08.09.12

InterRail

Abenteuer InterRail - Kult seit 40 Jahren

Schlaflose Nächte und schillernde Metropolen: vier Hamburger Abiturienten auf der ersten großen Reise - mit dem Bahnpass, der Jubiläum feiert.

Foto: Getty Images
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Euphorie bei der Abreise – für die meisten ist die InterRail-Tour der erste Urlaub ohne Eltern. Das hat sich bis heute nicht geändert

Zwei Croissants und ein Töpfchen Entenleberpaté - für drei Euro. Unser Frühstück unterm Eiffelturm - unbezahlbar! In der Nacht zuvor waren wir erst aus Brüssel gekommen, vier Abiturienten aus Hamburg. Unser Hotelzimmer - ein fahrendes Zugabteil. Genauso wie schon Generationen vor uns, soll uns das InterRail-Ticket der Bahn preiswert quer durch Europa bringen. Drei Wochen lang. Das erste Mal ohne Eltern. Große Freiheit!

Vor 40 Jahren, am 1. März 1972, wurde der InterRail-Pass eingeführt, um jungen Reisenden wie uns die Entdeckung Europas so preisgünstig wie möglich zu machen. Nach einem Jahr lockte er schon 85 000 junge Passagiere bis 21 Jahre auf die Schienen.

Als wir kurz vor dem Abitur von unserem Reiseplan erzählen, entdecken wir in den Augen der Eltern ein nicht oft gesehenes Glänzen: "Wir sind früher auch per InterRail durch Europa gereist! Gibt es das heute noch?" Tatsächlich: 2011 tourten 250 000 Jung-Touristen per Bahn durch bis zu 30 Länder Europas. Und heute dürfen sich selbst Senioren mit dem InterRail-Pass auf den Trip per Bahn begeben. Der Kult-Fahrschein ist dabei immer mit der Zeit gegangen: Heute posten Reisende ihre Erlebnisse im Internet, sogar eine eigene Jubiläums-Website hat die Bahn ins Netz gestellt.

+++40 Jahre Interrail: Freiheit für alle Altersgruppen +++

Schlafen im Zug, das finden wir schnell heraus, birgt jede Menge Vorteile: Man spart die Kosten für Campingplatz oder Hostel. Außerdem ist es sicherer als ein Schlafplatz unter freiem Himmel. Wenn auch nicht ganz so komfortabel wie das Bett zu Hause, schaukeln uns die europäischen Züge durch die Sommernächte in den Schlaf.

Morgens aufwachen in fremden Städten - allein das ist schon Abenteuer. Der Bahnhof von Amsterdam-Zuid zum Beispiel duftet morgens intensiv nach Kaffee. In Brüssel-Central kommen wir gar nicht aus dem Staunen heraus: 140 000 Reisende warten hier täglich auf ihre nächste Verbindung. Das kann der Pariser Gare du Nord, in den uns der TGV aus der Europäischen Hauptstadt gebracht hat, locker toppen: Täglich werden in dem kathedralenartigen Gebäude aus dem Jahr 1864 etwa eine halbe Million Fahrgäste abgefertigt. Wir sind vier von ihnen. Und starten gleich mit einer großen Portion Nostalgie vor Augen zu unseren Streifzügen durch die Stadt, auf die wir uns schon so lange gefreut haben.

+++Paris bleibt 2012 weltweit Touristenziel Nummer eins+++

Die beiden Türme von Notre-Dame erheben sich auch am frühen Abend noch bezaubernd in den langsam dunkler werdenden Pariser Nachthimmel. Doch die Massen von asiatischen Touristen, die knipsend das Gotteshaus belagern, versperren die Wege und treiben uns fort von hier, an der Seine entlang zum nächsten Highlight: Der Louvre ist schon in Sichtweite, aber da knurrt der Magen. Das Restaurant des Hotels Le Meurice an der Rue de Rivoli sieht sehr nach Pariser Noblesse aus. Aber ist nichts für InterRail-Jungs. Das Drei-Gänge-Menu im Sterne-bekränzten Nobelrestaurant können wir uns nicht leisten. Einen Steinwurf entfernt lässt sich aber schnell eine preiswertere und dennoch köstliche Alternative finden. Und der Fisch im Le Saut de Loup - dem Restaurant des Musée des Arts décoratifs - schmeckt für zwölf Euro auch nicht schlecht. Für uns ein Festessen! Sonst gibt es unterwegs nur Baguette oder ein Stück Pizza.

+++Eine amerikanische Maus in Paris: Disneyland wird 20+++

Die Metro bringt uns direkt ins preiswerte Stars-Hotel in Arcuil, nur 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt und doch ziemlich weit draußen und in einer anderen Welt: die der unwirtlichen Randbezirke von Paris mit ihren weißgräulichen, gesichtslosen Hochhäusern.

Auch wir machen - wie so viele andere InterRailer - in Paris nur einen kurzen Stopp. Nach drei Tagen voller Sonnenstunden unter dem Eiffelturm bringt uns der TGV nach Bordeaux. Das erste Ziel dort ist die Dune de Pyla nahe dem französischen Badeort Arcachon, die mit 108 Metern größte Wanderdüne Europas. Am Fuße des riesigen Sandgebildes liegen mehrere Campingplätze unter duftenden Pinienbäumen. Vier Tage chillen, baden, feiern. Und immer wieder: dieser Wahnsinnsblick, wenn einem nach zehnminütigem Aufstieg auf die Düne die weite Sicht über den Atlantik den Atem raubt.

Die Côte d'Azur ist der nächste Stopp und das genaue Gegenteil von den relaxten Tagen in Arcachon. Von St. Tropez bis Cannes, von Nizza bis Cavalaire-sur-Mer brummt das Nachtleben bis in die Morgenstunden. Wer auf den ganzen Rummel keine Lust hat, legt sich tagsüber einfach in die pralle Sonne und genießt das erfrischende Wasser des Mittelmeers.

+++In jedem Land ein Domizil+++

Allerdings wartet noch das echte Paradies für Railer auf uns. Denn nach den zu teuren High-Society-Klubs in St. Tropez ist Barcelona eine erfreuliche Abwechslung. Nach der Ankunft im Ideal Youth Hostel mitten im Herzen der Metropole wird schnell klar: viel zentraler kann man in Barcelona nicht wohnen. Denn das Zimmer im fünften Stock des Jugendstilhauses liegt direkt an der La Rambla, der bekanntesten Straße der Stadt. Und auch wenn die drückende Hitze in der Altstadt uns Jungs zum Schwitzen bringt - der guten Laune, die diese Stadt versprüht, tut das keinen Abbruch. Vorbei an der Sagrada Familia, der immer noch unvollendeten Basilika von Antoni Gaudi, treibt es uns rauf auf den Berg im Herzen des Parc Güell. Denn von dort ist der Blick über das Häusermeer der Millionenstadt ein unbezahlbarer Thrill.

Wem nach dem Abstieg die Füße noch nicht allzu sehr wehtun, der sollte den Abend in Barcelonas Künstlerviertel verbringen, wo sich Bar an Bar reiht und die Paella noch von Muttern im Hinterzimmer zubereitet wird. Doch der nächste Morgen bringt für uns zumindest eine gehörige Portion Ärger, denn ohne Sitzplatzreservierung geht in Spanien in Sachen Bahnfahren nix. So fährt der Zug nach Madrid ohne uns. Dafür wartet eine lange Schlange vor dem Schalter im Bahnhof Sants Estació auf uns. Drei Stunden später haben wir die Tickets. Und die Erkenntnis: Die Welt ist klein. Durch das Katalan fliegen uns plötzlich Fetzen von Deutsch entgegen: Anja und Sarah sitzen am Bahnhofsboden und frühstücken Käse auf Vollkornbrot. "Wir sind aus Hamburg", antworten sie auf unsere Frage. Was für ein Zufall! Sie sind sogar aus demselben Stadtteil wie wir. "Fahrt doch mal nach Pamplona!", raten sie uns. Aber die Stierkampfarena liegt nicht auf unserem Streckenplan. Wären wir allen Tipps der internationalen InterRail-Society gefolgt, die wir auf den Bahnhöfen Europas mit Ruck- und Schlafsack angetroffen haben, wäre unser Abenteuer noch lange nicht zu Ende.

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