Auf Nostalgiekurs wie im Grandhotel

Frederic Chopin - Das Flussschiff der Reederei Deilmann steuert entlang der Oder neue Ziele für Kreuzfahrer an

Breslau/Wroclaw. Obwohl 866 Kilometer lang, war die Oder sicher nie der populärste Strom. Dem 1873 in Arnsdorf bei Schweidnitz geborenen, 1932 in Breslau gestorbenen schlesischen Heimatdichter Paul Keller kam sie "wie ein Bauernweib unter Edlen" vor. Nicht nur als Grenze zwischen West und Ost, zwischen Deutschland und Polen, hat sie Geschichte geschrieben. Auch Theodor Fontane setzte ihr samt seiner märkischen Heimat ein Denkmal. Und seit dem Ende des Kalten Krieges ist eine solche Grenze durchlässig geworden wie ihr Wasser. Da lag es nahe, ein Schiff zu bauen, das Stille, Einsamkeit und Natur des Stromes für seine Passagiere erlebbar macht. Die Peter Deilmann Reederei im holsteinischen Neustadt schuf die "Frederic Chopin", ein kleines schwimmendes Grandhotel. Mit 40 Kabinen, deren Außentüren (statt Fenstern) auf dem oberen Mazurka-Deck zu öffnen sind, ist sie - wie schon das Hochseeschiff "Deutschland" aus gleichem Hause - luxuriös im Jugendstil-Design ausgestattet. Messing und edles Holz dominieren, farblich darauf abgestimmt die Tapeten in Goldgelb und Teppiche in warmem Rot. Dem in Warschau geborenen Komponisten huldigt man an Bord nicht nur mit einer Pianistin, die seine romantisch-poetische Klaviermusik grandios interpretiert. Diskret zieren Chopin-Noten aus der Mazurka op. 71 das Porzellan, Platzteller ebenso wie Tassen und Milchkännchen. Das jüngste Schiff der Deilmann-Flotte mit nur 105 Zentimetern Tiefgang, um die wenig Wasser führende Oder zu meistern, fährt nun (bis zum 26. Oktober) im Sieben-Tage-Rhythmus von Deutschlands östlichster Stadt Frankfurt/Oder flussabwärts über Küstrin, das uckermärkische Schwedt und durch den Nationalpark Unteres Odertal - eine einmalige Auenlandschaft, deren regelmäßig überflutetes Poldergebiet 120 Vogelarten als Brutplatz dient - bis Swinemünde, nach Wollin und Stettin oder auch in die vorpommersche Boddenlandschaft um Rügen. Flussaufwärts heißen die Anlaufhäfen Crossen, Tschicherzig, Steinau, Maltsch und Breslau. Interessante Städte, die bisher noch in den Kreuzfahrtprogrammen fehlten. Nostalgietouristen, die ihre alte Heimat Schlesien wiedersehen wollen, fühlen sich von den Ausflügen, etwa ins Riesengebirge mit der 1602 Meter hohen Schneekoppe (Szniezka), ebenso angesprochen wie Kulturinteressierte, die dem Verfasser der schlesischen "Weber" nachspüren wollen: Gerhart Hauptmanns letztes Domizil Wiesenstein in Agnetendorf ist ein Juwel des Jugendstils. Kontrastierend schlicht die spitzgiebligen, schmalen Leineweberhäuser in Schömberg. Unbedingt sehenswert die Laubenhäuser und die Gnadenkirche in Hirschberg (Jelenia Gor), bombastisch das barocke Zisterzienserkloster von Grüssau. Oberhalb von Agnetendorf grüßt die Burgruine Kynast, und bei Krummhübel (Karpacz), wo Fontane "balsamische Luft" atmete, trifft der Besucher auf die exotisch anmutende Kirche Wang. König Friedrich Wilhelm IV. hatte die mit Schnitzereien reich verzierte romanische Stabholzkirche in Norwegen, wo sie abgerissen werden sollte, 1841 erstanden und sie auf Bitten der Gräfin Christine von Reden in Brückenberg, unweit seiner Sommerresidenz in Erdmannsdorf, aufstellen lassen. Der Berggeist Rübezahl treibt noch immer seinen Schabernack: Auf einer vermeintlich ansteigenden Straße kann unser Bus im Leerlauf bergab fahren, denn Rübezahl schiebt uns. Der Höhepunkt dieser Flussreise kommt zweifelsohne mit Breslau, heute Wroclaw. Im Zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört, sind Dom und Marktplatz, auch Ring genannt, mit dem gotischen Rathaus und barocken Bürgerhäusern restauriert und wieder Schmuckstücke der größten Stadt Niederschlesiens. Dass jedoch die berühmte deutsche Pilotin der 30er- und 40er-Jahre, Elly Beinhorn, mit einem "Fieseler Storch" unter der 42 Meter hohen Kuppel der Jahrhunderthalle, einer bahnbrechenden Stahlkonstruktion aus dem Jahr 1913, die 6000 Menschen Platz bietet, einige Runden gedreht haben soll, ist nicht belegt. Den Breslauern im Gedächtnis aber blieb, dass ein fanatischer Nazi-Gauleiter mitten in der Stadt Wohnhäuser für einen Flugplatz sprengen ließ, der nie benutzt wurde. Reisepreise : Je nach Saison und Kabine kostet eine siebentägige Oder-Reise zwischen 940 und 2570 Euro pro Person, dem Fünf-Sterne-Standard entsprechende Verpflegung an Bord eingeschlossen. Zehn- bzw. 14-tägige Reisen führen ab Hannover über Magdeburg und Potsdam nach Breslau. Das Schiff fährt aber auch von Prag über Dresden, Meißen, Potsdam, Braunschweig, Münster und Xanten nach Amsterdam.