Auf zwei Rädern durch das Land der Lemuren

Madagaskar ist nach politischen Wirren zur Ruhe gekommen. Die Insulaner hoffen auf Demokratie, Fortschritt - und neue Touristen.

Antananarivo. Es gibt Länder, deren Namen eine besondere Fülle von Assoziationen in unseren Köpfen auslösen. Madagaskar gehört wohl dazu, nicht zuletzt dank des bekannten Seefahrerliedes ("Wir lagen vor...") Auf der mit Abstand größten Insel im Indischen Ozean existiert noch heute eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt, die selbst Wissenschaftler auf der Suche nach unbekannten Arten immer wieder überrascht. Die Natur bietet fast alles: tropischen Regenwald, mit Palmen gesäumte Traumstrände, karge Hochlandflächen bis hin zu Wüsten und Steppen, die von einer bizarren Vegetation bedeckt sind. Doch bis vor kurzem war ein Besuch der exotischen Insel für Touristen praktisch unmöglich. "Ihr seid meine ersten Kunden seit dem Ende der Krise", sagt Manfred Luft, ein ausgewanderter Deutscher, bei dessen Motorradverleih in Antananarivo ("Tana"), der Hauptstadt des Landes, wir uns eine große Geländemaschine reserviert haben. Weil auf Madagaskar geländetaugliche Allradfahrzeuge nur mit Chauffeur zu mieten sind (entsprechend teuer), haben wir uns für das Motorrad als Fahrzeug entschieden. Einige Strecken sind allerdings überhaupt nicht mehr befahrbar. Diese hatte der seit 29 Jahren amtierende Präsident, Didier Ratsiraka, in seinem Versuch, nach den verlorenen Wahlen im Dezember 2001 die Macht wieder an sich zu reißen, einfach in die Luft sprengen lassen. Das Land geriet derart ins Chaos, dass unter anderem die Hauptstadt von der Versorgung wichtiger Güter abgeschnitten wurde. Bald gab es keinen Treibstoff mehr, Flugzeuge wurden nicht mehr betankt, und damit blieben die Touristen aus. Als der neue Staatschef, Marc Ravalomanana, vor wenigen Monaten internationale Anerkennung errang, gab Ratsiraka nach sieben Monaten sinnloser Zerstörung auf und floh ins Exil. Inzwischen ist Madagaskar wieder ein friedliches Land - voller Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt und Demokratisie-rung, und auch die Touristen kommen wieder. Auf schlammigen Urwaldpfaden und holprigen Pisten, vorbei an leuchtend grünen Reisfeldterrassen und Lehmhütten, machen wir uns auf den Weg nach Ranomafana, einem der schönsten Naturparks des Landes. Unterwegs essen wir in einem der vielen kleinen "Hotely Gassy", Garküchen in windschiefen Holzhütten, die für ein paar Euro warme und leckere Speisen anbieten. Dort bekommt man auch das mada-gassische Nationalgericht Ramozava, ein etwas bitter schmeckender Brei aus Maniokblättern. Ein Polizist auf einem Motorrad kommt uns entgegen, drängt uns an den Straßenrand und bedeutet uns anzuhalten. Ein Dutzend nagelneuer BMW-Motorräder folgt mit Sirenengeheul und schafft Platz für die Limousine des Präsidenten. Dieser rasante Auftritt erscheint uns wie ein Sinnbild für den Tatendrang des neuen Mannes, der einst ein armer Hirtenjunge war und heute der erfolgreichste Geschäftsmann seines Landes ist. Mit harter Arbeit zum Erfolg - das hat ihm die Herzen der Madagassen aufgeschlossen. So ist es nicht verwunderlich, dass vom Präsidenten für den Wahlkampf verteilte T-Shirts mit der Aufschrift "Tiako i Madagasikara - Ich liebe Madagaskar" gern und zahlreich getragen werden. Am nächsten Morgen brechen wir auf in den Regenwald, mit Julien, einem lokalen Führer. Nebelschwaden steigen noch auf, Schlingpflanzen überall, ein undurchdringliches Dickicht, wenn da nicht die schmalen Trampelpfade wären. Schnell badet man im eigenen Schweiß in dieser