08.09.12

US-Ostküste

Wie einst bei den Kennedys: Longdrink mit Lobster

Auf der US-Insel Nantucket, beginnt jetzt die schönste Jahreszeit. Gepflegte Strände, elegante Yachten und Lobstermenues sind charakteristisch.

Foto: Getty Images
Reise
Nantucket strahlt diskrete, doch auch unübersehbar wohlhabende Eleganz aus. Die wunderbaren alten Holzhäuser verwittern meist naturbelassen, nur wenige sind farbig gestrichen

Nantucket. Das gibt es so wohl nur in Amerika. Zum Katerfrühstück eine Lobster-Bloody-Mary, die Spezialität des White Elephant direkt am Hafen von Nantucket. Im hochprozentigen, mit Wodka verdünnten Tomatensaft steckt ein gewaltiger Schaschlikspeer, auf dem fein säuberlich größere und kleinere Teile eines gekochten und ausgezogenen Hummers aufgespießt sind.

Serviert in der vormittäglichen Sonne auf der Terrasse der Bar des besten Hotels der Insel, mit Blick auf die vielen ankernden Boote, bevor es hinausgeht aufs Wasser, zur Segelregatta um den legendären Opera House Cup, an Bord eleganter, klassischer Yachten.

"This is so Kennedy", sagt mein Tischnachbar, Mode-Stylist aus New York. Offenbar muss die umtriebige Familie immer noch herhalten, wenn es außergewöhnlich oder auch nur ganz gewöhnlich dekadent wird. "Die Briten haben ihre Royals", erklärt er mir, "wir haben eben unsere Kennedys!"

+++Hummer im Atlantik werden ungewöhnlich bunt+++

Wieder etwas gelernt. Auch die Lobster-Bloody-Mary kannte ich vorher noch nicht, und die muss man erst mal mögen. Aber dann gehen wir hinaus, zum Segeln auf dem Nantucket Sound, in den vielleicht schönsten Gewässern der US-Ostküste. Abends steigt dann die Party des Jahres am Jettie's Beach. Die Band heizt die Stimmung auf, ein halber Ozean an Getränken fließt durch Hunderte ewig durstige Kehlen, auf den Barbecues brutzeln die Köstlichkeiten. Es ist die Preisverleihung der Regatta, die weit mehr ist, nämlich das gesellschaftliche Großereignis der Insel. Einigen hartgesottenen Seglern geht dieser gesellschaftliche Auftrieb gegen den Strich, da das Segeln selbst zur Kulisse zu verkommen droht, doch die allermeisten lieben es einfach. Zumal sich immer auch Prominenz unters feiernde Volk mischt, denn viele Berühmtheiten haben große Villen auf der kleinen Insel; Tommy Hilfiger und Ralph Lauren zum Beispiel.

Jetzt ist es wieder ruhig, denn der Opera House Cup bildet den Abschluss nicht nur der Nantucket Race Week, sondern der Sommersaison an sich. Ab jetzt, finden Insider, beginnt hier die schönste Zeit. Ein langer und goldener und milder "Indian Summer", der Ort ruhig, die Straßen leer, der Ozean gerade noch warm genug zum Schwimmen und Segeln. Ab Ende August ist Nantucket wieder das "weit entfernte Land", wie es der Name sagt, den einst Indianer der Insel gaben. Rund 30 Seemeilen vor der Küste von Massachusetts liegt Nantucket, und sein Leuchtfeuer ist fast immer das Erste gewesen, was hoffnungsvolle Einwanderer aus Europa vom neuen Kontinent erblickten - nicht, wie so oft behauptet, die Freiheitsstatue von New York. Zuerst übrigens lebten die Indianer und Einwanderer auf dieser Insel noch jahrelang in friedlicher Koexistenz miteinander. Bis die Siedler damit begannen, das Land unter sich aufzuteilen. Dabei hatten die frühen Siedler gar nicht viel von ihrem Land.

