04.08.12

Nordamerika

Kalifornischer Traum auf dem Highway 1

Die legendäre Küstenstraße in Kalifornien beginnt etwas nördlich von San Francisco und führt bis nach Orange County südlich der Megalopolis Los Angeles.

Foto: picture alliance / Alan Copson/R/Robert Harding World Imagery
Highway 1, California, United States of America, North America
Auf 655 Meilen Asphalt verbindet der Highway 1 Nord- und Südkalifornien miteinander

Kalifornien. Die Fenster sind heruntergekurbelt. Eine angenehme Brise weht durch die Haare. Und hinter jeder Serpentine des Highway 1 ziehen wir mit dem Wagen rechts ran, weil ein weiteres Küstenpanorama auf uns wartet, an dem der Pazifik kraftvoll gegen die schroffen Felsen im äußersten Westen der USA klatscht. Bei einem Trip über den Highway 1 und vor allem den Küstenstreifen Big Sur kommen sofort alle diese Bilder und dieses Gefühl von Freiheit in den Sinn, das man so gern mit US-amerikanischen Landschaften und Highways in Verbindung bringt. "Big Sur ist die schönste Begegnung von Land und See, die es auf der Erde gibt", soll der Schriftsteller Robert Louis Stevenson ("Die Schatzinsel") einmal gesagt haben.

Highway 1, auch Pacific Coast Highway genannt, ist allerdings deutlich mehr als Big Sur. Die legendäre Straße beginnt etwas nördlich von San Francisco und führt bis nach Orange County südlich der Megalopolis Los Angeles. Insgesamt werden Nord- und Südkalifornien auf 655 Meilen Asphalt miteinander verbunden, und entsprechend vielseitig ist die Strecke: vorbei an wilder Natur und langen Sandstränden, an exklusiven Millionärsrefugien und Golfplätzen, an hübschen Hafenörtchen und Weltmetropolen. Der wohl bekannteste Teil beginnt - wenn man wie wir im Norden startet - in Monterey und reicht bis zum wohlhabenden Santa Barbara nahe Los Angeles.

Monterey war einst für seine Fischkonservenfabriken bekannt, die John Steinbeck in seinem Roman "Die Straße der Ölsardinen" beschrieb. In den 1940er-Jahren erzählte der Nobelpreisträger darin von den katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Fabriken auf der Cannery Row, die tonnenweise Konserven in die ganze USA lieferten. Vieles erinnert noch heute an Steinbeck und die große Sardinenzeit. Der Gestank hat sich aber längst verzogen, und Fischereien gibt es kaum noch. Stattdessen hat sich Monterey als Hafenstädtchen mit äußerst sehenswertem Aquarium und Flanier-Pier herausgeputzt, an dem sich die Robben in der Sonne aalen. Zwar kann man in einer kleinen Tour den Spuren in die Vergangenheit der Cannery Row folgen, hinter den Kulissen der Fabrikgebäude von einst sind heutzutage aber vor allem Restaurants und Souvenirshops zu finden.

+++Auf dem Highway der Hochgefühle+++

Monterey ist nicht nur ein sehr entspannter Ausgangsort für eine Highway-1-Tour, sondern auch ein recht hübscher. Nur wenige Kilometer Richtung Süden bekommen wir in Carmel-by-the-Sea allerdings vorgeführt, dass sich niedlich und pittoresk noch einmal deutlich steigern lassen. Auch dieser kleine Küstenort ist vor allem mit einem prominenten Namen verbunden: Clint Eastwood war in den 80ern mal Bürgermeister, betreibt die restaurierte Mission Ranch als Hotel und ist noch immer in dieses eigentümliche Örtchen verliebt. Carmel ist tatsächlich einzigartig auf dieser Tour mit seinen Häuschen, die im satten Grün der vielen Bäume wie Cottages aus den englischen Cotswolds oder Importe aus dem "Herr der Ringe"-Auenland wirken. Die Hauptstraße ist gesäumt von Galerien, von teuren Boutiquen, Restaurants und Weinstuben mit regionalen Weinen. Nachdem wir am Ende des Tages vom breiten Sandstrand aus die Sonne glutrot im Meer versinken gesehen haben, passiert nicht mehr viel: Noch kurz was essen, und dann werden in Carmel auch bald die Bürgersteige hochgeklappt.

