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Reise

Deutschland-Reise

Kunst und feuchte Wiesen: ein Winterausflug nach Worpswede

Noch vor einem Jahrhundert war Worpswede ein Kaff. Längst drängen sich hier die Touristen. Auch im Winter gibt es viel zu sehen.

Winterliche Abendstimmung: Die Hamme in der Nähe von Worspwede lädt auch in der kalten Jahreszeit zu Spaziergängen ein
Foto: picture alliance / dpa-tmn/zeh ah

Worpswede. An einem klaren Wintertag reicht der Blick vom Weyerberg bis weit über die Hamme-Niederung und das Teufelsmoor. Eichen und Buchen, die im Sommer mit ihrem dichten Blätterdach den Blick verstellen, recken nun nur kahle Äste in den Himmel. In den kalten Monaten präsentiert sich der Künstlerort Worpswede nordöstlich von Bremen weniger behaglich als im Sommer. Dafür bietet er neben den Museen und Kunstschauen andere Ein- und Ausblicke und ist auf jeden Fall einen Winterausflug wert.

Davon ist auch Armin Kannning, der Leiter vom Worpsweder Tourismus- und Kulturmarketing, überzeugt. „Das Landschaftsbild im Winter ist aufgeschlossener.“ Im Ort könnten die Besucher viele Grundstücke und Gebäude sehen, die im Sommer durch Bäume und Büsche abgeschirmt sind. Die verschiedenen Ausstellungen locken nicht nur bei schlechtem Wetter unter feste Dächer. Die Große Kunstschau wurde nach Erweiterung und Umgestaltung 2011 wieder eröffnet. „Wir haben auch im Winter ein ansprechendes Programm.“

+++Woprswede würdigt Künstler Heinrich Vogeler+++

+++Woprswede wird nach Umgestaltung Kunstmeile+++

Worpswede mit seinen rund 9500 Einwohnern durchläuft gerade eine Art Generalüberholung. Besonders zu sehen ist das in der Bergstraße, die auf ein paar hundert Metern das Zentrum des Ortes bildet. Links und rechts liegen Galerien, kleine Museen, Cafés und allerlei Geschäfte. Der Weg führt von der Zionskirche bis zur großen Kunstschau.

Künstlerdorf Worpswede

Idylle im Winter: Im Barkenhoff lebte und arbeitete Heinrich Vogeler. Das Haus war lange Zeit das Zentrum der Worpsweder Künstlerkolonie

Die Bergstraße ist eine Baustelle. Mit roten Klinkersteinen gepflastert, wird aus der früher eher autofreundlichen Straße eine Flaniermeile, auf der sich vor allem Fußgänger wohlfühlen sollen. Renovierungs- und Umbauarbeiten laufen allerorten in Worpswede, zum Beispiel am Barkenhoff, in dem der Maler Heinrich Vogeler zwischen

1895 und 1923 lebte und arbeitete – seinerzeit war das Haus so etwas wie das schöpferische Zentrum des Ortes.

Wer schon einmal in Worpswede ist, sollte einen Besuch im Teufelsmoor anschließen, zumindest aber den kurzen Weg in die Hamme-Niederung machen. Spätestens am Lokal „Hammehütte Neu-Helgoland“ lässt man das Auto stehen und schlendert über die alte Fußgänger-Klappbrücke zum anderen Ufer des Flüsschens, das im Winter oft bis an den Rand mit Wasser gefüllt ist. Die Wiesen links und rechts des Weges sind weitgehend überflutet und lassen bei gutem Wetter einen fantastischen Ausblick über die Ebene bis zu der am Horizont aufragenden Geest bei Osterholz-Scharmbeck zu.

Künstlerdorf Worpswede

Ort der Stille: Die Zionskirche mit dem Kanzelaltar ist eine der Sehenswürdigkeiten von Worpswede

Generationen vor uns hatten sich daran kaputt gearbeitet, das moorige Land urbar zu machen, um ein bescheidenes Leben mit Landwirtschaft und Torfabbau bestreiten zu können. Dafür legten sie Entwässerungsgräben und Kanäle an, auf denen Torf nach Bremen geschippert wurde. Mehr als jeder andere steht Jürgen Christian Findorff für die Veränderung der Landschaft. Von 1751 an leitete er die Trockenlegung und Besiedelung der Moorgebiete zwischen Hamme und Wümme. Der „Vater aller Moorbauern“ gründete dutzende Dörfer, plante und leitete den Bau von Kirchen und Kanälen. Schließlich wurde Findorff offiziell Moorkommissar.

