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Reise

Antarktis

Kurs nehmen auf den sechsten Kontinent

Mit der "MS Fram" zu Eisbergen und Pinguinen. Eine Kreuzfahrt ohne Allüren in reinstem Wasser und glasklarer Luft: Wer mit dem Expeditionsschiff ins ewige Eis fährt, sollte Respekt vor der Natur haben - und warme Sachen einpacken.

Die Reederei Hurtigruten bringt Touristen zur ganz besonderen Expedition dick verpackt und ausgerüstet mit Fotokameras.
Foto: Hurtigruten

Der erste Halt auf dem Weg in die Antarktis. Es ist mucksmäuschenstill an Bord des kleinen Schlauchbootes, das die Passagiere der "MS Fram" zum Landausflug nach Cuverville Island hinüberschippert. Die Luft ist klar, das Wasser glatt, die Kälte kaum zu spüren. Bei Minus 3 Grad sind die Touristen warm eingepackt, und der trockene Frühling im ewigen Eis fühlt sich angenehmer an als ein nasskalter Winter in Europa.

Wie ein Begrüßungskomitee aus kleinwüchsigen Frackträgern stehen Hunderte von Eselspinguinen auf den Felsen, um sich die merkwürdigen Gestalten anzusehen, die mit Kameras und Objektiven, lang wie Panzerfäuste, durch den Schnee stapfen. Die Luft vibriert vom Geschrei der Vögel, ihr Geruch verschlägt einem den Atem, und während wir die ersten Schritte aufs feste Land wagen, fühlen wir uns wie Polarforscher, die den jungfräulichen Kontinent betreten. Für viele ist es das erste Mal, dass sie die Antarktis besuchen, die weiteste Anreise haben ohne Zweifel die Chinesen. Worauf sie so stolz sind, dass sie bei dieser Reise immer ihre Flagge dabei haben.

Schon während der Überfahrt durch die gefürchtete Drake-Passage zwischen Kap Hoorn und der Nordspitze der Antarktis war uns klar, dass wir uns auf eine besondere Fahrt begeben haben. Die Reise zu den Pinguinen startete in Buenos Aires. Hier blühten die Linden, es war mild und warm, die schönen Menschen der faszinierenden Metropole saßen gelassen in der Sonne, während wir darüber nachdachten, ob wir wirklich genug warme Sachen für unsere Fahrt in die Kälte im Gepäck haben. Bald schon ging es weiter nach Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens. Hier legen die Schiffe in Richtung Südpol ab, bis auf die unglaubliche Landschaft des Nationalparks "Tierra del Fuego" (Feuerland) gibt es in dieser traurigen Ecke nicht viel zu sehen. Und auch die Passagiere der "Fram" werden sich nicht länger als nötig aufhalten.

Dann, nach zwei weiteren Tagen, sind wir mittendrin in der südpolaren Kulisse. Und berauscht: Es sind diese Farben, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, die hellblauen Eisberge, die türkisfarbenen Gletscher unter einem graublauen Himmel. Die Bedeutung des Wortes "eisblau" wird erst jetzt wirklich klar. Oft sieht man schweigende, versonnene Gesichter an Deck, die feierliche Stille wird nur vom Klicken der Fotoapparate unterbrochen, als sich der allererste Eisberg zeitlupenartig ins Bild schiebt, während das Schiff die erste Rast nach einer stürmischen Überfahrt durch die Drake-Passage macht.

Die Passagiere haben sich an Bord eingewöhnt, die Familie aus Neuseeland läuft immer noch in Shorts und T-Shirt über Deck, die Chinesen fotografieren alles, was sich ihnen vor die Linse wirft, und der Norweger Ole hat beim Gemüseschnitzkurs in der Panoramalounge sein neues Hobby entdeckt. Während der ersten beiden Tage der Überfahrt waren immer wieder Opfer der Seekrankheit zu beklagen, man sah gut gekleidete Französinnen, die sich über Papierkörbe beugten, oder das Ehepaar aus Gera, das breitbeinig mit dem typischen Seefahrergang durch den Speisesaal gestolpert ist, um nicht bei Windstärke 9 ins Büffet zu fallen. Inzwischen sind alle an Bord langsam zu einer kleinen Familie zusammengewachsen, die aufeinander achtet und sich stützt, wenn man mal wieder ins Schwanken gerät.

Wie beim ersten Rendezvous steuert alles auf das erste Treffen mit dem schönen Unbekannten zu: die Anlandung auf Half Moon Island und damit die ersten Pinguine. Als Kapitän Andreassen wegen der stürmischen Wetterverhältnisse unseren Landgang absagt, sind wir respektvoll erschauert, manche begreifen erst jetzt, in welchen Dimensionen wir uns gerade befinden. Und dass sich die Natur von Touristen und Zeitplänen nicht beeindrucken lässt.

Die Antarktis ist anderthalbmal größer als Europa, ein Kontinent voller Extreme, nirgendwo ist es so kalt wie hier (im Winter erreichen die Temperaturen durchschnittlich Minus 50 Grad, im antarktischen Sommer schon mal Plus 11 Grad Celsius), und nirgendwo einsamer: Im antarktischen Frühling und Sommer (von November bis März) gibt es gerade mal rund 4000 Einwohner, im Winter reduziert sich die Zahl der Wissenschaftler in den Forschungsstationen auf ungefähr 400.

Luft und Wasser sind so rein wie an keinem anderen Ort auf der Erde. Entsprechend wichtig ist es, dass der Tourismus dieses empfindliche Gut nicht beschädigen darf. Der Kreuzfahrtanbieter Hurtigruten, der die "MS Fram" betreibt, ist Mitglied der IAATO, einer 1991 freiwillig gegründeten Vereinigung privater Reiseveranstalter, die den Zugang von Touristen in der Antarktis regelt. Ihre Richtlinien besagen beispielsweise, dass sich nie mehr als 100 Menschen gleichzeitig an Land aufhalten und Schiffe, die dorthin fahren, nie mehr als 500 Passagiere an Bord haben dürfen.

Die Regeln, zu denen auch der Respekt vor den Tieren (fünf Meter Mindestabstand) und die Vermeidung der "Einfuhr" von Krankheitserregern gehört, werden auf der "Fram" strikt und routiniert eingehalten. 2007 lief das Schiff, benannt nach dem Expeditionsschiff des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen (1861-1930), vom Stapel. 60 Millionen Euro hat es gekostet, auch weil es speziell zugeschnitten ist auf Expeditionsreisen Richtung Nord- und Südpol. Ein sehr modernes Schiff, ausgestattet mit allerlei Annehmlichkeiten für eine bequeme Reise und - hier unerlässlich - der Eisklasse 1B.

Das Wichtigste für Kapitän Rune Andreassen ist die Sicherheit seiner Passagiere, und wenn die Wetterverhältnisse es nicht zulassen, wird eine Anlandung abgesagt oder umdisponiert. Trotzdem hat niemand an Bord das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Und als dann am nächsten Tag das Wetter sich von seiner besseren Seite zeigt, sind wir endlich da. Land! Cuverville! Keine Menschenseele, aber unzählige Pinguine, die sich nicht an den vorgeschriebenen Fünf-Meter-Abstand halten und sich vor uns aufbauen, als würden sie uns, diese sorgsam verpackten komischen großen Wesen, besichtigen. Und wieder sind wir fasziniert: von diesen übelriechenden, laut plärrenden wunderschönen Vögeln, die manchmal nachdenklich, manchmal wie ein betrunkener kleiner Clown durch die Gegend stolpern. Alles eingebettet in eine Landschaft aus Millionen Jahre altem Eis und so schön, dass die Chinesen wieder Tausende von Fotos machen werden und die Berlinerin eine gefühlte Stunde mitten im Nirgendwo steht und sich dann verstohlen eine Träne aus dem Gesicht wischt.

Auch die Fahrt durch den 11 Kilometer langen und 1,6 Kilometer breiten Lemaire-Kanal führt zu unvergesslichen Ausblicken. Auf der einen Seite spiegeln sich die Hängegletscher der Booth-Insel im ruhigen und klaren Wasser, auf der anderen Seite die antarktische Halbinsel. Wieder klicken die Fotoapparate, weshalb diese Fahrt von Expeditionsmannschaften als "Kodakspalte" bezeichnet wird. Auf Petermann Island, der nächsten Station, entdecken wir ein Gedenkkreuz für drei Männer, die 1982 bei dem Versuch über das Meereis zur Station zurückzukehren umkamen.

Die "Fram" fährt von einem Naturschauspiel zum nächsten. Die Reisenden besuchen die in den 60er-Jahren verlassene Walfängerstation "Whaler's Bay", landen auf Port Lockroy, einer winzigen britischen Forschungsstation. Auch um Rachel aus London dort an ihren Arbeitsplatz zu bringen. Die junge Frau ist stolz und nervös, weil sie die nächsten vier Monate dort zusammen mit drei anderen Briten wohnen und arbeiten wird.

Als Rachel den staunenden Touristen davon erzählt, wie sie vor Jahren schon einmal in der Antarktis war und sich verliebte in diese unglaubliche Landschaft und deswegen noch einmal zurückkommen wollte, können wohl alle an Bord das verstehen. Auch die Chinesen.

 

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