Sonntag, 27. Mai 2012, 14:37

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Reise

Ribe

Mit dem Nachtwächter bis in die Wikingerzeit

Dänemarks älteste Stadt feiert in diesem Jahr ihren 1300. Geburtstag mit zahlreichen Veranstaltungen.

Altstadthäuser mit Dom in Ribe, Westjütland, Jütland, Dänemark
Foto: picture-alliance / Bildagentur H/Bildagentur Huber

Sein Heldenmut machte ihn unvergessen: Auf dem Rückweg von einer Handelsreise nach Holland in seine Heimatstadt Ribe geriet 1573 Schiffer Hans Jessen Søhane mit seiner Mannschaft bei Hamburg auf der Elbe in einen der damals so häufigen Piratenüberfälle. Die Skipper drehten den Spieß um - sie machten die Angreifer dingfest, nahmen sie an Bord und brachten sie in der wohlhabenden Hafenstadt an der Nordsee vor Gericht. Heute liegt der am 12. Dezember 1604 gestorbene Jessen im Dom von Ribe begraben. Unvergessen, mit Frau und Kindern in Öl festgehalten.

Voller Leidenschaft erzählt der Ribenser Nachtwächter Hans Peters vom Schicksal des Kapitäns - ein Höhepunkt beim Gang durch die größte Domkirche Nordeuropas. Um 1100 begonnen, überragt das zu großen Teilen aus hellem Andernacher Tuffstein erbaute Gotteshaus die westjütländische Handelsstadt: "Jede Epoche unserer Stadt lässt sich im Dom ablesen", weiß der ehemalige Lehrer Peters und zeigt auf eine der mächtigen Säulen mit einer mächtigen Markierung: "Mannshoch stand bis hier 1634 eines der vielen Hochwasser der Sturmflut, die regelmäßig Ribe überschwemmten." Zwei dänische Könige sind im Dom begraben, Erik Emune (1252-1259) und Christoffer I. (1252-1259), und Dänemarks Martin Luther, der Reformator Hans Tavsen (1494-1561). Für Diskussion, ja Aufruhr in der eine wechselvolle Geschichte gewohnten Bevölkerung Ribes aber sorgte vor rund 20 Jahren der Einzug der Moderne in die historischen Gemäuer: "Fünf Jahre malte der dänische Cobra-Künstler Carl-Henning Pedersen ab 1982 an den sieben Mosaiken und ebensoviel Glasfenstern im Chorraum - zunächst vehement abgelehnt, gehören die nur schwer zu entziffernden biblischen Motive längst zu Ribes bekanntesten Attraktionen", sagt Hans Peters. Und es klingt, als würde er sich noch immer darüber wundern.

Wer die 248 Stufen auf den 50 Meter hohen Nordturm steigt, wird belohnt mit einem atemberaubenden Blick über Marschland, Deiche und Nordsee im Westen - und das mittelalterliche Gassengewimmel Ribes zu Füßen. Der 67-jährige Nachtwächter - Rundgänge durch Ribe finden von Anfang Mai bis Mitte September sowie in den dänischen Herbstferien (KW 42) täglich auch auf Deutsch statt - hebt sich seine Kräfte lieber für die nächsten "Bodenschätze" auf, die er uns zeigen will: Durch die kopfsteingepflasterten Grønnegade und Fiskergade erreichen wir Skibbroen am Fluss Ribe Å, über den das 5000-Einwohner-Städtchen heute noch mit dem Meer verbunden ist. Am alten Schiffsanleger, an dem heute der Nachbau des Handelsschiffs "Johanne Dan" an den Glanz alter Wirtschaftsmacht erinnert, stieg das Wasser zwischen 1634 und 1911 bis in die zweite Etage der anliegenden Häuser.

Dann führt uns Hans Peters vorbei an Hotel Dagmar, dem ältesten im Königreich, und Kaufmannshöfen, die vom Reichtum seiner früheren Besitzer künden, in die Sct. Nicolaj Gade. Dass Ribe heute noch fast unverändert sein mittelalterliches Stadtbild besitzt, verdanke seine Heimatstadt viel Glück - und einem Unglücksfall, sagt Peters: "Anno 1560 vernichtete nämlich ein verheerendes Feuer weite Teile Ribes. Der Rat beschloss, dass beim Wiederaufbau um 1600 nur noch Stein-, statt zuvor Holzhäuser errichtet werden durften."

Dies alles liegt 400 Jahre zurück, der Bau des Domes etwa 1000. Doch warum feiert Ribe nun eigentlich sein 1300. Stadtjubiläum? Geschichtslehrer Hans Peters lächelt verschmitzt. Und führt uns weiter durch die Sct. Nicolaj Gade zum Posthaus. Ein Zweckbau - doch zum Glück modern, so Peters und zeigt durch ein offenes Ausstellungsfenster in die Tiefe: "Etwa 1980 stieß man hier beim Bau ganz zufällig auf alte Funde einer Wikingersiedlung, darunter ein alter Brunnen, eingefasst in Eichenholz. Dendrochronologische Untersuchungen datierten das Holz etwa auf die Jahre 704 bis 710 - also lebten in Ribe im Jahr 710 nachweislich Menschen."

Nur wenige Minuten entfernt vom historischen Fundplatz kann man im Museet Ribes Vikinger eine Zeitreise in die Anfänge Ribes machen. Archäologisch korrekt, aber äußerst lebendig kann man im Museum auf Streifzug durch die Jahre zwischen 700 und 1700 gehen, als nach dem Dreißigjährigen Krieg und zahlreichen Überfällen plündernde Truppen und Pest Ribes Großmacht jäh endete. Den Mittelpunkt von Ribes Vikinger bildet ein original rekonstruiertes Wikingerschiff. Wer an Bord geht, entdeckt Pelze, Töpfe, Klippfisch und andere Handelswaren. Wer "echte" Wikinger erleben möchte, kann dies in Ribe übrigens auch tun: Nur zwei Kilometer von der Altstadt entfernt verwandelt sich das Ribe VikingeCenter mit zahlreichen Laiendarstellern jeden Sommer ins Ribe des Jahres 825 zurück. Festhöhepunkte 2010 sind auch Dänemarks größter Wikingermarkt, der vom 1. bis 9. Mai im RibeVikingeCenter stattfindet.

Weitere Highlights im Jubiläumskalender sind das Mittsommerfest (22. Juni), ein großer Tiermarkt (5.-11. Juli), das Volksfest vom 16. bis 19. Juni mit Konzerten, Volkstanz, Kindertag und vielem mehr sowie die Kulturnacht am 17. Oktober. Die wird mit einem Theaterstück über Seeräuber anno 1573 eingeleitet - spektakulärer Held: Hans Jessen Søhane, den wir bereits aus dem Dom kennen.

Ob Königin Margrethe II. Ribe anlässlich der Feierlichkeiten besuchen wird, ist offen. Dass das Königshaus einen Repräsentanten senden werde, stehe fest. Doch ob Margrethe selbst sich die Ehre gebe? "Ribe ist eben längst nicht mehr Dänemarks größte Stadt", lächelt Hans Peters.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus