08.09.12

Hase-Aue

Wo die Hase dem Biber gute Nacht sagt

Im Emsland wurden vor 17 Jahren freiwillig Deiche abgerissen - jetzt haben sich in den Auwiesen Tier- und Pflanzenarten neu angesiedelt.

Foto: picture alliance / dpa/dpa-Zentralbild
Biber
Fleißiger Baumeister – der Biber errichtet Staudämme, um den Eingang seiner Höhle unter Wasser zu halten

Emsland. Die Kuh erfrischt sich. Bis zum Bauch steht sie im Fluss Hase und schaut dem Paddler hinterher. Der Rest der Herde lungert auf einer Sandbank herum, die aussieht wie ein Strand aus dem Reiseprospekt. Dahinter breiten sich wilde Weiden aus, saftig grün bis zum Horizont. Es sieht anders aus als sonst an vielen Flüssen, hier an der Hase. Kurz bevor sie über den Dortmund-Ems-Kanal in die Ems mündet, wird aus Fluss Feuchtgebiet, wird aus Wiese Wildnis. Ehemals zur Abflussrinne degradiert, ist aus dem Unterlauf der Hase zwischen Haselünne und Meppen eine wundersame Landschaft geworden. Nicht Land, nicht Wasser - amphibisch.

Zu hören ist nur das Rauschen des Windes in den Kronen der Espen und Eichen sowie das Platschen der Paddel. Der Wasserwanderer muss allerdings nur ab und zu eingreifen. Aber aufpassen, dass er nicht vor die Sandwand fährt oder unter Baumruinen gerät. Die letzten ihrer knapp 170 Kilometer fließt die Hase in weiten Kurven. Das darf die Hase wieder, die Hase darf hier sowieso fast alles, was sie will. Denn die Menschen im Emsland haben den Fluss wieder freigelassen. "Wir haben vor 17 Jahren damit begonnen, der Hase ihre Aue zurückzugeben, und damit eine natürliche Entwicklung in Richtung wertvoller Biotope initiiert", sagt Ludger Pott, Leiter des Fachbereiches Umwelt beim Landkreis Emsland. Der Fluss windet sich nun in manch scharfer Kurve durch die Niederung. Dort, wo das Wasser beinahe frontal auf das Land strömt, sind die Ufer steil und hoch, einfach abgebrochen. Hell strahlt der Sand in der Sonne, immer wieder führen Höhlen in die Steilkante, reger Betrieb davor - Uferschwalben leben dort und immer öfter auch der Eisvogel, der gleich einem schillernden Edelstein über das Wasser schießt.

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"Hier gelang damals etwas in Deutschland bis dahin Einmaliges. In einer freiwilligen Kooperation konnten rund 80 Landwirte davon überzeugt werden, ihre Nutzflächen in der Aue gegen anderes Land einzutauschen oder auf intensives Wirtschaften zu verzichten", erklärt Pott und erinnert an den Beginn eines in dieser Dimension in Deutschland zum damaligen Zeitpunkt mehr als ungewöhnlichen Vorgehens. Und dann geschah damals das bislang Unerhörte: "Im Jahr 1997 standen wir am Beginn einer Mammutaufgabe: Die alten Deiche an der Hase und ihren Zuflüssen wurden abgetragen."

Eine für Bevölkerung, Behörden und Landwirte unfassbare Vorstellung - Deiche abreißen! Stattdessen wurde eingedeicht, was wichtig ist: Dörfer und Bauernhöfe. Noch heute ist mitunter viel Überzeugungsarbeit nötig, um Naturschutzbelange und den Wert etwaiger Veränderungen zu erklären. Zum Beispiel, wenn die Biber wieder einen Damm gebaut haben und deshalb ein Wald absäuft und stirbt. Daran, dass die Hase bei Hochwasser die Aue überflutet, hat man sich gewöhnt.

"Die Gewässerunterhaltung im Projektgebiet ist bis auf ganz wenige Ausnahmen eingestellt. Durch die natürliche Fließdynamik haben sich am Ufer und in der Aue neue Biotope gebildet - Steilböschungen, Kolke und Auwald zum Beispiel. Das ist nicht nur eine ökologische Aufwertung des Gebiets, sondern auch ein wichtiger Beitrag für den Hochwasserschutz", sagt Pott. Nicht mehr Meppen und Haselünne werden überflutet, sondern die Hase-Auen. Und wenn das Wasser abgelaufen ist, sieht manches anders aus.

