22.10.11

Kleine Fluchten

Ein Quartier ohne große Service-Attitüde

Das Hotel Alter Hafenspeicher in Stralsund überrascht durch Einfachheit und maritimes Flair. Die Geschichte des Hotels geht zurück ins Jahr 1876.

Foto: Michael Pasdzior
Hotel Hafenspeicher
Mitten im Hafen und am Strelasund steht der alte Speicher – kein typisches Hotel

Das Flair könnte maritimer nicht sein. Dort, wo sich Backsteingebäude und Speicher aneinanderreihen, wo Schiffe und Yachten liegen und von wo Fähren und Ausflugsdampfer in See stechen, steht das Hotel Alter Hafenspeicher - direkt am Strelasund. Die Geschichte des Speichers begann 1874, als das Gebäude als Treiböllager für den Reeder und Braunbierbraumeister Carl August Beug errichtet wurde. Eine Zeit, in der der Handel mit Antriebsölen für Schiffsmotoren begann. Das Braunbier bietet das Hotel noch heute an.

Der "auf Schalke" geborene Joachim Geiling ist Geschäftsführer des Hauses. Unser Gespräch findet in der "Dachlaterne" des Gebäudes statt. Weit reicht der Blick von hier oben über Stadt, Land und Meer. "Am Abend kann man sogar den Leuchtturm von Hiddensee sehen", schwärmt Geiling. Seine Vita ist recht abwechslungsreich. "Nach dem Abitur bin ich zur Marine gegangen", erzählt der passionierte Segler. Darauf folgte ein Architekturstudium, ein Kindheitstraum. "Mich reizen das Modernisieren, Optimieren und die neue Nutzung alter Bauten", sagt er.

Er kaufte ein Zinshaus in Hamburg-Altona und spezialisierte sich auf Häusersanierung. 1997 gründete er in Stralsund eine Genossenschaft, die Häuser kaufte und umbaute. 2002 erwarb er den Speicher mit dem Ziel, darin Büros und Eigentumswohnungen zu bauen. Doch der Umbau erwies sich als schwierig, und Geiling entschied sich für ein Hotelkonzept, obwohl er keine gastgeberische Erfahrung hatte.

"Wir sind ein eher untypisches Hotel", sagt der 60-Jährige nicht ohne Stolz, "hier gibt es keine devoten Angestellten." Wenn ein Gast meint, er sei König, dann entgegnet er, "dass wir nicht auf Royals eingerichtet sind". Aber das kommt in dem angenehmen Haus sowieso eher selten vor. "Wir betrachten uns als Gastgeber und unser Haus als Boardinghouse im angenehmen angloamerikanischen Sinn", erklärt er sein Konzept. "Das bedeutet, dass die Zimmer erst ab dem vierten Tag gereinigt werden. Wer möchte, kann die tägliche Zimmerreinigung natürlich gegen ein Entgelt hinzubuchen."

Das gesamte Innendesign ist das Werk von Joachim Geiling. "Stahl, Papier, Holz und Stein ziehen sich als Themen durchs ganze Haus", erklärt er die Ausformung. Die Einrichtung ist robust und schlicht, nach dem Motto "weniger ist mehr". Auffällig sind die aus Brasilien stammenden Schieferplatten mit ihrer wunderbaren Musterung, die sich in den Badezimmern, im Wellnessbereich und im Restaurant finden.

Unbesorgt genussvoll essen heißt hier, biologisch kontrollierte, regional angebaute und saisonal verfügbare Lebensmittel konsumieren. Das Restaurant ist bio-zertifiziert, die Atmosphäre urig und rustikal. Mittlerweile ist Joachim Geiling viel Anerkennung unter der Bevölkerung zuteil geworden. Er habe der Stadt ein Stück Geschichte erhalten, befinden die Einwohner. In der örtlichen Presse ist aus dem Hamburger Architekten zuerst ein Stralsunder Architekt und nun sogar der Hanse-Architekt geworden. "Das kommt schon fast einem Adelstitel gleich", freut sich Geiling. Es ist eben ein persönlich geführtes Haus, in dem sich individuell ausgeprägte Menschen gerne aufhalten.

www.abendblatt.de/kleinefluchten

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