03.09.12

Costa Blanca

Paradies oder Moloch? Benidorm wird geliebt und gehasst

Wo die einen nur Bettenburgen und überfüllte Strände sehen, sind die anderen vom Meer, dem Nachtleben und dem Freizeitangebot überwältigt.

Foto: picture alliance / dpa-tmn/dpa-tmn
Paradies oder Moloch? Benidorm wird geliebt und gehasst
Bettenburgen, Strand und Meer: Benidorm zählt seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Ferienorten an der Costa Blanca

Benidorm. Der erste Eindruck von Benidorm schockiert: Der Poniente-Strand ist eigentlich schön und vor allem groß. Über drei Kilometer ist er lang. Der goldbraune Sand wird täglich gereinigt. Es gibt sogar behindertengerechte Zugänge, das Wasser ist meistens ruhig und gut zum Baden. Nur ein Problem gibt es – zumindest im Sommer: Man kann den Strand überhaupt nicht sehen. Entsetzt blicken Dagmar und Heidrun auf ein Meer aus Sonnenschirmen und Menschen. Würde man unter den Schirmen wandern, könnte man den gesamten Strand abgehen, ohne auch nur einen einzigen Sonnenstrahl abzubekommen.

Gleich hinter dem Strand ziehen sich Dutzende Hotelburgen dicht an dicht gebaut in den wolkenlos blauen Himmel. Nicht ohne Grund wird der berühmte Ferienort an der spanischen Costa Blanca wegen seiner Skyline "spanisches Manhattan" genannt. Mit 300 Wolkenkratzern und bezogen auf die Einwohnerzahl hat Benidorm sogar die größte Hochhausdichte der Welt. Das Hotel "Bali" ist mit seinen 186 Metern und 776 Zimmern das größte Gebäude von allen und das größte Hotel Europas.

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Doch die architektonischen Superlative lassen Dagmar und Heidrun kalt. Ihnen ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Die beiden Studentinnen aus Karlsruhe wollten sich ein paar Tage erholen und am Strand relaxen. "Aber wie sollen wir hier relaxen, geschweige denn einen Platz am Strand finden?", fragt Dagmar frustriert. Die beiden wussten, dass Benidorm nicht gerade als Paradies für Individualtouristen bekannt ist, aber das Budget reichte nicht für mehr. Als Heidruns Eltern dann von den Familienurlauben in Benidorm in den frühen 1990er Jahren schwärmten, entschieden sich die beiden Studentinnen spontan zu buchen. "Ein großer Fehler", meint Dagmar.

Für James und Sophie ist Benidorm hingegen das "Paradies auf Erden". Das Rentnerpaar aus London kommt schon seit über 20 Jahren jeden Sommer in die Touristenhochburg. "Wir fühlen uns hier richtig wohl. Das Wetter ist herrlich, der Strand ist schön, im Meer kann man gut schwimmen, und es ist immer etwas los", meint James. Für die ältere Urlaubergeneration ist Benidorm vor allem wegen seines Klimas ideal: Benidorm zählt jährlich 300 Sonnentage. An gehbehinderte Urlauber werden kostenlos Elektrorollstühle vermietet.

Zudem ist der Ort so wohltuend unzeitgemäß: Ultramoderne Designerbars beherrschen hier noch nicht das Bild. Stattdessen gibt es Bridgeturniere und Bingoabende. Zweimal täglich lädt der örtliche Gesangsverein am Levante-Strand zum gemeinsamen Singen von international bekannten Volksliedern ein.

Sophie erzählt begeistert vom großen Freizeitangebot. Tatsächlich kann der Saurier unter Spaniens Badeorten dank seiner hohen Besucherzahl mit einem reichhaltigen Freizeitangebot aufwarten. 1200 Restaurants, Bars, Clubs, Spielhöllen, Theater, Museen und Diskotheken bieten eine große Auswahl. Drei Freizeitparks, drei Großkinos, ein Zirkus, acht Minigolfplätze, mehrere Sportanlagen und eine fast überwältigende Anzahl an Einkaufszentren lassen keine Wünsche offen.

James und Sophie wissen nach über 20 Jahren bereits genau, wo ihre Wünsche erfüllt werden. Es ist 18.30 Uhr und der Levante-Strand noch voll mit Badegästen, während das Rentnerpaar bereits das Tanzbein im Restaurant "Román" schwingt. Die überdachte Terrasse direkt an der Strandpromenade ist ein beliebter Treffpunkt der älteren Urlaubergeneration. Es riecht nach Zigarren, Anisschnaps und gegrilltem Fisch. Damen mit schneeweißem Kurzhaarschnitt, elegant gekleidet, tanzen eng umschlossen mit rüstigen Rentnern zu den Klängen des "Alamo Duo".

Nur wenige Hundert Meter weiter auf der Strandpromenade amüsiert sich eine Heerschar von Engländern zu Technomusik in der Tiki Beach Bar. Noch mehr Spaß haben 15 junge Spanierinnen zwei Kneipen weiter. Im "El Puerto" feiern sie verkleidet als Playboy-Häschen den Junggesellenabschied einer Freundin.

Benidorm ist vor allem billig: Ein Bier kostet im Schnitt einen, der Liter Sangria fünf Euro. Das Nachtleben pulsiert wie in kaum einem anderen Ort an der spanischen Mittelmeerküste. Bis tief in die Nacht feiern die Jugendlichen an den Stränden.

Genau dort gab es vor 50 Jahren noch Schafe. Im Küstendorf Benidorm, was auf Deutsch "schlafender Junge" bedeutet, lebten Fischer mit ihren Familien vom Thunfisch- und Makrelenfang. Doch dann wurde zwischen 1950 und 1967 Pedro Zaragoza Bürgermeister. Er war ein geschäftstüchtiger, experimentierfreudiger Visionär, hatte gute Beziehungen zum Franco-Regime und machte Benidorm mit einem Mix aus genialer Werbestrategie, Billigpreisen und einem speziellen, ziemlich vertikalen Bauplan zu dem, was es heute ist – ein Saint-Tropez für Europas Mittel- und Unterschicht.

Rund 30 000 europäische, meist pensionierte Ausländer haben hier ihren Zweitwohnsitz, und alle können in Benidorm fast so wie zu Hause leben. Fast jede Nationalität hat ihre eigenen Friseure, Pastoren, Bäcker, Ärzte und Zeitungsstände. Ein bisschen Heimat im warmen Süden. Viele lieben Benidorm. Andere wie Dagmar und Heidrun finden es einfach nur hässlich.

dp a

Info: Benidorm

Anreise: Mehrere Airlines fliegen von Deutschland Alicante an. Vom dortigen Flughafen gibt es Shuttlebusse nach Benidorm.

Unterkunft: Fast alle deutschen Reiseveranstalter haben Benidorm im Programm. Die Hotelauswahl ist sehr groß.

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel.: 069/725038, für Broschüren-Bestellung:06123/99134,

www.spain.info

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