28.07.12

Griechenland

Tourismus: Einmal Kreta ohne Krise, bitte!

Der Robinson Club Kalimera Kriti hat erst diese Saison eröffnet, läuft aber sehr gut. Euro- und Staatsschulden-Debatte sind nur außerhalb ein Problem.

Foto: PR
Die Klubanlage in Sissi im Nordosten Kretas liegt zwischen den Ausläufern des Dikti-Gebirges und einer schönen Bucht am Kretischen Meer. Sie erstreckt sich auf insgesamt 24 Hektar
Die Klubanlage in Sissi im Nordosten Kretas liegt zwischen den Ausläufern des Dikti-Gebirges und einer schönen Bucht am Kretischen Meer. Sie erstreckt sich auf insgesamt 24 Hektar

Heute macht die Banane die Ansage. "Es ist Viertel vor vier, und wir sagen euch, wer, wie, wo und vor allem was passiert ..." Während im Hintergrund der Grand-Prix-Hit "Euphoria" den Rhythmus vorgibt, stimmt das Animationsteam des Robinson Clubs Kalimera Kriti am XXL-Pool die Gäste auf das Nachmittagsprogramm ein. Die Banane ist dabei nicht zu beneiden. Wer möchte schon bei 35 Grad im Schatten in einem gelben Plüschkostüm stecken? Vermutlich niemand - außer man ist "Robin" oder "Robina", wie die Animateure bei Robinson heißen.

Die Stimmung an diesem heißen Sommertag auf Kreta ist bestens, die blauen Liegen unter den weißen Sonnenschirmen am Pool und am Strand sind seit dem Morgen besetzt. Mit mehr als 900 Sonnenhungrigen ist der Kalimera Kriti Ende Juli voll ausgelastet - dabei hat der deutsche Premium-Club-Anbieter Robinson die weitläufige Anlage in der Nähe des kleinen Ortes Sissi erst seit dieser Saison unter seinen Fittichen, und das ausgerechnet mitten in den Zeiten der Euro-Krise. Im Frühjahr 2011 schlossen die Deutschen einen Vertrag mit dem griechischen Eigner, der, so heißt es in Touristik-Kreisen, dringend einen Partner für das 1993 erbaute Resort gebraucht haben soll. "Krisenzeiten sind Investitionszeiten", sagt Club-Vize Steffen Müller, der nicht nur Erfahrung im Kids-Entertainment, sondern auch ein Wirtschaftsstudium absolviert hat. "Wann hat man sonst die Gelegenheit, eine solche Anlage in einer so schönen Bucht zu bekommen?"

+++Griechenland-Urlauber sollten Euro-Reserven mitbringen+++

Auf 240 000 Quadratmetern verteilen sich unter anderem ein Haupthaus mit 800-Plätze-Terrasse, zwei große Pools, ein neu angelegter Kunstrasenplatz, Tennisplätze, eine Bike-Station, eine Bogenschießanlage, zwei Restaurants und vier Bars. Besonders pittoresk oberhalb des insgesamt ein Kilometer langen Strandes ist das kretische Dorf: In hübsch verschachtelten, ockergelb und blau gestrichenen Häuschen, von Hibiskus und Bougainvillea blühend eingerahmt, liegen Unterkünfte im griechischen Stil. Griechischer Stil heißt allerdings auch, dass noch nicht alle Bäder renoviert sind und da, wo noch schnell ein paar schicke Armaturen eingebaut worden sind, der Duschschlauch nicht auf die Halterung passt.

Über die Anlaufschwierigkeiten sehen die Gäste, die dem wechselhaften Wetter in Deutschland den Rücken gekehrt haben, angesichts der täglich bis zu 14 Sonnenstunden meist schnell hinweg. Vor allem Familien, die gutes Essen, Sport und Unterhaltung auf höherem Niveau schätzen, genießen ihre Ferien, wie beispielsweise Birgit Foert, 46, aus Recklinghausen. Die sportliche Mutter von drei Kindern ist dem nordrhein-westfälischen Regen entflohen. Mit Tochter Tina, 16, lässt sie sich in den 26 Grad warmen Wellen des Kretischen Meeres schaukeln, während die jüngere Tochter Paula, 13, Fußball spielt und Nesthäkchen Moritz, 11, mit neuen Freunden über eine aufblasbare Wasserbrücke im Pool tobt. "Eine Bekannte hat mir vor der Abreise ,viel Spaß beim Griechenland-Unterstützen' gewünscht", sagt die erfahrene Klub-Urlauberin. Und es ist ein wenig Ironie der Geschichte, dass die Deutschen nun gerade an der Wiege Europas den Rettungsschirm und die Diskussion um einen möglichen Euro-Austritt der Griechen vergessen. Der Sage nach soll einst Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers auf seinem Rücken die schöne Europa an Kretas Südküste nach Matala gebracht haben. Um die menschliche Geliebte unsterblich werden zu lassen, nannte er den ganzen Kontinent nach ihr. Doch das heutige Europa steckt in der Krise, eingeläutet im Oktober 2009 durch die Offenlegung der desolaten griechischen Staatsfinanzen. Und sie ließ das Vertrauen vieler Deutscher in Griechenland-Urlaub schwinden. Veranstalter meldeten Buchungsrückgänge bis zu 30 Prozent, eine leichte Abmilderung dürfte nur der Last-Minute-Run mangels Alternative auf Mallorca und an ähnlich gefragten Zielen bringen.

