Wo Stallgeruch nicht Mief bedeutet
Ein Landurlaub in der Eifel bietet heute jede Menge Abwechslung - und keine Spur von Einödhof.
Mützenich. Moment mal! Diese Jesusfigur an der Kirchenwand da gerade eben - ist die etwa braun? Rauf auf die Bremse, Rückwärtsgang rein, zehn Meter zurück und Touri-Stielaugen machen. Stimmt, der Gekreuzigte von St. Bartholomeus im Eifel-Ort Mützenich ist bräunlich. Aber warum? Iris Victor, unsere Gastgeberin auf dem Victorhof ein paar Straßen weiter, lächelt, als sie diese Frage hört: "Vielleicht, weils der Jesus von St. Mocca ist", antwortet sie geheimnisvoll. Und erzählt dann die Geschichte von Schiebern, die nach dem Krieg Kaffee aus Belgien rüber in die Eifel geschmuggelt haben, weil es hier nichts gab. "Da oben war das", sagt sie und zeigt aus ihrem Wohnzimmerfenster ans Ende einer Riesen-Wiese zum Waldrand. "Mein Großvater stand damals Schmiere mit der Trompete. Und immer wenn er einen Zöllner auf Patrouille erblickt hatte, tutete er ,Ein Männlein steht im Walde', um seine Schmuggler-Kumpanen zu warnen. Aber einmal sind sie doch geschnappt worden. Danach saßen fast alle Mützenicher Männer im Knast. Und Pastor Scheid von St. Bartholomeus hat sie wieder rausgeholt. Nicht mit frommen Gebeten, sondern mit faulen Tricks. Bei seinen Besuchen hinter Gittern kungelte er mit den Schmugglern die Aussagen ab - damit sie sich vor Gericht nicht gegenseitig belasten." Dafür haben viele Mützenicher hinterher reichlich in den Klingelbeutel gesteckt - "braunes Geld" aus dem Kaffeeschmuggel für "St. Mocca". Als Urlauber auf Familie Victors Bauernhof kann man solchen Geschichten am gemütlichen Kaffeetisch bei Kerzenschein lauschen. Oder selbst als Hobby-Schmuggler durch das deutsch-belgische Grenzgebiet streifen, etwa in Weckrath, früher eine Hochburg der Schieber. Etwas weniger spannend und etwas kindgerechter soll es sein? Kein Problem: "Von Moorelfen und Torfgnomen" erzählt Bauer Friedrich Bauer bei seiner Wanderung durchs Moorgebiet "Hohe Venn" - und davon, dass Kaiser Karl der Große vor rund 1000 Jahren hier mal notgedrungen übernachten musste, weil er sich bei der Jagd im Moor verirrt hatte. Schön und gut, aber für so ein bisschen Fremdenführer-Latein gleich Ferien in der Eifel buchen? Auf einem Einödhof im Hinterland von Köln, Bonn und Phantasialand? "Naturlaub bei Freunden" nennt die Eifel Tourismus (ET) GmbH das. Na ja, wahrscheinlich wieder eines dieser Idylle-Abziehbilder, und hinter den Häkelgardinen der Ferienwohnung verbirgt sich dann ein fußkaltes Zimmer mit welligem Linoleum-Boden (Farbe: hornhaut-umbra), Omas alter Ausklapp-Couch (lindgrün, durchgesessen), kiefergetäfelten Wänden und einer selbstgebastelten Makramee-Eule (braun, verstaubt) neben dem Heidekraut-Kalender der Dorf-Apotheke. Denkste! Helle, modern eingerichtete, große Zimmer, Einbauküchen mit Mikrowelle und Spülmaschine, dazu saubere, gepflegte Badezimmer erwarten den Bauernhof-Urlauber vielerorts in der Eifel. In Sachen Landurlaub herrscht hier Erntestimmung: Denn die für eine Woche gebuchte Ferienwohnung bringt heute schon fast so viel in die Kasse wie ein verkauftes Rind. Doch die freundlichen Leute in der Eifel wissen, dass sie mehr bieten müssen als andere Landurlaub-Regionen, die schon länger gut im Geschäft sind. Deshalb zimmert Familie Victor nicht etwa den Geräteschuppen zur Urlaubsbaracke zurecht, sondern lässt den alten Heuboden vom Architekten in zwei weitere Piccobello-Ferienwohnungen verwandeln. Und dazu bietet Iris Victor den "Tischlein-deck-dich-Service": Schon bei der Buchung fragt sie, ob sie irgendetwas für die Urlauber in spe einkaufen soll. Damit die Ferien bei Ankunft beginnen und nicht der erste Ausflug zu Edeka führt. "Na gut, nett von ihr", sagt stirnrunzelnd der Landurlaubsmuffel und stellt die Killer-Frage: "Bis auf ein paar Viecher ist auf so einem abgelegenen Hof doch tote Hose oder?" Zugegeben - mal beim Melken helfen, mit Tom und Jerry, den Katzen spielen oder auf Mitch und Jakob, den geduldigen Ponys durch die Gegend trotten, das ergibt zumindest für rastlose Zeitgenossen noch kein aufregendes Wochenprogramm. Damit Ihnen nicht langweilig wird, können sie so eine Art "Hof-Hopping" machen: entweder von einem Hof zum anderen weiterziehen als Landurlaubs-Nomaden oder von ein und demselben Hof Tages-Ausflüge zu anderen