Meilen & Mehr
Sokrates und die Autobahn
Eine Glosse von Frank Berno Timm
Philosophie bringt manchmal Alltagsweisheit auf den Punkt. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", orakelte der alte Sokrates - und nach einem Tag auf der Autobahn ist nur ein Kommentar möglich: Der Mann hatte nicht nur recht, er muss auch Prophet gewesen sein. Oder was Ähnliches.
Aufpassen, das nächste Auto bremst und blinkt. Langsam, noch langsamer, wir stehen. Dann passiert lange nichts. Bis der Vordermann des Vordermanns sich zögerlich in Bewegung setzt. Wir zockeln die paar Schritte hinterher: Dann steht die Bagage wieder. Weil's so schön ist, gleich noch mal. Nach ein paar Kilometern erst wird deutlich, warum: Baustellenhalber verengt sich die Fahrbahn von drei auf zwei Spuren. Mehr als Trippelschrittfahren ist nicht drin. Brav reißverschlüsselt sich die Meute und tuckert am Baggergeschehen vorbei, vorsichtig geht's wieder auf die reguläre Fahrbahn, Gasfuß.
Nein, das ist nichts Besonderes, wirklich nicht. Im Moment haben sich alle Baustellengötter gegen ein halbwegs zügiges Vorwärtskommen verschworen. Und was noch schlimmer ist: Niemand schreitet gegen offenkundiges Nichtfunktionieren des Verkehrs ein. Über Tage hinweg stehen bei Bargteheide kafkaeske Schlangen vor einer blöden Baustelle, als hätte keine Polizei der Welt jemals was von Verkehrsmanagement gehört. Auch am Elbtunnel stauen sich die Massen, wie das Radio anhaltend vermeldet. Richtig ärgerlich wird es, wenn auf rund 900 Kilometer Fahrtstrecke quer durchs Land gefühlte Unmengen von Baustellen und ein weiteres Dutzend unmotivierte Staus warten.
Was das mit dem ollen Griechen zu tun hat? Ist doch ganz einfach: Wenn man sonntags halb elf im Holsteinischen den Zündschlüssel herumdreht, kann man heutzutage nicht wissen, wann die Karre im badischen Zielort eintrifft. Ob es Zweck hat, von der Autobahn auf die Landstraße zu wechseln, ist genauso ungewiss. Hoffentlich leiden die Verantwortlichen schamhafte Höllenpein. Nach Sinn, höherem Zweck oder gar ethischen Grundsätzen der Blechlawine fragen wir ja schon gar nicht mehr.



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