+++Griechen freuen sich über Boom – Kreta top+++

Zwar erscheint die Skepsis angesichts der rechtlichen Absicherung deutscher Pauschalreisen übertrieben, aber wenn Tourismusexperten Individualurlaubern öffentlich anraten, bei Griechenland-Touren möglichst ausreichend Euro-Bargeldbestände mitzunehmen, trägt das zur Attraktivität wenig bei. Doch im Kalimera Kriti ist von Zurückhaltung nichts zu spüren, der Laden brummt. "Unsere Gäste buchen Robinson, nicht Griechenland", erläutert Geschäftsführer Ingo Burmester in Hannover den guten Zuspruch für die neue Familien-Anlage auf Kreta.

Von Griechenland erleben viele Gäste im Kalimera Kriti nicht mehr als Bauernsalat und Gyros im Pita-Brot zur Lunch-Zeit. Solange die Temperaturen doppelt so hoch sind wie im heimischen Hamburg - 34 versus 17 Grad -, machen die wenigsten Urlauber Ausflüge zu den sehenswerten Ausgrabungsstätten nach Knossos oder ins eine halbe Autostunde entfernte Städtchen Agios Nikolaos. Dabei lässt sich dort die Wirtschaft Griechenlands bestens und eigennützig unterstützen - zum Beispiel mit dem Kauf eines Kleides des Modelabels Vertige in einer Boutique nahe der Marina. "Ist das nicht eine schicke Art, Geld nach Griechenland zu bringen?", fragt die Verkäuferin lächelnd.

+++Reiseveranstalter locken mit Schleuderpreisen+++

Nur wenige Gehminuten weiter, in der Roussou Koundourou, reicht die sympathische Maria, Mitte 20, im Café Melissa einen kühlen Frappé, eine Kaffeespezialität mit Eis, über den Tresen. Auf die Frage, wie das Leben auf Kreta läuft, erzählt sie offen, dass es sehr schwierig sei: Die Politiker machten einfach ihre Hausaufgaben nicht, und sie alle im Land müssten dies büßen. Die Geschäfte der beiden Melissa-Filialen liefen schlecht, die Zahl der Mitarbeiter sei auf sieben halbiert worden. Sie selbst gehe demnächst ins schottische Dundee, um ein Aufbaustudium zu absolvieren. "Als Ingenieurin hier auf Kreta würde ich höchstens 800 Euro verdienen, das reicht nicht für ein ordentliches Leben." Nun hofft sie fern der sonnigen Heimat auf bessere Chancen und einen Job.

Die, die dableiben, haben sich längst auf andere Gäste eingestellt und warten nicht nur auf die Deutschen. Gleich zwei Pelzläden liegen in der Roussou Koundourou nur wenige Meter voneinander entfernt. Damen mit blassem Teint und schlecht blondierten Haaren probieren Pelzjacken, drehen und wenden sich im klimatisierten Ambiente vorm Spiegel, während draußen die flanierenden Urlauber in Tops und Shorts schwitzen. Die Pelze seien hier deutlich günstiger als in Russland, verrät später ein Taxifahrer auf dem Weg zurück in den Robinson Club, er habe schon eine Kundin gehabt, die habe einen Pelz, der zu Hause 3000 Euro koste, für 500 Euro gekauft.

Der neue Robinson Club an der Nordostküste Kretas wird von den Einheimischen mit gemischten Gefühlen gesehen. Sicher, ohne das deutsche Engagement wäre es wohl schwierig geworden, und die Hannoveraner haben nicht nur sämtliche Mitarbeiter übernommen, sondern auch noch etliche neue eingestellt. Die Produkte, die an den leckeren Büfetts und in den Bars angeboten werden, stammen meist aus griechischen Landen. Doch in den Tavernen des nahen Ortes Sissi ist weniger los, seit die Gäste im Kalimera Kriti die Vollpension in der Klubanlage bevorzugen und nicht mehr wie früher zum Abendessen einen Spaziergang ins Dorf machen.

Während die Urlauber unbeschwerte Klubferien verbringen, spitzt sich die finanzielle Lage Griechenlands weiter zu. Schon im September wird eine Rückkehr zur Drachme nicht ausgeschlossen, wenn Europa nicht weitere Milliarden in das Fass ohne Boden steckt.

Da die Verträge im Tourismus in der Regel auf Euro-Basis geschlossen werden, um von Wechselkursschwankungen unabhängig zu bleiben, wird der Robinson Club Kalimera Kriti auch 2013 ein attraktives Ziel für deutsche Erholungssuchende bleiben. Mit der Schließung des Klubs Lyttos Beach und der gleichzeitigen Neueröffnung von Elounda Bay Palace hat Robinson sein Engagement auf Kreta per Saldo verdoppelt. Und auch der Mitbewerber Aldiana nimmt im Mai 2013 wieder eine Anlage auf der größten griechischen Insel in Betrieb.

Das wichtigste Kapital der Griechen ist krisenfest: Die Sonne scheint für alle gratis - auch für Bananen.

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