machen. Aber bitte nicht in der Familienkutsche mit Airbag, sondern lieber im Pferdesattel mit Frischluft oder auf dem Rad. "Eifel zu Pferd" heißt ein pfiffiges Urlaubs-Angebot für Reiter und solche, die es werden wollen. In Rheinland-Pfalz schon länger populär, setzt es sich nun auch im nordrhein-westfälischen Eifelteil durch. Rund 60 Höfe machen mit, auch der von Herbert und Theresia Scheuffgen. Sie sind darauf eingerichtet, dass ganze Reiterscharen zu Pferd auf ihren Hof traben: Boxen für die Vierbeiner, Zimmer für Zweibeiner und Futter für beide gibt es gut und reichlich. Das Gepäck wird den Reisenden jeweils mit Autos hinterher transportiert. Vor allem aber kennt Herbert Scheuffgen die Eifel wie seine Westentasche und führt seine Reiter ruckzuck raus aus der Zivilisation und rein in die pure Natur. Und wenn unterwegs was passiert? Scheuffgen zückt sein Handy: "Dann ist mein Sohn in wenigen Minuten mit dem Wagen da." Alle, die erst noch lernen müssen, dass das größte Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, sind ebenfalls richtig auf dem Scheuffgen-Hof. Rund 90 geduldige Islandpferde tummeln sich auf der Weide, 20 davon warten auf Anfänger, auch bei schlechtem Wetter - dann in der geräumigen, 20 mal 40 Meter großen Reithalle. Und einmal im Jahr, meistens im August, muss Herbert Scheuffgen wegen Überfüllung schließen. "Fohlentaufe" heißt der Magnet, der vor allem Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren auf den Hof zieht. Sie dürfen den Jungpferden Namen geben, aber nur isländische, darauf bestehen die Scheuffgens und geben den Kindern einige davon zur Auswahl: Askja oder Jörp, Hervar, Kari oder Lagsi - so oder ähnlich sollen die Ponys heißen. Eine Aktion mit Hintergedanken: "Wer bei mir einmal ein Fohlen getauft hat, der kommt wieder", sagt Herbert Scheuffgen bauernschlau, "in einen Reitkurs oder für ein Pferdewochenende." Wer mit dem Auto bis zu seinem Zielbauernhof in der Eifel gekurvt ist, tippt sich möglicherweise an die Stirn bei dem Gedanken, hier mit der Familie auf Drahteseln durch Berg und Tal zu strampeln. Der Gegenbeweis heißt "Maare-Mosel-Radweg", eine 55 Kilometer lange Strecke fast ohne Steigungen zwischen Daun und Bernkastel-Kues. Da rollen die Radler nicht nur über Asphaltstraßen, sondern auch in 28 Meter Höhe über ein römisches Viadukt und durch das "Große Schlitzohr", einen schummerig beleuchteten, etwas gruseligen ehemaligen Eisenbahntunnel. Nicht gerade ein idealer Rastplatz, aber dafür gibts unterwegs zahlreiche große und kleine Seen. Und an dieser Strecke liegen allein acht Bauernhöfe oder Weingüter, auf denen man besonders als Radwanderer willkommen ist. Mountainbiker mit 32 Gängen, Kilometerzähler und Pulsuhr sollten ihre Muskeln dort spielen lassen, wo die Schumis gern mal mit PS protzen - am Nürburgring. Denn von hier bis zum Moselörtchen Bullay geht es 57 Kilometer lang auf der Vulkan-Rad-Route Eifel nur rauf und runter. Genießer unter den Radlern, die gern mal für eine Burgbesichtigung mit Panoramablick absteigen und nach der Tagestour einen guten Tropfen am Kamin wollen, sind richtig auf der Kylltalradroute zwischen Kronenburg und Trier. Das beste an diesem Trip: Wenn es aus Kübeln gießt, einfach rein in den Zug, denn eine Bahnlinie verläuft hier - wie ein zuverlässiger Begleiter - entlang dieser Strecke. Kurz mal weg für eine Woche Landurlaub lohnt sich, aber kürzer mal weg geht auch, denn viele Eifel-Bauernhöfe bieten Highlights gerade fürs Wochenende oder für Tagestrips. Die "tolle Knolle" zum Beispiel - unter diesem Motto können Gäste auf einigen Höfen im April Kartoffeln pflanzen, dann im September ausbuddeln und einen 25-Kilo-Sack davon (Achtung, Hexenschuss!) mit nach Hause schleppen. Leckere Champignons dazu gibts auf dem Hubertushof, einem der wenigen in der Region mit eigener Pilzzucht. Auch Austernpilze gedeihen hier bei Hubert Ferfer prächtig, Schimmelpilze hingegen sucht man vergeblich in seiner hellen, geräumigen Ferienwohnung unterm Dach. Wem das zu wenig "Stallgeruch" hat, der zieht einfach ins "Heuhotel" und schläft unterm Dach eines Eifel-Bauernhofes inmitten pieksiger Strohballen. Fuchs und Hase sagen sich hier nicht gute Nacht, aber Maus und Marder könnte man mit Glück dabei belauschen . . .



Urlaub an der See
Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




