15.09.12

Mecklenburg-Vorpommern

Wo Glücksvögel landen, ertönen Fanfarenklänge

Auf der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst hat die Kranich-Saison begonnen. Bis zu 50.000 Kraniche werden zur Rast erwartet.

Von Lottemi Doormann
Foto: picture alliance / ZB/dpa-Zentralbild
Kraniche treten Reise in den Süden an

Fischland-Darß-Zingst. Zuerst sind es nur Punkte am Himmel, immer mehr schwarze Punkte, die schnell näher kommen, in V-Formation und endlos aneinandergereihten Ketten. Die Luft vibriert von ihrem Fanfarengeschrei, wenn sie zur Landung auf der Insel Kirr ansetzen, direkt vor unseren Augen im Beobachtungshäuschen. Nur das flache Gewässer der Meeres-Lagune, von den Einheimischen Bodden genannt, liegt zwischen den Kranichen und uns Menschen am Ufer, bewaffnet mit Ferngläsern, Kameras und Spektiven. Zu Hunderten, Tausenden lassen sich die langbeinigen, grau-schwarzen Vögel auf ihren Schlafplätzen nieder, bis jeder Meter auf der 380 Hektar großen Boddeninsel und auf dem kleineren Schwester-Eiland Oie voll besetzt ist.

Bis zu 50 000 Kraniche rasten alljährlich in der Boddenlandschaft der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst vor ihrer Reise in die Überwinterungsgebiete im Süden - so viele wie an keinem anderen Ort in Mitteleuropa. Die ersten Trupps landen meist Anfang September, die letzten bleiben bis Ende Oktober, und im Februar oder März kehren sie für ein, zwei Wochen auf der Durchreise gen Norden zurück. Den Himmel teilen sie im Herbst mit Zehntausenden Zugvögeln, mit Graugänsen, Stock- und Reiherenten, Schwänen.


+++Frühe Herbstrast der Kraniche in diesem Jahr+++

Die Kranichinseln Kirr und Oie liegen mitten im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der sich vom Darß über Hiddensee bis zur Westküste Rügens über 805 Quadratkilometer erstreckt. Der Darß und Zingst ziehen die Vogelwelt in diesem geschützten Lebensraum mit ihren Lagunen, Moorwäldern und Salzgraswiesen besonders an - eine amphibische Welt an der Ostsee zwischen Wasser und Land. Wenn sich die Badesaison an den kilometerlangen Sandstränden der Halbinsel dem Ende zuneigt, lässt sich Deutschlands einziger echter Meeresnationalpark per Fahrrad am besten erkunden.

Wir starten in Bresewitz, einem Dörfchen mit 169 Einwohnern und ein paar Pensionen am Rande des Nationalparks, auf einer Landzunge gegenüber den Inseln Kirr und Oie. In der Frühe haben uns Schwärme von Kranichen geweckt, die trompetend übers Haus flogen. Eine Tagestour zum Leuchtturm Darßer Ort an der nördlichsten Spitze der Halbinsel steht an, per Fahrrad 30 Kilometer hin und zurück, dazu eine Wanderung durch den Darßer Wald.

+++50.000 Kraniche legen Rast zwischen Rügen und Darß ein+++

Zuerst muss die Meiningenbrücke nach Zingst überwunden werden, eine 470 Meter lange Stahlkonstruktion, über die heftige Windböen fegen. Die ehemalige Eisenbahnbrücke dreht sich noch immer zweimal am Tag, um Segelboote und Fahrgastschiffe durchzulassen. Ein guter Platz, um am Bodstedter und Barther Bodden Silberreiher, Enten und Gänse zu beobachten. Manchmal sieht man auch Kraniche auf den Äckern um Bresewitz stehen.

Auf der anderen Seite der Brücke beginnt jenseits der Autostraße ein Radwanderweg vom Feinsten, typisch für die ganze Halbinsel. Anfangs geht es an Graswiesenland entlang, dann ein lauschiger Waldpfad, wo es intensiv nach feuchtem Laub und Meerpflanzen duftet. Entspannt radeln wir eine lange Strecke auf dem Deich am Nordstrand dahin, vorbei am Ostseebad Prerow, bis wir in den großen urwaldartigen Darßwald eintauchen. Früher diente er Pommernherzögen, Reichsministern und DDR-Funktionären als Jagdrevier.

Im September 1990, wenige Tage vor der Wiedervereinigung, war damit Schluss, als der Nationalpark eingerichtet wurde. Ohne den Schutz des Nationalparks wäre auch der zehntausendfache Rastplatz der Kraniche undenkbar.

