Der 79-Jährige nennt Einrichtungen wie die Stormarner Fahrbücherei wichtig für die Entwicklung von Jugendlichen.
Bad Oldesloe. "Lesen vermittelt den Kindern unbezahlbare Erlebnisse", sagt Günter Grass (79). Viele seien heute von elektronischen Medien wie Video- und Computerspielen oder dem Fernsehen bereits übersättigt. "Sie schalten deshalb langsam wieder auf Bücher um", so der Autor nach seiner Lesung im Sitzungssaal des Stormarner Kreistags. Der Bücherbus sei dafür "fast unbezahlbar". Zwei Kapitel aus seinen neuen Werk "Beim Häuten der Zwiebel" las Grass in Bad Oldesloe.
Damit setzte der Literatur-Nobelpreisträger auch ein Zeichen. Grass hat sich vehement für den Erhalt der Stormarner Fahrbücherei eingesetzt. Er ist Schirmherr des Fördervereins. Der neue Bücherbus wurde nach der Lesung vorgestellt. Das Fahrzeug schmücken außen zwei Werke von Grass, die Radierung "Leseratte II" und ein Aquarell aus seinem Gedichtband "Fundsachen für Nichtleser". Den neuen, silbergrauen Bus findet er sehr gemütlich: "Er lädt zum Schmökern ein."
Erinnerungen an die Zeit beim Arbeitsdienst der Nazis.
Im voll besetzten Sitzungssaal las er zwei Kapitel aus seinem ersten rein autobiografischen Text. Eines beschreibt seine Ausbildungszeit beim nationalsozialistischen Arbeitsdienst in der Tucheler Heide, die nicht weit entfernt seiner Geburtsstadt Danzig liegt. Ein Kamerad weigerte sich dort standhaft, ein Gewehr in seine Hand zu nehmen. Er verschwand nach einiger Zeit, wurde offenbar als Zeuge Jehovas in ein KZ deportiert. Ohne sichtbare Emotionen beschrieb Grass die allgemeine Erleichterung darüber, denn die ganze Gruppe wurde wegen dieses Verweigerers schikaniert.
Ein weiteres Kapitel handelte von seiner Zeit in einem Kali-Bergwerk bei Hildesheim. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete er dort knappes Jahr unter Tage. Die zusätzlichen Lebensmittelrationen für Schwerstarbeiter hatten bei seiner Entscheidung eine wichtige Rolle gespielt.
Das Buch hatte bei seinem Erscheinen eine heftige Kontroverse ausgelöst. Grass hatte darin erstmals von seiner Zeit bei der Waffen-SS berichtet. Als 17-Jähriger wurde er kurz vor Kriegsende für wenige Monate dorthin einberufen.
Autor beklagt Bösartigkeit und Niedertracht.
"Beim Schreiben sah ich keinen Grund, mich klüger zu machen, als ich damals war", sagte Günter Grass. Die Kritik hat ihn hart getroffen. "Was ich in den letzten Monaten an Bösartigkeit und Niedertracht erlebt habe, ist ohne Gleichen," so Grass. Mehr wollte er dazu nicht sagen: "Jeder kann sich beim Lesen des Buches selbst sein Bild machen."
Grass machte kein Hehl daraus, dass er einst so wie die große Mehrheit der Deutschen an das Nazi-Regime geglaubt hatte. Die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht hätten diese Verblendung noch gefestigt. Auch sein Elternhaus leistete keinen Widerstand gegen den Zeitgeist.
Es hat aber zu seiner literarischen Bildung beigetragen. "Wir hatten nur eine Zweizimmerwohnung", erinnerte sich Grass, "aber im Wohnzimmer stand bei uns ein Bücherschrank." Seine Mutter war Mitglied in einem Buchclub und bestückte ihn regelmäßig. "Es gibt kein besseres Mittel als Lesen, um der häuslichen Enge zu entfliehen." Für Kinder sei es oft die letzte Zuflucht. "Deshalb ist es so wichtig, was sie zu Hause vorfinden", so der Autor in Bad Oldesloe.











