22.08.12

Usbekistan

Ein Märchen aus 1001 Nacht: Kunsthandwerk der Seidenstraße

Seide, Wolle, Keramik: Entlang der Seidenstraße in Usbekistan besinnen sich viele in Armut lebende Menschen wieder auf alte Handwerkstraditionen.

Foto: picture alliance / dpa-tmn/dpa-tmn
Ein Märchen aus 1001 Nacht: Kunsthandwerk an der Seidenstraße
Meisterwerke aus Seide, Wolle oder Keramik bestimmen das Bild auf den Basaren in Buchara

Samarkand. Die Manufaktur Yodgorlik hält eine jahrtausendealte Tradition am Leben. Die kleine baufällige Halle der Fabrik steht direkt an der staubigen Straße in der usbekischen Stadt Margilan. Zwei Frauen sitzen im Innern der Halle wie in einer Waschküche an einem Metallbottich. Darin kochen die Kokons der Seidenspinnerraupen im Wasser. Unmengen von Blättern der Maulbeerbäume haben die Raupen im Frühjahr gefressen und dann die weißen Puppenhüllen gesponnen.

Wie von selbst löst sich der spinnwebenfeine Faden von den Kügelchen. Geschickt führt eine Arbeiterin die haarigen Stränge der einzelnen Kokons zu einem einzigen Faden zusammen. Ihre Kollegin rollt ihn auf ein großes Holzrad. In einem anderen Gebäude des noch aus Zeiten kommunistischer Planwirtschaft stammenden Betriebs knüpfen Frauen mit feinster Seide im Sitzen Teppiche – Meisterwerke vieler Monate Handarbeit.

Doch in dem Privatbetrieb ist nicht nur die herkömmliche Produktionsweise mit mechanischen Webstühlen zu sehen. In einer anderen Halle wickeln ratternde Maschinen Stoffe meterweise auf Ballen. Die Technik hat auch in den Handwerksbetrieben Einzug gehalten.

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Noch hunderte Kilometer sind es vom fruchtbaren Ferganatal in Usbekistan bis zu den echten Perlen der Seidenstraße wie Buchara und Samarkand. Doch nicht in jenen märchenhaften Wüstenoasen mit dem orientalischen Klang aus 1001 Nacht und den Basaren voller Teppiche, Goldstickerei, Holzschnittkunst und Schmiedearbeiten hat die Seidenproduktion ihr Zuhause. Als ihr Zentrum gilt vielmehr die usbekische Stadt Margilan im Osten des zentralasiatischen Landes an der Grenze zu Kirgistan. Nur ein paar Kilometer weiter liegt der Ort Rischtan mit seinen großen Keramikmeistern.

Rund 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion versuchen in dem wirtschaftlich isolierten und von immenser Armut geplagten Land immer mehr Menschen, mit Handwerksarbeit und alter Volkskunst über die Runden zu kommen. Manchen sichert es die Existenz, andere können trotzdem kaum überleben.

Nur hinter vorgehaltener Hand erzählen die Menschen, dass Korruption, staatliche Bevormundung und ein Klima der Einschüchterung das Leben behindern. Wer in dieser Gegend im staatlich kontrollierten Tourismusgeschäft seinen Unterhalt verdienen will, gibt sich in aller Regel glühend staatstreu.

Seit mehr als 20 Jahren führt der inzwischen 74-jährige Islam Karimow das muslimische Land mit harter Hand. Traurige Berühmtheit erlangte das Ferganatal durch das Massaker von Andischan. 2005 schlug das Militär einen Aufstand von Islamisten gegen die Staatsführung nieder. Mehrere hundert Menschen wurden dabei getötet.

Einfangen lässt sich die Stimmung der Menschen in der Stadt Fergana, gut zehn Kilometer von Margilan entfernt, auf dem großen Markt. Zur Erntezeit türmen sich hier im Herbst Berge von Melonen, Kürbissen, Paprika und Getreide. Die Stadt ist das Zentrum der Region. Sogar einen internationalen Flughafen gibt es.

"Wie es sich hier lebt? Ich bin über 50 Jahre alt und war noch nie in meinem Leben in unserer Hauptstadt Taschkent", sagt die Getreideverkäuferin Farisa. Auch die Städte Chiwa, Samarkand und Buchara, wo viele orientalische Heiligtümer zum Weltkulturerbe der Unesco gehören, sind für sie Orte wie aus einer anderen Welt.

Von Fergana geht es in Richtung Taschkent vorbei an Obstplantagen und Baumwollfeldern, später durch das Hochland zu einem Kontrollpunkt mit Uniformierten. Aus Angst vor Terroranschlägen ist das Ferganatal durch diese Sicherheitskontrollen wie eine Sonderzone vom übrigen Teil des Landes getrennt. Gleichwohl gilt Usbekistan als vergleichsweise ruhig. In der Stadt Termes weiter im Süden unterhält die Bundeswehr einen Stützpunkt für ihre Afghanistan-Einsätze.

Auf dem rund 340 Kilometer langen Weg von Fergana nach Taschkent sind auch die Hinweise auf den schweren Wassernotstand unübersehbar: Flussbette, die nur Rinnsale führen oder ganz ausgetrocknet sind, und Seen, die sich unter der Sonne immer mehr zurückziehen.