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"Uns interessierten vor allem die hochwassergefährdeten Flächen, die sind für den Natur- und Artenschutz besonders interessant und wertvoll", so Pott. 450 Hektar ehemaliger Acker sind wieder Aue und selbst Optimisten überrascht: Was sie damals mit dem Rückbau der Deiche in die Wege geleitet haben, wie erfolgreich sich das Arteninventar entwickeln würde, haben sie seinerzeit kaum zu träumen gewagt. "Schon 1989 hat die Universität Osnabrück hier acht Biber ausgesetzt. Mit der Umgestaltung der Hase und ihrer Nebengewässer, der Verbindung von Fluss und Aue, dem weiteren natürlichen Aufwachsen von Weiden und Pappeln und der Reduktion der Gewässerunterhaltung wurden ideale Lebensbedingungen für Biber geschaffen. Der Bestand hat sich daraufhin kontinuierlich entwickelt, heute sind es nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 150 Tiere, vermutlich aber mehr als 200", freut sich Ludger Pott.

Emsland ist wieder Biberland. Und die gestalten die Landschaft, verändern das Landschaftsbild - wenn sie zum Beispiel einen Bach abdämmen und dadurch 40 Hektar Bruchwald überfluten wie im Lahrer Moor. Andere - selten gewordene - Tiere und Pflanzen folgen. Bevor es allerdings durch den Einstau von Entwässerungsgräben zu Schäden an privaten landwirtschaftlichen Flächen komme, so Pott, greife der Naturschutz behutsam ein, entferne oder drainiere den einen oder anderen Biberdamm. Andernfalls würden die Tiere schnell an Sympathie und Akzeptanz verlieren.

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Die meisten Menschen an der Hase mögen "ihre" Biber, einer davon ist Hermann Schulte. Der Landwirt aus Lahre hat im Zuge der Renaturierungsmaßnahmen auch umgesattelt. Statt Schweinezucht und Hähnchenmast betreibt er mit seiner Frau Hannelore nun eine Pension samt Hofcafé. "Ich war anfangs schon sehr skeptisch, das muss ich ehrlich sagen. Aber das Ausschlaggebende war, dass das damals alles freiwillig war, es bestand ja kein Zwang seine Flächen zu tauschen - das hat uns dann überzeugt", sagt Hermann Schulte. Vom Bauern zum Biberführer und Landschaftspfleger; denn heute nimmt Hermann Schulte die Gäste mit in die wundersame Wildnis hinterm Hausdeich.

Mit dem Rad geht es an der Hase lang. Hermann Schulte sucht am Ufer nach Biberrutschen, das sind schlammige Pfade, niedergewalztes Gras. Diese Bahnen zeigen, wo die Biber in den Fluss rutschen. Schulte hat eine Stelle gefunden. "Stellt mal die Räder ab und lasst uns zu Fuß weitergehen", sagt er dann. Schulte vorneweg, durch brusthohes Kraut zu einem kleinen Graben. Man sieht es sofort; Holzspäne liegen herum und ein mit der typischen "Eieruhr-Form" abgenagter Baum. Im Bach dann der Damm; Stöcke, Äste, Wasser plätschert leise durch, hüfthoch gestaut, der Biber wohnt nicht in diesen Dämmen.

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"Er baut sie, um das Wasser so hoch anzustauen, dass der Eingang zur Erdhöhle dahinter immer unter Wasser liegt. Denn wo er Steilufer findet, gräbt er Höhlen mit Wohnkammer", erklärt Biber-Freund Schulte. Und ein "Fischteich" ist das auch nicht, Biber leben vegetarisch. Im Sommer von dem Kräuter-Vielerlei in Feld und Flur. Im Winter fällen sie Weichhölzer wie Pappel oder Weide - "... es ist die Rinde, darum geht es - die fressen sie, wenn es sonst nichts mehr gibt." Die Hase-Aue ist "Biber-Quellgebiet", längst hat sich der Nagezahn über Hase und Ems verbreitet. Steht im Norden vor Papenburg, im Süden an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Auch der Nerz ist wieder da.

Vor 30 Jahren war hier öde Agrarwüste, vor 15 Jahren eine riesige Baustelle, heute ist dies ein Naturparadies.

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