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Reise

Unterwegs getroffen

Antarktis und Amazonas als Wohnzimmer

Mit viel Humor erklärt Bordlektor Dr. Gerhard Beese Kreuzfahrt-Passagieren die Wunder und Eigenheiten entlegener Welten - und das schon seit mehr als 35 Jahren.

Weltenbummler Beese hat schon 32-mal den Amazonas befahren.
Foto: Bernd Schiller

Der drahtige ältere Herr schwingt sich auf sein Mountainbike und nimmt direkt Kurs auf das Niendorfer Gehege. Auf gut 30 Kilometern, an schönen Herbsttagen manchmal auch mehr, tritt er kräftig in die Pedalen. Zugleich nimmt er mit geschärftem Auge seine Umgebung wahr, schaut sich den Stand der spätherbstlichen Bäume an, nimmt hier eine überraschende Veränderung und dort eine lieb gewonnene Ecke wahr. Jeden Morgen zieht Gerhard Beese, stämmige 1,67 Meter groß, so seine Kreise - wenn der 73-Jährige denn in Hamburg ist.

+++Unterwegs getroffen+++


Aber dort, in seiner kleinen Wohnung voller Bücher, Seekarten und Atlanten, ist er nicht oft. Meistens schippert der promovierte Meeresbiologe und langjährige Entwicklungshelfer als Bordlektor, als ein ebenso kundiger wie lebenskluger Vortragsreisender, mit Kreuzfahrern über die Weltmeere, an Küsten entlang und auf Flüssen, von denen die meisten Normalurlauber allenfalls träumen: "Meine Wohnzimmer heißen Antarktis und Amazonas."

43-mal war er in Südpolnähe unterwegs, hat die weißen Wunderwelten zwischen den Südshetland-Inseln und Petermann Island im großen Ganzen und erst recht im Detail erklärt und dabei noch jeden Sturm in der Drake Passage oder vor Kap Horn locker abgeritten: "Der liebe Gott hat mich standfest ausgerüstet, zum Beispiel mit kurzen Beinen, die mich obendrein jeden Langstreckenflug, auch in den engsten Sitzreihen, problemlos überstehen lässt." Über Weihnachten wird er sein anderes Wohnzimmer besuchen, wird zum 32. Mal den Amazonas in voller schiffbarer Länge befahren. Und er wird, wie immer, von jedem Ausflug zur näheren Erläuterung ein paar Früchte mit an Bord nehmen, Blätter, Rindenstücke, Blüten von der Victoria Amazonica - und gerne auch eine Vogelspinne. Die fängt er sich an Land ("das habe ich von den Indianern gelernt"), verwahrt sie bis zum abendlichen Tagesrückblick, unter Expeditions-Kreuzfahrern "recap" genannt, in einem Sektkübel mit offenem Deckel und freut sich diebisch auf die spitzen Schreie der Damen.

Gerhard Beese wurde in Magdeburg geboren, lebt aber seit über 50 Jahren in Hamburg. Neben fachlicher Kompetenz kommt ihm seine Fähigkeit zugute, nicht nur die anderen, sondern auch sich selber immer wieder zu begeistern. "Wenn ich irgendwann nicht mehr staunen kann, bleibe ich zu Hause." Das war schon sein Motto, als er vor Jahrzehnten im Auftrage der Uno in der Fischereiforschung an den Küsten Mexikos und Kolumbiens gearbeitet hat.

Der Sprung an Bord, Ende der 1970er-Jahre, geschah danach eher zufällig. Der damals berühmte Weltenbummler und Buchautor Hans Helfritz fragte den Wissenschaftler, ob er an seiner Stelle eine Karibikreise begleiten könne, das Meer, die Inseln, Land und Leute erklären. Beese konnte, wollte und musterte bald darauf erneut an, wieder auf der "World Discoverer", die diese Form der abenteuerlichen Seereise einst populär gemacht hat.

Später ist der kleine Doktor Allwissend, wie ihn manche der Stammgäste längst liebevoll nennen, unter vielen Reedereiflaggen gesegelt, besonders oft auf der "Hanseatic" und der "Bremen", den beiden Expeditionsschiffen von Hapag-Lloyd. Aber auch auf die ganz anders zusammengesetzte Klientel der Aida-Schiffe mochte er sich gern einstellen: "Ich hätte vorher nicht gedacht, wie viel Spaß das 'Edutainment'-Konzept machen würde."

An Gerhard Beese schätzen seine Fans neben seiner großen Sachkenntnis auch die Art, wie er Ausflüge begleitet - die zweite wichtige Aufgabe eines Lektors. Auch dabei, ebenso wie bei den Vorträgen und den "recaps", wird erklärt und vertieft, werden die Geheimnisse der Ozeane entschlüsselt oder das "terrestrische Ökosystem" südlich der Packeisgrenze vertieft.

Der kompetente Wissenschaftler kann aber auch anders. Manchmal, wenn schlechtes Wetter und schlechte Laune unter den Passagieren überbrückt werden müssen, trägt Gerhard Beese in der Cocktailstunde am Nachmittag Anekdoten und Gedichte vor, von Wilhelm Busch, Eugen Roth oder Ringelnatz.

Solche Einlagen sind beliebt, sie machen jemanden, der nahezu alles wissen soll und ja auch wirklich viel weiß, menschlich. Nur wenn die Crew sich zum Shantychor formiert, meistens am Tag vor dem Farewell Dinner, mischt sich der fröhliche Lektor, der nicht so gut singen wie erzählen kann, lieber unter die Zuschauer.

 

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