Symbol für die Wasserarmut Usbekistans ist im Nordwesten des Landes der entlegene Aralsee, der nicht einmal mehr ein Fünftel seiner ursprünglichen Größe hat.

Ankunft in Taschkent. Die usbekische Hauptstadt steht wie der Rest des Landes für einen weltoffenen Islam. Es ist unverkennbar, dass die von der früheren Zentralregierung in Moskau einst unterdrückte Religion auf dem Vormarsch ist.

Stolz ist das 2200 Jahre alte Taschkent auf seine Pilgerstätte Hasti Iman und eine Bibliothek mit dem ältesten Koran. Er stammt aus dem 7. Jahrhundert. Von der postsowjetischen Millionenstadt mit kastenförmigen Wohnsilos sind es rund 300 Kilometer bis nach Samarkand. Die Reise führt durch karges Land.

In Samarkand erinnert nur noch wenig daran, dass hier einst der Knotenpunkt von Karawanen lag. Zentraler Platz ist der Registan mit alten Koranschulen (Medresen), prächtigen Portalen und der Moschee. Bläulich schimmern Majolikafassaden und Kuppeln. Der grausame Herrscher Timur führte Samarkand im 14. und 15. Jahrhundert zur Blüte. Die Stadt sollte ein "Mittelpunkt des Weltalls" werden.

Es ist vor allem jener Timur, der lahmende, aber extrem zähe und brutale Eroberer, der seit Jahren als Symbol einer usbekischen Identität aufgebaut wird. Dabei schätzen viele Usbeken mehr seinen Nachfolger, den Astronom Ulugbek (1394-1449). Das Erbe dieser Timuriden-Dynastie gilt als einzigartiger Kulturschatz des Islam in Zentralasien.

Immer wieder halten vor der schillernden Gräberstadt Schachi-Sinda Reisebusse mit Touristen aus Frankreich, Deutschland, Italien, aber auch aus den USA. Individualtouristen kommen vor allem aus Russland.

In westlicher Richtung aus der Stadt Samarkand geht es in wenigen Autostunden vorbei an Baumwollfeldern zu den letzten großen Perlen an der Seidenstraße – erst nach Buchara und dann durch die Wüste Kysylkum (Roter Sand) in die Oase Chiwa.

Das sonnenverwöhnte Buchara gehört mit seinem mittelalterlichen Stadtbild seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe. Zwischen Medresen, Minaretten und Moscheen der märchenhaften Stadt reiht sich ein Handwerksbetrieb an den nächsten.

Die kontrastreiche Kultur des Landes spiegelt sich nirgends so facettenreich wie in Buchara. In Werkstätten zeigen Handwerksmeister alte Waffenschmiedekunst, Ziselierarbeiten und Goldstickerei. Teppichhändler fordern zum Feilschen heraus. Meisterwerke aus Seide, Wolle oder Keramik bestimmen das Bild auf den Basaren.

Immer wieder erzählen die Menschen, dass dank öffentlicher Hilfsprogramme das Kunsthandwerk hier zu neuer Blüte geführt werde. Ältere Handwerker erinnern sich noch daran, dass Familienbetriebe zu Sowjetzeiten als Kritik an der sozialistischen Mangelwirtschaft verstanden wurden und deshalb drangsaliert wurden.

Ganze Geschäfte sind gefüllt mit Wandbehängen samt aufwendiger Baumwoll- und Seidenstickereien – Suzani oder Sjusane genannt. Einst schmückten Usbekinnen mit den gestickten Granatapfel- und Pflanzenmotiven nach ihrer Hochzeit die eheliche Wohnung. Heute schätzen sie Souvenirjäger als Tisch- oder Überdecken - Handwerkskunst aus einem Märchen aus 1001 Nacht.

Info Usbekistan

Einreise: Für die Einreise nach Usbekistan ist ein Visum notwendig, das direkt bei der Botschaft beantragt oder über ein Reisebüro organisiert werden kann.

Anreise: Ein Direktflug von Frankfurt am Main in die usbekische Hauptstadt Taschkent dauert rund sechs Stunden. Längere Flugreisen mit Umsteigen sind meist aber günstiger. Rundreisen auf Deutsch lassen sich auch im Land buchen.

Unterkünfte: Die Usbeken bieten Übernachtungen für jeden Geldbeutel – vom Hotel bis zur Jurte der Nomaden. Hotels übernehmen die lästige Registrierungspflicht bei den Behörden.

Währung: Der Sum wird international nicht gehandelt. Offiziell gibt es für einen Euro bei einer Bank nur etwa 2300 Sum. Es ist verbreitet, wenn auch nicht legal, das Geld etwa von Hotelangestellten zu einem besseren Kurs auf dem Schwarzmarkt umtauschen zu lassen.

Reisezeit: Die Usbeken empfehlen wegen der nahezu unerträglichen Sommerhitze nur Reisen im Frühjahr oder Herbst. Im September und Oktober bietet die Baumwollernte spektakuläre Eindrücke.

Informationen : Botschaft der Republik Usbekistan, Perleberger Straße 63, 10559 Berlin (Tel.: 030/394 09 80, E-Mail: botschaft@uzbekistan.de). (dpa)

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