Schweiz
Ein Kurhaus mit bewegter Geschichte
Das Hotel "Bergün" im Kanton Graubünden begeistert mit seiner kreativen Küche und dem alten Jugendstilsaal
Die holzgerahmte Uhr über dem Eingang zum Speisesaal zeigt 17 Uhr. Langsam füllt sich die Halle des Kurhotels "Bergün" mit Gästen. Würden die Damen knöchellange Kostüme und breite Hüte tragen, die Herren ein Tweed-Jackett zur Flanellhose und die Kinder Schleifen im Haar - die Aufmachung würde zum Stil und Ambiente des Hauses passen. Aber es sind Urlauber im Wintersport, die hier im Kanton Graubünden, nur etwa eine halbe Stunde mit der Rhätischen Bahn von St. Moritz entfernt, Erholung suchen.
Die etwa 150 Quadratmeter große Halle ist neben dem Speisesaal das Herzstück des Hotels. Sprossenfenster mit geschliffenen Gläsern, Holzvertäfelungen in patiniertem Lindgrün gestrichen, zwölf marmorierte Säulen gliedern den Raum, und Jugendstilleuchten setzen Lichtakzente.
Kurz nach der Eröffnung der Albula-Bahnlinie 1903 wurde das Kurhaus mit einem für die Zeit beachtlichen Komfort erbaut. Dazu gehörten unter anderem eine Zentralheizung, elektrisches Licht, ein Lift und Badezimmer. Die 85 Zimmer boten Platz für 120 Betten, die sanitären Anlagen wurden einer mündlichen Überlieferung zufolge per Bahn aus England importiert und im einstigen Prospekt extra erwähnt: "W.C's on the newest system".
Aber die ersten Jahrzehnte als Hotel waren schwer. Die ursprüngliche Idee, das Luxushotel für die Gäste des Engadins als Zwischenstation, als Kutschenstopp zu etablieren, wurde durch die Bahnlinie torpediert. Die Reisenden genossen die bequeme Fahrt Richtung St. Moritz und fuhren vorbei. Ebenso sorgte der Erste Weltkrieg für einen Einbruch des Tourismus, und 1949 beendete ein verheerender Brand des Dachstuhls den Hotelbetrieb.
Nach der Brandsanierung verkaufte die Stadt das Haus an den Schweizer Verein Familienherbergen, der es fast ein halbes Jahrhundert nutzte. Viele der echten Jugendstilelemente wie Decken- und Wandleuchten, Schwingtüren und Bleiverglasungen waren über Jahrzehnte verstaut oder hinter schlichten Holzwänden verschwunden, die bemalten Decken hinter abgehängten Decken - und wurden so geschützt.
Aber die Unterhaltskosten zwangen den Verein zur Aufgabe des Objektes. "Ein Glücksfall für das Haus", sagt Christof Steiner, der das Haus seit Oktober 2009 mit seiner Frau leitet.
Einige der langjährigen Stammgäste gründeten 2002 die Kurhaus Bergün AG und erwarben das Haus. Es begann eine Phase der behutsamen Restaurierung - zunächst der großen Gemeinschaftsräume und dann der Zimmer, die zum Teil auch als Appartement mit modernen Nasszellen und Küchen vermietet werden. Eine Augenweide ist der etwa 230 Quadratmeter große Speisesaal, der für private und gewerbliche Veranstaltungen vermietet wird. "Der Tradition als Familienherberge folgend, vermieten wir die kleinen Appartements an Familien und verstehen uns auch als ein Familienhotel für Eltern mit Kindern", sagt Steiner.
Je nach Buchung kann man die Zimmer aber auch mit Frühstück mieten, ein Abendessen können die Gäste im etwa 40 Personen fassenden Restaurant einnehmen, wo am Abend à la carte bestellt werden kann. Für den Digestif danach steht die holzvertäfelte Bar mit kleinen Alkoven zur Verfügung. Und in der Bibliothek schließlich liegen Tageszeitungen aus, Bücher können ausgeliehen werden. Einen TV-Raum sucht man in diesem Haus vergeblich, auch auf den Zimmern gibt es keinen Fernseher. Vielmehr werden im kleinen Hauskino (etwa 30 Plätze) zweimal wöchentlich Filme gezeigt, und im Keller steht eine Tischtennisplatte zur Verfügung.
Nicht nur wegen des entspannenden Hotelbetriebes ist Bergün eine Reise wert, die umliegenden Skipisten bis hoch zum Piz Darlux (2642 m) oder die sechs Kilometer lange Rodelbahn (Schlittelbahn) von Preda (1789 m) nach Bergün bieten gute Möglichkeiten zu winterlichen Aktivitäten.
Wer mit dem Zug anreist, fährt ab Chur mit der Albula Bernina Linie der Rhätischen Bahn, die 2008 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Das 122 Kilometer lange Teilstück führt von Thusis bis ins italienische Tirano. Dabei steigt der Zug bis auf 2253 Meter hoch. Im Panoramawagen bietet sich dabei den Passagieren ein eindrucksvoller Ausblick auf die Bergwelt. Es geht auch vorbei an St. Moritz, dem mondänen und international bekannten Skiort des Jetsets, der mit seinen Hotels vor über 100 Jahren eine starke Konkurrenz für das Kurhaus "Bergün" darstellte, heute aber viel von seinem einstigen Charme verloren hat.
Informationen telefonisch unter Tel. 0041/81/407 22 22 oder im Internet: www.kurhausberguen.ch














