Wer sich mal richtig durchpusten lassen möchte, der kann das an Dänemarks Nordseeküste jetzt tun. Ferienhaus-Urlaub zur "falschen" Jahreszeit - die dann plötzlich doch die richtige ist.

Die grasbewachsenen Hügel von Hvide Sande am Ringkøbing-Fjord sind in der kalten Jahreszeit menschenleer.
Foto: Helge Sobik
Er hat aufgehört zu singen. Ganz plötzlich. Irgendwann mitten in der Nacht. Auf einen Schlag ist es still geworden. Niemand drückt mehr gegen die großen Fensterscheiben des Wohnzimmers, rüttelt an den Türen, kriecht um die Ecken des Holzhauses, pustet von oben in den Schornstein des gusseisernen Ofens. Der Sturm hat sich gelegt, der Wind sein Nachtkonzert beendet - so plötzlich wie er es begonnen hatte. Dabei war es gerade so gemütlich geworden, so spaßig sogar, in das Fauchen da draußen erst eine Melodie, dann Worte hineinzuhören. Manchmal schien es, als wollte der Wind das Ferienhaus hinter den breiten Dünen bei Hvide Sande einfach mitnehmen und irgendwo anders wieder absetzen. Er hat es nicht getan.
Bis Ostern sind die Häuser noch günstig
Es wäre auch schade gewesen, dann da, wo es steht, passt es perfekt hin: drumherum diese sandigen Hügel, an die sich Grasbüschel klammern, dazwischen ein paar Fahrwege gesäumt von gelben, roten und dunkelblauen Ferienhäusern, in hundertfünfzig Meter Entfernung wie ein lang gezogener Riegel die vorderste Dünenreihe, davor breiter Strand, auf dem die wintergrauen Wogen der Nordsee ausrollen.
Die Hafenstadt Esbjerg ist gut sechzig Kilometer Richtung Süden entfernt, und bis hinauf nach Skagen im äußersten Norden wären es von hier aus noch gut zwei, zweieinhalb Fahrtstunden. Ein achthundert Meter breites Band aus Erde und Sand, aus Dünen und Wiesen trennt den Ringkøbing-Fjord von der Nordsee und macht ihn fast zu so etwas wie einem großen See unmittelbar hinter der Küstenlinie. Gut 35 Kilometer lang ist dieser Streifen Land, der dem Meer trotzt: windumtost, wasserumspült, von Stürmen geformt.
Die Wurzeln der Gräser und der Kiefern, die sich hier in den Sand krallen, helfen, die Dünen an Ort und Stelle festzuhalten. Seit Jahrhunderten. Und hoffentlich noch für lange Zeit. Gespickt ist dieser schmale Streifen aus grünen Hügelchen mit Ferienhäusern. Sie kauern sich in die Mulden, die Dünentäler, hinter die Kiefernschonungen. Und jedes davon ist nur einen kurzen Spaziergang von der Nordsee entfernt.
Still ist es hier um diese Jahreszeit - außer es schaut gerade mal wieder ein Sturm vorbei. Kaum eines der Häuser ist bewohnt, kaum ein Mensch beim Spaziergang durch die Dünenlandschaft anzutreffen. Ab und zu nur parkt ein Auto mit dänischem oder deutschem Nummernschild in der Einfahrt, aus irgendeinem Schornstein qualmt es, und anderswo ist das Küchenlicht an. Die meisten bleiben dunkel, verschlossen, unbeheizt. An der jütländischen Nordseeküste ist es im Winter fast menschenleer. Keine Spur vom Sommerrummel, von Strandbetrieb und Ferienprogramm, nicht mal vom längst vergessenen Trubel zu Weihnachten und an Silvester.
Nur vereinzelt sind die Ferienhäuser jetzt bewohnt. Die Gäste, die da sind, heizen kräftig ein.
Foto: PR
Beim Fischmann in Hvide Sande ist Zeit für einen radebrechenden Plausch, im Räucherfisch-Laden am Hafen kein Schlangestehen angesagt. Die Krabbenfrikadelle gibt es gleich auf die Faust, das Stück Lachs wird abends mit Honigmarinade in der Ferienhaus-Pfanne brutzeln. Ein paar gute Worte gibt es mit auf den Weg - und ein Stück Räucher-Makrele gratis dazu, weil gerade so viel davon da sind.
