Kur und Kultur im Oostal
Baden-Baden im Nordschwarzwald gibt sich ein bisschen herrschaftlich - die meisten Besucher mögen es ruhig
Herbststimmung in Baden-Baden - Blick über die Dächer der Altstadt, im Vordergrund die wunderschöne alte Stiftskirche.
Foto: dpa
Welche Farben hat der Herbst? Gelb in tausend Schattierungen, die Nadelwälder unbeirrbar grün, rote Tupfer. "Verbreitet Regen, in Hochlagen Schnee", sagen sie im Radio. Und tatsächlich: In den Höhen des Schwarzwalds schieben die ersten Schneepflüge den Winter von der Straße. Wer will sich schon im November mit der Frage auseinandersetzen, wie viele Facetten das Weiß des Winters hat?
Unten im Tal, in Baden-Baden, ist es noch nicht so weit. Die Stadt hat etwas von musikalischer Heiterkeit: nicht nur wegen der Komponistennamen überall. Die Berlioz-Anlage hinter dem Schauspielhaus, das Teufelsgeiger-Restaurant. Das Auto stehen zu lassen empfiehlt sich früh, zum Beispiel in der Tiefgarage des Festspielhauses. Das wirkt nur auf den ersten Blick ein bisschen mächtig - die Baden-Badener haben ihren Bahnhof nicht abgerissen oder zum Kaufhaus umfunktioniert, sondern das Gebäude von 1895 durch einen Neubau ergänzt. Das exquisite SWR-Sinfonieorchester spielt hier, demnächst gibt es saisonhalber Tanz: das Mariinsky-Ballett mit Tschaikowskis Schlagern - Nussknacker, Dornröschen, Schwanensee.
Wenn es stürmt oder tatsächlich schon schneit? Dann empfehlen sich die Kunsthalle, das Burda-Museum, ein weiteres in Sachen Fabergé, auch Frida Kahlo, draußen im Vorörtchen Oos, wo seit 1977 die Bahn ihren Hauptbahnhof hat. Oder das Musical "High Society" ins Theater. Litfaßsäule lesen ist fast wie in Hamburg - Kulturangebote satt.
Der Fußweg zum Stadtzentrum braucht kaum mehr als fünf Minuten. Ein Spielcenter am Wegesrand, vereinzelte Biertrinker in der Grünanlage und Draußenraucherinnen an der Kneipe, Linienbusse eilen vorbei. Baden-Baden kommt nicht nur anmutig, sondern auch immer ein bisschen herrschaftlich daher: Die schmalen Straßen des Zentrums sind mit edlen Häusern bebaut. Es geht leicht bergauf, fast wähnt man sich in der Toskana. Galerien, Antiquitätenhändler, dazwischen hochherrschaftliche Hotels, alles will vornehm wirken. Superlative kommen hier leicht über die Lippen: Europas "größtes Kunsthaus" schreibt seinen Namen auch in kyrillischen Lettern auf das Schaufenster. Ein paar Schritte noch durch das gut ausgeschilderte Stadtzentrum, dann ist das Ende der Sophienstraße erreicht, hier saßen noch vor Kurzem die Leute beim Kaffee im Freien, jetzt kehrt der Kellner das Laub zusammen. Über die Straße der edle Park mit Kurhaus, Automatenspiel, die Kurzwecken dienende Trinkhalle in der Nähe. Die Bäume haben ihre Blätter abgeworfen, die Blumenrabatten sind winterfein leer geräumt. Jetzt wird schon die Weihnachtsdekoration aufgehängt.
Baden-Baden heißt wohl nicht zufällig so. Man könne, freut sich die Kommune, auf eine 2000-jährige Geschichte als Bäderstadt zurückblicken. Wo sich die Spuren finden? Ein bisschen bergaufwärts sind Reste römischer Thermen ausgeschildert, die allerdings im Winter nicht zugänglich sind (geschlossen bis 15.3.). Roms Kaiser Gaius Julius Caesar habe Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus zwar den Rhein erreicht, aber erst einer der Nachfolger namens Vespasian (69-79 n. Chr.) weite Teile des heutigen Baden-Württemberg in sein Reich eingegliedert, ist am Schaufenster gegenüber des Badeingangs zu lesen. Fernstraßenbau sei wichtig gewesen, es gab Truppenstandorte, auch in Baden-Baden, das zu antiken Zeiten Aquae geheißen habe.
Hier, an den Caracalla-Thermen, öffnet sich die eng bebaute Stadt. Hinaufgehend wird ein schönes Panorama sichtbar. Schön ist auch die altkatholische Spitalkirche, eines der ältesten Gebäuden der Stadt. Der Name erklärt sich durch ein ursprünglich mit der Kirche verbundenes "Spital für Sieche und Kranke", das erst im 19. Jahrhundert aufgelöst wurde.
Und heute? Baden-Baden, sagt eine Geschäftsfrau, sei eine "Stadt für Ältere". Die Jungen gingen weg; das Neue Schloss sei in arabischem Besitz, eigentlich hätte es das Land kaufen sollen. Ansonsten, erzählt sie, sei Baden-Baden "fest in russischer Hand". Wie vor 200 Jahren, als Zar und Zarewitsch hier residierten und ihre Poeten anzogen: Gogol und Dostojewski zählt sie auf. "Inzwischen ist es so, dass sich die Reichsten hier niedergelassen haben."
Ein paar ältere Damen streben ins Kurhaus, ein altes Programm erinnert an 1881. "Philharmonie am Nachmittag" steht an, auf der Bühne spielen sich Musiker ein. Baden-Baden will auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Es gebe weitere Städte, die ein "vergleichbares außergewöhnliches Erbe besitzen", steht auf der Website - also will man sich im Verbund bewerben.
Auf dem Rückweg nach Hamburg ist es nebelfahl. Der Schnee wird bald kommen, nicht nur im Schwarzwald.
Baden-Baden liegt südlich von Karlsruhe an der Autobahn A5, knapp 670 Kilometer von Hamburg entfernt. ICE und IC brauchen von Hamburg etwa fünfeinhalb Stunden. Die Stadt informiert unter www.baden-baden.de
Video: Baden-Baden stellt sich vor




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