Unterwegs

Single wider Willen

Ehab ist 29 und hatte noch nie etwas mit einer Frau. Der Reiseführer aus Gizeh, der mich zu den Pyramiden führt, gewährt mir nebenbei einen Einblick in das Gefühlsleben seiner Generation. Sex vor der Ehe ist im muslimischen Land nicht vorgesehen. Doch hohe Arbeitslosigkeit und Wohnungsmangel führen dazu, dass immer mehr Ägypter sich keine Heirat leisten können. Neun Millionen Männer bis 35, schätzen ägyptische Familienforscher, leben unfreiwillig als Singles - und deshalb mehr oder weniger im Zölibat. Selbst Liebespaare können sich kaum näherkommen. Wollten sie ein Hotelzimmer mieten, müssten sie verheiratet sein.

Ehab kommt als gut aussehender, nie um ein humorvolles Wort verlegener Mann bei seinen Gästen gut an. Doch er blickt neidisch auf Touristen, die als junge Paare angereist sind. Sie gehen Hand in Hand und küssen sich vor den mächtigen Steingräbern, die einst Pharaonen auftürmen ließen. "Hach", stöhnt er dann. "Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt."

Umgerechnet 30 000 Euro bräuchte Ehab, dann wäre er auf dem Heiratsmarkt eine gute Partie. Mehr als die Hälfte des Geldes stehen den potenziellen Schwiegereltern zu, der Rest ist für die Ausstattung der Braut. Die darf außerdem noch 1,5 Kilo Gold als Schmuckgabe des Bräutigams erwarten. Das ist Brauch in der gehobenen Gesellschaft. "9000 Euro habe ich zusammen", jammert der Reiseführer. "Aber es wird noch Jahre dauern, bis ich den Rest gespart habe. Und darüber werde ich versauern!" So geht es vielen seiner Landsleute - die Folgen sind unschön. In Kairo breitet sich die rüde Sitte des Angrabschens aus - in der U-Bahn, im Bus und sogar auf offener Straße.

63 Prozent der ägyptischen Männer geben laut einer Umfrage zu, schon einmal eine Frau unsittlich berührt zu haben, 17 Prozent von ihnen wissen aber gar nicht, dass das sexuelle Belästigung ist. Weil bereits 87 Prozent der Frauen Opfer waren, wird das Thema nun von den Medien aufgegriffen. "Es gibt nicht die Achtung vor Frauen wie in Europa", sagt Ehab. Die Folge ist, dass immer mehr junge Ägypterinnen ihr Haar unterm Kopftuch verbergen. Das freut die Traditionalisten, aber nicht moderne Zeitgenossen wie meinen Guide. Er ist ein höflicher Mensch, der einfach gern heiraten und Kinder haben würde. Seine Eltern arrangierten die Begegnung mit einer Zahnärztin, aber die gefiel ihm nicht. "Vielleicht lerne ich ja mal eine Deutsche kennen", sagt Ehab. "Dann wäre vieles einfacher."

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.