"Wir versuchen, zur Wildnis zurückzukehren und den Wald so zu entwickeln, wie er früher war", erklärt Naturführer Kai Lüdecke bei einem kurzen Stopp. Märchenhaft schimmern grüne Tümpel im Dickicht der Erlenbrüche. "Das sind Dünentäler, in denen sich das Regenwasser gesammelt hat", weiß der 32 Jahre alte Naturschützer aus Bremen, der seit 2009 Geschäftsführer bei der Arche Natura im Nationalparkzentrum in Wieck ist.

Noch immer gebe es hier zu viele Kiefern und Fichten, Monokulturen, die der Mensch in den Wald gebracht hat. Viele Tiere und Vogelarten brauchten aber die ursprünglichen Buchenwälder. "Also fällt man Fichten und pflanzt Buchen." Nur in der sogenannten Kernzone - etwa 20 Prozent des Nationalparks - darf der Mensch nicht eingreifen, darf kein Baum gefällt und kein Tier getötet werden.

+++Putin - Der Fluglotse der sibirischen Kraniche+++

Auf 126 Stufen einer gusseisernen Wendeltreppe geht es zur Aussichtsplattform des Leuchtturms hinauf. Schon seit 1849 ist er in Betrieb. Der Rundblick von oben ist wie ein Bilderbuch der Küstenlandschaft. Auf der einen Seite der bei Urlaubern beliebte Nordstrand an der Prerower Bucht, auf der anderen Seite der wilde, windgepeitschte Weststrand, der nur durch den Darßwald zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar ist. Was schwere Stürme aus diesem zwölf Kilometer langen Sandufer reißen, wird an der Nordspitze von Darßer Ort wieder angelandet, sodass die Sanddünen dort Jahr für Jahr um etwa zehn Meter ins Meer hineinwachsen. "Küstendynamik" nennt Kai Lüdecke dieses dramatische Wechselspiel der Natur, das die Umrisse der Halbinsel ständig verändert. Durch die Renaturierung der Strände finden die Kraniche und der transkontinentale Vogelzug hier ein sicheres Revier.

Im Hafen von Zingst besteigen wir mit unseren Rädern ein Boddenschiff nach Barth. Mit zehn Knoten in der Stunde steuert der Bootsmann durch die Fahrrinne entlang der Kranichinsel Kirr. Man habe keine Schwimmwesten an Bord, nur Gummistiefel, witzelt er, weil das Wasser neben der Fahrrinne so niedrig sei.

+++Eintägige Segeltouren zu den Ostsee-Walen+++

Es ist zehn Uhr morgens, aber weit und breit ist kein Kranich zu sehen. "Die sind in der Frühe zu abgeernteten Feldern ausgeflogen, weiter entfernt am Rande des Nationalparks bei Groß Mohrdorf", erklärt unser Begleiter Ralf Schmidt, Biologe und Vogelkundler bei Arche Natura. Dort fänden sie genügend Nahrung, auch ihre Lieblingsspeise Mais. Erst in der Dämmerung kehren sie zu den Inseln zurück, wo sie dicht gedrängt im Stehen schlafen. Trotzdem ist im gelblich-grünen Boddengewässer allerhand los. Kormorane und Reiher fliegen auf, Hunderte Blesshühner schwimmen wie mit dem Lineal gezogen langsam weiter, eine Sturmmöwe schnappt sich blitzschnell einen Fisch. Am staunenswertesten eine enorm lange weiße Linie vorm Ufer, die sich kaum merklich bewegt. Höckerschwäne! 500 bis 1000 Tiere seien es, schätzt Ralf Schmidt.

Bald taucht in der Ferne der spitze Turm der Barther Stadtkirche auf. Die beschauliche Kleinstadt in einer weiten Bodden-Bucht ist stolz auf ihren mittelalterlichen Stadtkern. In der Dämmerstunde aber sollte man wieder zu den einfliegenden Kranichen eilen, die nun mit schrillen Trompetenschreien von ihren Fressplätzen zurückkehren. Die Nationalparkverwaltung hat zum Schutz der Vögel Beobachtungsplattformen eingerichtet und die Zahl der Besucher begrenzt. Wer es schafft, an einem schönen Herbstabend bei Sonnenuntergang die Glücksvögel zu Zehntausenden aus dem blutroten Himmel herabschweben zu sehen, hat bestimmt das große Los gezogen.

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