Schnitzeljagd von Hamburg bis Hawaii
Mit GPS-Empfänger auf "Schatz"-Suche: Das bringt auch in den Urlaub Würze.
Hamburg. Was ich heute gefunden habe, war echt irre", schwärmt Michael Link. Er erzählt von einem Tresor in einem Wald bei Hamburg. Mit einigen Hinweisen und Tüftelei ließ sich der kleine Stahlschrank öffnen. Darin lagen eine Musik-CD und ein Armee-Tragegurt. Einen Spezialdosenöffner und Spielzeugfiguren aus Überraschungseiern hat Link nun dazugelegt. Seit Mai pflegt der Hamburger ein neues Hobby: Er ist einer von weit über Tausend "Geocachern" in Deutschland - und die Zahl wächst sprunghaft. Geocacher machen sich mit Hilfe eines tragbaren Satellitenempfängers auf die Suche nach verborgenen Behältern. Diese versteckt die Fangemeinde, und zwar weltweit: Mit dem GPS in der Badetasche buddeln sie an den Stränden Hawaiis nach kleinen Schätzen, sie pirschen durch schmale Gassen in Madrid, oder sie lassen sich von ihrem Empfänger in verwunschene Hinterhöfe führen. Möglich wird die satellitenunterstützte Schatzsuche durch das GPS (Global Positioning System). Dabei errechnet der Empfänger aus den Signalen von Satelliten seine Position. Ursprünglich war GPS ein rein militärisch genutztes System, später kamen zivile Anwendungen wie See- und Auto-Navigation hinzu. Als US-Präsident Bill Clinton am 2. Mai 2000 die künstliche Verzerrung dieser Signale abschalten ließ, ermöglichte er Zivilisten dann das Navigieren bis auf wenige Meter genau. Schon einen Tag später füllte Dave Ulmer aus Portland in Oregon die erste Plastikdose und versteckte sie. Drei Tage danach fand sie ein Mann namens Mike Teague. Der richtete eine Internetseite ein und rief zum Cache-Verstecken auf. Im Oktober 2000 wurde der erste Cache (sprich: käsch) in Deutschland vergra-ben, Mitte Juni dieses Jahres waren es schon knapp 1600. In Irland warten schon mehr als Hundert versteckte Schätze darauf, gefunden zu werden. Auf den karibischen Inseln Trinidad und Tobago sind zwei Caches versteckt, in Frankreich 226 und im US-Bundesstaat Hawaii 160. "Ich habe in einem Monat mehr von Hamburg gesehen als in den zweieinhalb Jahren, die ich hier wohne", erzählt Michael Link. "Und ich habe einen Grund hinzufahren, wo ich sonst nie hinkommen würde. Ich sehe Plätze, die stehen in keinem Reiseführer." In der Regel werden Vorratsdosen versteckt, gut verschließbar, damit der Inhalt nicht nass wer-den kann. Um sie zu finden, holt sich Link, der beim Geocaching mit Spitznamen "ksmichel" heißt, die Koordinaten aus dem Internet. "dcp's Cache No. 1" hieß Links Cache im Wald bei Hamburg. Sein Gerät zeigte die Buchstaben- und Zahlenkombination "N 53 37.356 E 010 10.801" an. Viel mehr als Koordinaten zu speichern, so genannte Wegpunkte, muss ein GPS-Gerät für einen Geocacher nicht leisten. "Der Neupreis liegt bei 150 Euro für ein brauchbares Gerät", sagt Link. Auch eine ausgeprägte technische Begabung sei nicht notwendig. Der Empfänger führt seinen Besitzer bis zu zehn Me-ter an sein Ziel heran. Trotzdem will die Suchroute sorgfältig geplant sein - das GPS zeigt vom Standort zum Ziel nur die Luftlinie an. Beim Umgehen natürlicher Hindernisse wie Flüsse oder Berge ist oft Improvisationstalent gefragt. Und vor Ort "muss man sich oft in den Kopf des Versteckers hineindenken", so Link. Wo könnte der Cache verborgen sein - da unter diesen Steinen oder dort, wo das Laub so unnatürlich aufgehäuft ist? Hin und wieder kommt die Standardausrüstung zum Einsatz - ein Unkrautjätstock und Gartenhandschuhe, damit man nicht mit bloßen Händen in Brennnesseln wühlen muss oder in morschen Baumstümpfen. Ersatzbatterien sind dabei, auch für die Taschenlampe. Hat ein Cacher die versteckte Dose gefunden, trägt er sich in das Logbuch ein, das in allen Behältern steckt. Ansonsten gilt vor allem: Der Weg ist das Ziel. Der Schatz selbst ist meist wenig wertvoll. Zu finden ist alles Mögliche: ein Schlüsselanhänger, ein Stofftier, eine Harry-Potter-CD, ein Parfüm. Eine der wenigen Regeln des Geocaching lautet: Wer etwas herausnimmt, der muss auch wieder etwas in den Behälter hineinlegen und ihn an derselben Stelle wieder verstecken. An einem Tag hat Michael Link schon einmal sieben Caches gefunden. So einfach ist es nicht immer. Manchmal müssen die Schatzsucher sehr knifflige Aufgaben lösen, etwa bei Rätsel-Caches oder mathematischen Caches. Einige Verstecke findet man nur nach langen Wanderungen oder mit spezieller Ausrüstung, etwa mit Seil und Haken auf der Zugspitze. Auch Variationen gibt es, wie etwa so genannte virtuelle Caches. Dann ist das Suchobjekt kein Behälter, sondern eine Statue oder ein Brunnen. Welcher Schwierigkeitsgrad auch immer bewältigt werden muss - Geocaching ist eine Freizeitbeschäftigung für die ganze Familie. "Es ersetzt langweilige Sonntagsspaziergänge", meint Link, der gemeinsam mit seiner Freundin Annett bei seinem nächsten Türkeiurlaub weiter suchen will. Er ist sich schon jetzt sicher: Nach einem Bad im Meer an der Türkischen Riviera wird er idyllische Plätze und verträumte Ecken abseits des Urlauberrummels entdecken - im Reiseführer stehen sie nicht, aber sein GPS leitet ihn dorthin. (srt) Weitere Infos im Internet: www.geocaching.de, www.geocaching.com, www.navicaching.com.



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