Was damals für die wachsende Bevölkerung notwendig und richtig erschien, erwies sich später als großer ökologischer Fehler. Mit dem Wasser verschwand die Artenvielfalt. Weil wir heute besser wissen, wie wertvoll Feuchtgebiete für Vögel und Pflanzen, Insekten und Amphibien sind, durfte das Wasser in Teile der Niederung zurückkehren. Ein teures Projekt, an dessen Finanzierung sich auch die Europäische Union beteiligt.

Künstlerdorf Worpswede

mendienst-Bericht von Sönke Möhl vom 10. Februar: Zeugen der Vergangenheit: Auf dem Friedhof von Worpswede sind zahlreiche Künstler begraben, darunter auch Paula Modersohn-Becker

Kanning empfiehlt gerade im Winter einen Spaziergang durch die Hamme-Niederung. „Es ist ein Naturschauspiel, das man gesehen haben muss.“ Ziel eines Spaziergangs könne einer von mehreren Aussichtstürmen sein, von denen aus sich die weite der Landschaft noch besser erschließt als aus der beschränkten Fußgängerperspektive.

Gute Informationen zur Natur im Moor bietet die Biologische Station in Osterholz-Scharmbeck. Zum Angebot gehören geführte Wanderungen, Vorträge und Umweltbildung.

Nach dem Marsch ordentlich durchgelüftet, vielleicht sogar durchgefroren, bietet sich der Besuch in einem der zahlreichen Cafés in Worpswede an. Bei heißen Getränken lässt sich die nächste Etappe der Ortserkundung planen: Die Zionskirche und der Friedhof sind sehenswert.

Schilder auf dem Gelände weisen den Weg zu den Gräbern bedeutender Worpsweder Künstler. Auf dem weitläufig-parkartigen, erhöht liegenden Gelände haben zum Beispiel Fritz Mackensen und Paula Modersohn-Becker ihre Ruhestätten. „Viele Gräber sind künstlerisch gestaltet“, erzählt Pastor Kurt Liedtke. Ein Spaziergang lohne sich immer, weil man auf dem Friedhof viel über die Menschen von Worpswede erfahre.

Die ab 1757 unter Findorffs Leitung gebaute Kirche präsentiert sich von außen und innen protestantisch-schlicht, bietet aber interessante Details wie den mit Rokoko-Elementen verzierten Kanzelaltar. „Hier ist für viele Besucher das erste Mal, dass sie einen Kanzelaltar sehen“, erzählt Liedtke. Sehenswert sind auch die Blumenfresken von Paula Becker – die später Modersohn-Becker hieß - und Engelsköpfe der Bildhauerin Clara Westhoff, ihrer guten Freundin und Ehefrau des Dichters Rainer Maria Rilke, der zeitweise ebenfalls in Worpswede lebte.

Die am Hang des Weyerbergs gebaute Kirche ist bis weit ins flache Umland hinein zu sehen. Sie sollte den Neukolonisten des Moores ein deutliches Zeichen sein. In der Zionskirche werden regelmäßig gut besuchte Orgelkonzerte gegeben. Bald auf einem neuen Instrument, das am 4. März eingeweiht werden soll. „Dann veranstalten wir eine große Orgelwoche“, kündigt Liedtke an.

Anreise

Mit dem Auto bietet sich an, über das Bremer Kreuz auf der Autobahn 27 in Richtung Bremerhaven/Cuxhaven zu fahren. Nach der Ausfahrt Bremen Industriehäfen geht es weiter auf der Landstraße in Richtung Osterholz-Scharmbeck, dann der Ausschilderung Worpswede folgen. Mit der Bahn ist der Bremer Hauptbahnhof gut zu erreichen, von dort aus fährt die Buslinie 670 bis Worpswede.

(dpa/tmn)

 

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