So können wir auch früh die nächste Etappe starten. Sie beginnt mit dem 17-Mile-Drive - ein Rundweg, den man zu Fuß ablaufen oder mit dem Rad oder gegen eine Gebühr mit dem Auto abfahren kann. Einige exklusive Resorts gibt es dort und einige Golfplätze wie den weltberühmten Pebble-Beach-Golfplatz, die beige Tupfer in die Landschaft setzen, die das eigentlich Interessante ist. Langsam arbeiten wir uns von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt vor, beobachten Scharen von Möwen am "Bird Rock" und erreichen die einsame Zypresse, die sich in der Tat sehr einsam und mit eingemauerten Wurzeln seit über 250 Jahren auf einen Felsen klammert. Ein Schild erinnert daran, dass sich die Pebble Beach Company die Rechte an dem Bäumchen und seiner Silhouette gesichert hat. Der Blick schweift über zerklüftete Felsen und raue Strandabschnitte, an denen Baden wie an der Küste von Big Sur aufgrund der starken Strömung nicht zu empfehlen ist. Der 17-Mile-Drive stimmt schon mal auf malerische und kompakte Weise darauf ein, was uns kurze Zeit später noch größer, mächtiger, beeindruckender auf dem etwa 100 Kilometer langen Küstenstreifen von Big Sur erwartet.

+++Zwischen Tod und Teufel bei 45 Grad+++

Den Namen hat Big Sur im 18. Jahrhundert von den Spaniern bekommen. Er bedeutet so viel wie "der große Süden". Das ist auch die Richtung, in die wir fahren, auf einer Spur direkt am Ozean entlang. Die Wellen schlagen gegen die dunklen Felsen. Brücken wie die berühmte Bixby Bridge spannen sich über Schluchten zwischen den steil aufsteigenden Bergen. State Parks wie der Julia Pfeiffer Burns State Park mit dem McWay-Wasserfall liegen auf dem Weg und bieten die Möglichkeit zum Hiken.

Salzgeschmack liegt in der Luft, während sich der Highway 1 durch die sich hinter dem Ozean auftürmenden Berge schlängelt. Zur Zeit der Großen Depression wurde er in den Stein gesprengt und geschlagen und 1937 fertiggestellt. Schroff und ungezähmt ist die Landschaft hier, romantisch und dramatisch - und nach wie vor sehr dünn besiedelt. Die Hotels und Pensionen, die sich in Big Sur verstecken, lassen sich an einer Hand abzählen. Wir haben Glück an diesem Tag, denn die Straße ist ziemlich leer. Keine Scharen von Touristen, sondern nur vereinzelte Wagen. Die Eindrücke wirken so intensiver.

+++Ein ganz privates Roadmovie+++

Kurz vor dem Ende von Big Sur wartet noch ein eher unwirkliches Highlight: In den Santa Lucia Mountains, hoch über dem Highway 1, thront das märchenhafte Hearst Castle. Das schlossartige Anwesen wurde benannt nach seinem Erbauer, dem schwerreichen Zeitungstycoon Randolph Hearst, der in den 1920er-Jahren mit viel Hollywoodprominenz ausschweifende Partys feierte. Es war ein verschwenderisches und letztlich unvollendetes Monumentalbauprojekt. Nicht nur die langjährigen Bauarbeiten, sondern auch die Kunstschätze, mit denen das Anwesen vollgestopft ist, haben einst Unsummen verschlungen - bis Hearst das Geld ausging. Seit den 1950er-Jahren gehört Hearst Castle zu den California State Parks. Seitdem wurden Millionen von Touristen durch den Prunk geschleust, zu dem ein eigenes Kino, ein Privatzoo und der Neptun-Pool im antiken Stil gehören. So verführerisch es auch wirkt: Baden ist darin leider verboten. Es bleibt ohnehin keine Zeit. Die Sonne verschwindet schon langsam am Horizont des Pazifiks, und wir fahren weiter bis nach Santa Barbara.

1925 durch ein Erdbeben fast vollständig zerstört, wurde die heimliche Hauptstadt der "American Riviera" wieder aufgebaut - im spanischen Stil mit weißen Häusern und markanten roten Ziegeldächern. Heute ist Santa Barbara ein schickes, mondänes Städtchen, das sich zwischen dem breiten Sandstrand und den Bergen dahinter ausbreitet - inklusive erhöhter Promi-Einwohner- und Surferdichte, einer alten Mission und zahlreicher Weinhandlungen, die sich im ehemaligen Industriegebiet Funk Zone niedergelassen haben und für ein paar Dollar Weinproben anbieten. Sehr entspannt kehren wir in Santa Barbara zurück in die Zivilisation und sind uns sicher, dass Stevenson mit seiner Einschätzung über den großen Süden nicht wirklich falsch lag.

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