Nordamerika
Out in Luckenbach
Durch ein Lied fand er den Weg auf die Landkarte. Der Drei-Einwohner-Ort in Texas ist Pilgerstätte für Country-Fans
Hierher pilgern die Fans, um bei Countrymusik und Bier zu entspannen
Foto: Reuters
Aus Versehen landet hier niemand. Das Rauschen des Highways ist nicht mehr zu hören. Ringsumher nur Felder, Hügel und Weiden. Die Straße ist schmaler und steiniger geworden, am Ende nur noch ein Trampelpfad. Vereinzelt holpert ein Pick-up durch die feuchte Hitze. Es braucht schon ein wenig Durchhaltevermögen, um hier, im texanischen Hill-Country zwischen Fredericksburg und Austin nicht wieder die Biege zu machen. Weder Straßen- noch Hinweisschilder lassen vermuten, dass dieser namenlose Rumpelweg irgendwo anders hinführen könnte als ins Nirgendwo.
Doch der vermeintliche Irrweg gehört zum Kult des Örtchens Luckenbach, das sich nach ein paar Meilen hinter einer Kurve versteckt. Eingefleischte Country-Fans haben schon vor Jahren alle Hinweis- und Ortsschilder abmontiert, um unter sich zu sein. Genützt hat es allerdings nicht so richtig viel. In Texas ist Luckenbach mittlerweile ähnlich bekannt wie der Michel in Deutschland. Und das, obwohl Luckenbach auf den ersten Blick nicht mehr vorweisen kann als ein Holzhaus, das gleichzeitig Saloon, Souvenir-Shop und Postoffice ist, zwei weitere Hütten und drei Einwohner.
"The only two things in life that make it worth living, is guitars tuned good and firm-feeling women" (aus "Let's Go To Luckenbach, Texas" von Waylon Jennings)
Die morschen Dielen im Saloon knarren unter den Schritten, das Gackern der Hühner vermischt sich mit dem Picking Sound der Westerngitarre. Es riecht nach Land. Fotos an den Wänden des Saloons zeigen, dass ganze Generationen hier schon etliche Lone-Star-Biere mehr getrunken haben als geplant. Die Tresenfrau trägt selbstverständlich Cowboyhut und reicht ein Bier durch die kleine Luke an den Gitarristen, der auf der Rückseite der Bretterbude große Countryhits zum Besten gibt. Im Halbschatten der Bäume haben sich ein paar Zuhörer zusammengefunden. Unwillkürlich wippen die Füße im Takt, am Nebentisch wird mitgesummt. Hier in Luckenbach findet sich immer irgendein Mann mit Hut, der die Hits von Willie Nelson und anderen Countrysängern spielen kann. Mit rauer Stimme und flinken Fingern kann hier jeder kurz zum Helden werden. "Everybody is somebody in Luckenbach" (Jeder ist ein jemand in Luckenbach) heißt es auf den Postkarten im Souvenirshop. Und manch einer schaffte es von hier aus auch, ein Jemand in der Welt zu werden. Die Musiker Lyle Lovett und Georg Strait haben ihre Karrieren vor der Bretterbude begonnen.
"Maybe it's time we got back to the basics of love."
Luckenbach liegt im Hill Country, etwa 80 Kilometer nördlich von San Antonio und ebenso weit westlich von der texanischen Hauptstadt Austin. Dass es das Fleckchen Erde überhaupt auf die Landkarte geschafft hat, hat es maßgeblich einem Lied zu verdanken: "Let's Go To Luckenbach, Texas", gesungen von Waylon Jennings und Willie Nelson, die dem Dorf mit diesem Lied ein Denkmal gesetzt haben. Das war 1977.
Doch man muss weiter zurückgehen, um den Mythos zu verstehen. Deutsche Siedler, die im 19. Jahrhundert Fredericksburg gründeten, fuhren schon in den elf Meilen entfernten Krämerladen von Albert Luckenbach, nach dem der Ort benannt wurde. Schon immer, so sagen die Leute hier, kamen die Menschen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch, um bei Gitarrenmusik und Bier zu entspannen und Bekannte zu treffen.
Jeff Walker und Willie Nelson waren die Vorreiter der Outlaw-Bewegung
In den 1970er-Jahren setzte sich ein Texaner zum Ziel, mehr aus Luckenbach herauszuholen. Er wollte den kleinen Landstrich berühmt machen, organisierte Konzerte, Musik-Wettbewerbe und brachte bedeutende Künstler wie Jerry Jeff Walker und Willie Nelson dazu, hier zu spielen. Die beiden Country-Musiker waren Vorreiter der sogenannten Outlaw-Bewegung. Die Strömung, die sich vom Kommerz-Country aus Nashville lösen wollte, belebte die Szene und brachte, so sagen die Fans, den echten Sound zurück.
Nach und nach sprach sich herum, dass es mehr zu sehen gibt hinter den Feldern und Weiden, als der Schotterweg erahnen lässt. Heutzutage ist der Parkplatz vor dem General-Store oft gefüllt mit Bikern, Country-Fans und Touristen, die sich auf die Suche gemacht haben nach Ursprünglichkeit und texanischer Identität.
"Out in Luckenbach, Texas, Aint nobody feeling no pain."
Wer hier in der Sonne sitzt und die Loblieder auf die Natur, das Bier, die Freiheit und die Frauen hört, der spürt, wie hier die Sommernächte zum Tag gemacht wurden. Wie die Füße, müde vom Laufen, am Ende eines langen Tages auf den Tisch gelegt wurden. Wer hier sitzt, wird genügsam. Mehr als einen Stuhl, eine Klampfe und ein kühles Lone Star braucht hier niemand - und viel mehr gibt es ja auch nicht. In einem Reiseführer von 1984 heißt es: "In Luckenbach wird jeder zum Hippie." Das Zitat hat - knapp 30 Jahre später - an Aktualität nichts verloren. Für Countryfans ist es ein Pilgerort, eine Ahnung von Freiheit - Momente, in denen jeder kurz ans "Aussteigen" denkt.
Für andere ist Luckenbach vielleicht nur Kaff der Träumer und Hippies, verklärtes Klischee texanischer Cowboy-Romantik. Aber wer nicht will, der braucht nicht herzukommen. Und wer nicht wirklich will, der findet den Weg ohnehin nicht.




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