelle", und weiteren 20 Gespielinnen eingerichtet hat.

Augenblicke in einer Stadt, deren Legenden an fast jeder Ecke leben: Im Innenhof einer Karawanserei funkeln Kalligraphien aus dem Koran und florale Ornamente in den Farben des Orients: Safran, Indigo, Henna, dunkler Pfeffer. Ein großes Storchennest krönt das Minarett der 900 Jahren alten Kasbah-Moschee. Auf dem Platz gegenüber, der einst die Mellah begrenzte, das Quartier der Juden, treffen sich in der blauen Stunde die Frauen des Viertels zum Schwatz, laut und lebhaft.

Nach Sonnenaufgang, im ersten Rotschimmer des Tages, leuchten die Schneeberge des Hohen Atlas wie eine Bühnenkulisse über den ockerfarbenen Mauern und Minaretten der Stadt. In Serpentinen windet sich eine Straße, die bald in eine Sand- und Steinpiste mündet, einer wilden Landschaft entgegen. Hier und da ein paar Steineichen und spärliches Wacholdergebüsch im felsigen Grau, auf steilen Feldern quälen sich wie vor 1000 Jahren Bauern mit dem Holzpflug.

Wir sind unterwegs im Land der Berber - und wieder ist es ein Ausflug in die Vergangenheit. Taguaum, nicht weit vom spektakulären Canyon des Nfis-Flusses entfernt, ist ein Dorf von gestern, die Häuser aus gestampftem Lehm, ohne Strom, mit Strukturen wie im Mittelalter. Abdullah, der Stammesälteste, lebt mit Frau, drei Söhnen, drei Töchtern, zwei Kühen und zwei Eseln in seinem Gehöft. Einmal in der Woche fährt er nach Marrakesch, um Datteln zu verkaufen und Zucker, Mehl, Salz sowie Neuigkeiten zu besorgen. Wie es in Marokko üblich ist, bereitet er uns viel süßen Minztee auf einem Gasofen zu, lächelt, schenkt immerzu nach. Nachher, wenn wir genug gefragt und geschaut haben, wird er den Generator anwerfen, der auch den Fernseher speist.

Ein anderer Tag, noch mehr Kontraste. Diesmal ist es ein Bus, der mit uns durch die Steinwüste nach Westen fährt, dem Atlantik entgegen. Eukalyptusbäume säumen die ersten Kilometer nach Essaouira. Ein einsamer Reiter auf seinem Kamel schaukelt dem Nichts entgegen, Einöde bis zum Horizont. Dann wieder leuchtende Orangen und Aprikosen. Auf Lastwagen werden Kürbisse verladen, Zutat für Couscous, den beliebten Weizengrießbrei.

In El Khei sehen wir, wie ein Betrieb Öl aus den Früchten des Arganebaums preßt, Öl zum Kochen, für Kosmetik, Rohstoff aber auch für Marmelade. 60 Frauen arbeiten hier, acht bis neun Stunden täglich, sechs Tage in der Woche, für etwas über 100 Euro im Monat.

Essaouira: 45 000 Einwohner, schönste Stadt an der marokkanischen Atlantikküste, ein kleiner Strand, eine gewaltige Festung, ein Platz zwischen Hafen und Altstadt, der früher internationaler Hippietreff war. Viele Marrakschis fahren übers Wochenende hierher ans Meer; auch Israelis kommen gern. Bis vor zwei Jahren hatte Essaouira einen jüdischen Bürgermeister; jüdische Salzkaufleute haben einst den Ruhm dieser pittoresken Stadt mitbegründet. Jüdische Symbole an Häusern der Mellah zeugen noch von ihren früheren Bewohnern, die heute in Tel Aviv, Paris oder New York leben.

Ein Bummel durch den Souk. Er ist kleiner und wirkt intimer, ursprünglicher als der von Marrakesch. Ein letztes Feilschen um ein Holzkästchen mit Intarsienarbeit, für die Essaouira einen Ruf hat, ein Handel um einen Tontopf mit Trompetendeckel.

Rückkehr nach Marrakesch. Noch einmal zieht es uns zum Jemaa el Fna. Vom Balkon des "Cafe Glacier" schauen wir zu, wie sich der Platz der Gehenkten gegen Abend füllt. Das Krächzen der Dudelsäcke, mit denen die Schlangenbändiger ihre müden Kobras locken, mischt sich mit dem Gelächter im Gewühl um die Märchenerzähler, mit dem Getrommel der Musiker und mit den Rufen der fliegenden Händler. Darüber wabern wieder die Wolken aus den Garküchen. Und die Silhouette der Koutoubia-Moschee wirkt jetzt wie ein leuchtender Scherenschnitt vor dem Nachthimmel.

 

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