tropischen Hitze. Plötzlich bleibt Julien stehen und gibt seltsame Grunzlaute von sich. Er deutet hinauf in die Äste eines Baumes. Lange, buschige Schwänze hängen herunter und große schwarze Knopfaugen blicken uns an - eine Lemuren-Familie! Diese kuscheligen Halbaffen sind zweifellos nicht nur die bekannteste Säugetierart Madagaskars, sondern auch die beeindruckendste . . . Da viele Lemurenarten nachtaktiv sind, geht es kurz vor der Dämmerung noch einmal in den Park, zu einer Stelle, an der man gewöhnlich auf Mausmakis trifft, die kleinste Lemurenart. Bananenstückchen werden verteilt, denn die winzigen Tierchen sind ausgesprochene Leckermäuler mit einer Vorliebe für Früchte und süße Beeren. Nach einer halben Stunde Wartezeit sehen wir die kleinen, braunen Wesen mit ihren riesigen Augen über die Äste heranflitzen. Wie Teddyhamster mit langen Schwänzen sitzen sie da und verschlingen gierig den unerwarteten Fund. Auf einer gut ausgebauten Teerstraße, die sich in Kurven um Berge und Dörfer schmiegt, geht es am nächsten Morgen weiter in Richtung Süden, in den Isalo-Nationalpark. Plötzlich hört die Straße auf. Stattdessen beginnt eine Piste, die von dem Dauerregen der vorigen Nacht stark aufgeweicht ist. Nach zweieinhalb Stunden und 42 Kilometern hört die Matschhölle auf. Doch irgendwann müssen wir noch einmal durch den Schlamm, denn Madagaskars Hauptstraßen verlaufen sternförmig von Tana ins Land. Rundkurse sind unmöglich. Inzwischen sind wir unserem Ziel, dem Mangobaumwald im so genannten Tal der Affen, schon sehr nahe. Hier sollen Ringelschwanz-Kattas leben, eine Lemuren-Verwandtschaft, die sich besonders durch ihren ausgeprägten Geruchssinn von anderen unterscheidet. Mit Drüsenausscheidungen "parfümieren" sie dabei nicht nur ihre Umgebung, sondern auch ihren auffällig schwarzweiß geringelten Schwanz, mit dem sie regelrechte "Stinkkämpfe" austragen: Sieger ist, wer am meisten stinkt! Leicht zu finden sind sie jedoch nicht. Seit einer halben Stunde laufen wir keuchend unserem Guide hinterher, der sich scheinbar mühelos durch das unwegsame Gelände bewegt, immer den Blick auf die davonschwingenden Tiere. Endlich machen sie Rast in den Astgabeln eines großen Baumes. Schnaufend und schwitzend, mit der einen Hand die stechenden Insekten verscheuchend und mit der anderen die Kamera herauszückend, sehen wir gerade noch, wie eine Mutter mit ihrem Jungen in den Wipfeln verschwindet. Zum Foto kommt es nicht mehr. Dafür lassen wir es uns abends in unserem Hotel, dem Le Relais de la Reine, so richtig gut gehen. Das für madagassische Verhältnisse luxuriöse Haus liegt in einer grünen Oase inmitten hoher Felsen und sieht aus wie ein französisches Landgut. Zum Dinner gibt es bei erlesenen Weinen Langusten von der Küste. So vergehen elf Tage schnell auf Madagaskar. Es gibt viel zu sehen, schließlich ist das Land doppelt so groß wie Deutschland. Vorbei an Zebu-Rinderherden, den Heiligtümern der Madagassen, und Kirchtürmen aus der französischen Kolonialzeit geht es zurück nach Tana. Ein Chamäleon bewegt sich mehr schlafend als laufend über die Straße. Kahle Landstriche, Holzkohlenverkäufer am Straßenrand und glimmende Baumstümpfe trüben das Bild vom Landschaftsparadies Madagaskar. Weil Holz wichtigster Energieträger und Baurohstoff ist, hat seine rücksichtslose Abholzung in den letzten Jahrzehnten unübersehbare Schäden auf der einst so grünen Insel hinterlassen. Doch trotz der menschlichen Eingriffe in das Gleichgewicht der Natur gibt es auf Madagaskar immer noch jede Menge zu entdecken.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.