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Reise

Alle Wege führen zu Ernst Barlach

In der mecklenburgischen Kreisstadt Güstrow wird späte Wiedergutmachung an einem bedeutenden Künstler geübt

Schloss Güstrow beherbergt Dauerausstellungen.
Foto: dpa

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Güstrow ist wie Nachhausekommen. Irgendwie. Die Sträßchen und Gassen rund um Pfarrkirche und Dom. Das schicke Schloss. Die Gertrudenkapelle. Die kleine Fußgängerzone mit den vielen Bäckern für den Imbiss, dem turmbewehrten Postgebäude und den Pollern, die nur ein paar wenigen das Durchfahren erlauben.

Hier und dort noch ein paar zugenagelte, verfallende Häuser. Es sei eine Schande, dass es 20 Jahre nach der Wende so aussehe in der Stadt, schimpft ein alter Mann im Vorbeigehen. Doch so dramatisch ist es auch nicht: Die Kreisstadt mitten in Mecklenburg hat Charme - und bleibt sich damit schon lange treu. Überhaupt: Güstrow ist Barlach. Die Kreiskommune hat sich sogar einen Vornamen verpasst: "Barlachstadt Güstrow" heißt sie jetzt.

Dass sich der Schriftsteller, Grafiker und bedeutende Bildhauer hier niederließ, ist 100 Jahre her. Wo gibt es Spuren? Die Pfarrkirche mitten in der Stadt gehört zur Europäischen Route der Backsteingotik. Vielfach umgebaut, zugleich untersetzt und grazil wirkend. Ernst Barlachs "Engel der Hoffnung" ist hier zu sehen, ein Terrakottarelief von 1933. Wer Mecklenburgs Stadtkirchen kennt, findet sie oft in einem Ensemble aus umgebenden Häusern und ein wenig Grün - so auch den Dom. Die Kirche steckt mitten in einer großen Renovierung, die Grabmäler einst Mächtiger im Altarraum müssen saniert werden. Das kostet Hunderttausende.

Eine Frau sucht den "Schwebenden": Eines der berühmtesten Barlachwerke hängt in der abgetrennten Winterkirche. Mit dieser Figur verbindet sich die beschämende Geschichte vom Umgang der Mächtigen mit der Kunst Ernst Barlachs - auf diversen Schautafeln ist sie umfassend dokumentiert. "Der Schwebende" ist ein Kriegerdenkmal. Aber keins der "Wir sind Helden"-Sorte, von denen es auch heute noch zu viele gibt. Eingeweiht 1927, hing die Plastik nur zehn Jahre. Sie passte nicht zum Gebrüll der Nazis, wurde abgenommen, verschwand in der Schweriner Bischofsgarage. Eine Schrottfirma schmolz die Figur kurzerhand ein.

Was für ein Glück, dass es möglich war, einen Zweitguss herzustellen. In Köln hängt noch ein "Schwebender".

Gibt es nur Barlach in Güstrow? Nein. Das Renaissanceschloss, wohl einzigartig in Norddeutschland, ist mehr als einen Blick wert. Das Staatliche Museum Schwerin unterhält dort eine Filiale, aber auch sonst lohnt die Rast im Schlosshof oder unterhalb im Garten. Daran, dass Barlach nicht nur Grafiker und Bildhauer, sondern auch Schriftsteller war, erinnert das nach ihm benannte Theater in der Nachbarschaft. Apropos Schriftsteller: Am Eingang zur Stadt steht ein kleines Denkmal für John Brinckman (1840-70). Der niederdeutsche Dichter war der Namensgeber für die Oberschule, die im beeindruckenden Erstling von Uwe Johnson (1934-84) eine nicht unerhebliche Rolle spielte - auch Johnson wäre eine Güstrow-Geschichte wert.