Erst zu Ostern wird es hier wieder voller werden. Erst dann muss der Krämer an der Landstraße beim Bäcker aus der nächsten größeren Ortschaft Nørre Nebel mehr als die drei Dutzend Brötchen ordern, die jetzt jeden Tag ausreichen, um alle Kundenwünsche zu bedienen. Verloren liegen sie in den viel zu großen Flechtkörben hinter seinem Tresen. Zwischen den Regalen in diesem Mini-Supermarkt wartet noch ein letztes Strandspielzeug-Set für kleine Kinder - Schaufel, zwei Kuchenformen, eine Harke, als Zugabe eine Frisbeescheibe für zusammen 60 Kronen, umgerechnet acht Euro. Ein vergessenes Überbleibsel des letzten Sommers. Die Lieferung für den nächsten kommt erst im Mai. Nebensaison-Rabatt gibt es nicht. Er ist nicht nötig, denn irgendwer wird das Set im Juli schon kaufen - zum vollen Preis.
Bei den Ferienhäusern ist das anders. Sie kosten jetzt einen Bruchteil der Sommerpreise, schicke Quartiere mit Whirlpool und Sauna zum Beispiel, oft nur noch 350 Euro pro Woche - statt 1200 im Hochsommer. Wer Abstriche in der Ausstattung macht und nicht die höchsten Ansprüche an die Lage hat, bekommt brauchbare Häuser sogar schon für um 200 Euro pro Woche. "Besser als Leerstand", sagen sich die Vermieter und nehmen so wenigstens ein bisschen was ein. Bis in den April hinein gelten diese Winterpreise vielfach - wobei die Osterwoche ausgeklammert ist und manches Haus nur während deutscher Schulferien ein bisschen teurer ist.
Renner beim Købmand, dem Kaufmann um die Ecke, sind derweil fertig geschnürte Kaminholz-Gebinde, die sich draußen an seiner Fassade hoch stapeln - sechs Euro für einen Arm voller Scheite. Damit macht er in dieser Jahreszeit sein Geschäft. Und mit Kerzen, Teelichtern, Duftlampen. Bausteinweise verkauft er so die Gemütlichkeit - genau das, was die Winterurlauber suchen.
Der Sturm hat da gar nicht gestört, im Gegenteil. Er kam wie bestellt, um die Ferienhaus-Romantik zu unterstreichen. Ganze Arbeit hat er diese Nacht geleistet, den Himmel aufgeschoben, den Vorhang aus tief hängenden Wolken wie mit einem Ruck beiseitebewegt.
Weil das so ist, können sie jetzt durch die Glasfront des Wohnzimmers ins Haus schauen: abermilliarden Sterne, lauter winzige Lichtpunkte am Firmament. Und mittendrin als leicht unscharfer Schleier das Milchstraßenband, das anderswo vor lauter irdischen Lichtquellen und Abgasen nicht mehr zu erkennen ist. Manche Ferienhausbewohner sind deshalb kurzerhand wieder aufgestanden. Dick haben sie sich angezogen, sind vors Haus getreten: weil man diesen Himmel aus der Nähe sehen muss, nicht bloß durchs Fenster. Und weil es so still war, dass sie einfach mal nachschauen mussten.
Am nächsten Morgen sind die Schatten lang. Die Wintersonne steht so tief, dass selbst die Kieselsteine im feuchten Sand lange Schatten werfen. Ein paar Hunde rennen voller Lebensfreude den leeren Strand entlang, jagen Treibgut im Wind hinterher oder zerren an angeschwemmten Tauen, die halb unter dem Sand begraben sind.
Die Strandwanderer sind an einer Hand abzuzählen, in Anoraks gehüllt und tief in ihre Wollmützen verkrochen. Wer jetzt hier ist, liebt es so: will sich die Sinne durchpusten lassen, den Akku aufladen, Gedanken nachhängen. Und Händchen halten vielleicht.