+++An der Ostküste Amerikas ein Flair wie in Hamburg+++

Auf diesem windigen Außenposten im Atlantik mit seinem kargen Sand- und Heideboden war die Landwirtschaft nicht besonders einträglich, der wahre Reichtum fand sich im Meer. Zunächst wurden von den Bewohnern nur zufällig auf der Insel gestrandete oder angespülte Wale zerlegt und verwertet; gegen Ende des 17. Jahrhunderts dann begann man, die Tiere von offenen Booten aus in den Gewässern vor Nantucket aktiv zu jagen. Die Wale wurden nahezu komplett verwertet; vor allem Kerzen und Öl stellte man daraus her. Mit der beginnenden Industrialisierung erlebte der Walfang einen enormen Aufschwung, an dem vor allem die Insel reich wurde.

Herman Melville heuerte hier 1841 auf einem Walfänger an und verarbeitete seine Erfahrungen in dem Roman "Moby-Dick". Wale waren der Treibstoff des neuen Zeitalters, erst mit der Verarbeitung des Erdöls als neuem Energieträger, die um 1850 begann, verlor der Walfang an Bedeutung und glitt Nantucket erst mal zurück in die Bedeutungslosigkeit. Die Werften, auf denen Hunderte stolzer Walfangschiffe gebaut worden waren, schlossen, die Kaianlagen verfielen, und die meisten Bewohner verließen die Insel, um ihr Glück auf dem Festland zu suchen.

+++Die Buchten der Balearen mit dem Boot entdecken+++

Bis, Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich, Freizeitsegler den morbiden Charme des verlotterten Hafennests neu entdeckten. Bald wurde Nantucket, mit dem großen Naturhafen, der rauen Heidelandschaft und den schönen Stränden, zur beliebtesten Insel an der wohlhabenden US-Ostküste. Die verfallenen Holzvillen der Walkapitäne wurden renoviert, und heute strahlt der Ort Nantucket wieder jene diskrete, doch auch unübersehbar wohlhabende Eleganz aus, die für gewisse Gegenden in Neuengland so typisch ist.

Dennoch, Nantucket ist eine Spur rauer, vielleicht auch ursprünglicher. Die wunderbaren alten Holzhäuser verwittern meist naturbelassen, nur wenige sind gestrichen. Ganz einfach deshalb, weil die Farbe hier, im salzigen und windigen Ozeanklima, ohnehin nicht lange hält. Wesentlich penibler gepflegt wirken da schon die Yachten, die im Hafen ankern. Die Insel hat nicht einen, sondern gleich zwei noble Yacht-Klubs, vor denen elegante Motor- und Segelyachten aufgereiht sind wie andernorts die Jollen der Jugendabteilung. Das zumindest von der Lage her schönste Restaurant, vor allem für ein langes und entspanntes Lunch, ist denn auch das Cru ganz vorne auf der Pier, wo die Boote praktisch an den Tischen festmachen und wo man wirklich mittendrin ist im maritimen Leben.

+++Die Insel, die rundherum selig macht+++

Wale sind bis heute allgegenwärtig auf Nantucket, nicht nur im wirklich sehenswerten Walmuseum und auf der Inselflagge, sondern auch auf Kleidung und Souvenirs und an Haustüren. Statt des Wals ist hier heute übrigens ein anderer Meeresbewohner besonders aktuell: der Hummer. Lobster gibt es einfach mit allem, nicht nur in der Bloody Mary, als Sandwich, Suppe oder Hauptgericht. Legendär ist der Lobstereintopf von Gwen Gaillard - in der Hauptsache bestehend aus Butter, Sherry, Sahne und natürlich Lobster -, der segelnden Wirtin des leider nicht mehr existierenden Kultrestaurants Opera House in Nantucket (heute steht an dieser Stelle das neue Kino). Gwen war es auch, die einst den Opera House Cup ins Leben rief: an einem heißen Sommerabend im Juli 1973, als sie mit ihrem Restaurantmanager Chick Walsh und vielen Seglern auf ihrer Terrasse saß. Die Drinks flossen, die Gedanken auch - so entstand die Idee, eine Regatta nur für Holzboote zu organisieren. "Ich stifte Essen und Trinken und einen Pokal", soll Gwen spontan gesagt haben, "ihr Jungs geht raus und besorgt die Boote!"

Alles Weitere ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Und selbst wenn die wirklichen Berühmtheiten vielleicht in Martha's Vineyard leben oder, im Falle des Kennedy-Clans, im Sommer in Port Hyannis auf Cape Cod - zum Opera House Cup oder auch nur auf ein Lobstersandwich oder zwei und einen entspannten Tag auf der Insel schauen sie doch alle mal hier vorbei.

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