Wer nach Barlach sucht, muss auch in die innenstadtnahe Gertrudenkapelle gehen. Schon zu DDR-Zeiten war hier ein kleines, wunderbares Museum mit seinen Werken zu finden - seit 1953. Zum Hamburger Ehrenmal an der Alster findet sich hier eine nachträglich entstandene Fassung in Holz (1932). Der "Wanderer im Wind", der "Sinnende", die Pietá, der "Lesende Klosterschüler" - sie alle sind Beispiele für Barlachs Kunst, mit Reduzieren, Schlichtheit und Andeutung alles zu sagen. Gleich, welches Material er nutzte.

Auf an den Heidberg, wo Adolf Kegebein (1894- 1987), Güstrower Architekt, für Barlach baute. Eine beneidenswerte Idylle, dieses Atelier- und Wohnhaus. Im ersten Stock hat Dr. Volker Probst, Geschäftsführer der Barlachstiftung in Güstrow, sein Büro.

"Güstrow", sagt Probst, "hat den größten, zusammenhängenden Werkbestand Barlachs." Seit 1998 wird das Werkverzeichnis neu erarbeitet, 2001 (Druckgrafik) und 2006 (plastisches Werk) erschienen die ersten Teile, im nächsten Jahr folgt die Ausgabe, die sich den Zeichnungen widmet. Hierher kommen jährlich 50 000 Menschen, darunter 2000 Kinder, die museumspädagogisch betreut werden. "Das ist eine Bestätigung unserer Arbeit", freut sich Probst, der neben dem Atelierhaus noch einen in zwei Schritten geschaffenen Ausstellungsneubau auf dem Heidberg zu verwalten hat.

Barlach sei die bedeutendste Doppelbegabung im 20. Jahrhundert gewesen - als Schriftsteller und bildender Künstler, beides habe er mit gleicher Intensität und Tiefe verfolgt. Dass Barlach posthum zum Güstrower Ehrenbürger ernannt wurde, zeige die "Wertschätzung, die ihm heute entgegengebracht wird" und sei auch "ein wenig Wiedergutmachung".

Die ist auch notwendig. In den Ausstellungsräumen und anderswo wird daran erinnert, dass Barlach von den Nazis zur "entarteten" Kunst gerechnet wurde. Nicht nur der "Schwebende" wurde abgenommen - mehr als 670 seiner Werke wurden konfisziert. Was half da noch der Vertrag mit Cassirer, der alle seine Werke gegen ein Jahresgehalt übernahm? Was nutzte der Kleist-Preis? Wie empörend ist noch heute das Verbot des Piper-Sammelbands mit Zeichnungen, das die bayerische Polizei 1936 mit der angeblichen Gefahr begründete, das Buch könne die öffentliche Ordnung gefährden!

Die Ausstellung im Atelierhaus umreißt nicht nur die biografischen Daten Barlachs, sie zeigt seine Meisterschaft - so im "Fries der Lauschenden", einer Werkgruppe von acht Figuren, etwa einen halben Meter hoch. Scheinbar einfache Themen (der Empfindsame, der Träumende, die Pilgerin - das sind nur drei Namen) kehren bei Barlach immer wieder. Wer seine Werke betrachtet, kommt um ein "Das ist es!"-Gefühl gar nicht herum. Der Bildhauer brachte seine Szenen und Menschen in schlicht zutreffende Gestalt.

Jene, die Gertrudenkapelle und das Atelierhaus anschauen, sind nicht nur beschämt über den Umgang mit einem Künstler, den man sich heute kaum noch vorstellen kann, sie lernen auch, dass Barlachs "Denkzeichen", die er an die Stelle der lauten Kriegerdenkmale setzte, von immenser Eindringlichkeit sind, weil sie sich auf leise Töne beschränken.

Was bis vor kurzem im Ausstellungsforum zu sehen war, kann das nur unterstreichen. Volker Probst erläutert, die Barlachstiftung habe von dem Großprojekt "Bildende Kunst in Mecklenburg 1900-1945" den Skulpturenteil übernommen.

Von "eigenständigen künstlerischen Ausdrucksformen" war da die Rede; nur Barlach sei "konsequent modern" gewesen. Der Güstrower Künstler hinterließ von seinen Zeitgenossen den stärksten Eindruck.

Quelle: www.guestrow.de

 

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