Stormarn
18.03.09

Großhansdorf: Heute feiert Helmuth Fink im Rosenhof Geburtstag

Schlagzeuger (fast 18) trifft Flötisten (108)

90 Jahre Altersunterschied, ein Thema: Musik. Stormarn-Ausgabe des Abendblattes brachte einen der ältesten Deutschen mit einem jungen Sieker zusammen.

Von Alexander Sulanke

Großhansdorf. Die Morgensonne scheint durchs Wohnzimmerfenster. Und der Wind weht einen Hauch von Frühlingsluft in den Raum. Ein neuer Tag im Leben des Helmuth Fink beginnt. Der 39 447. genau. Es ist ein ganz besonderer. Es ist der Tag vor seinem 108. Geburtstag. Und auch für Torben Sobottke, den jungen Besucher, ist es ein besonderer Tag. Er, Schüler am Emil-von-Behring-Gymnasium und 90 Jahre jünger als sein Gegenüber, blickt in die Augen des ältesten Menschen, den er jemals gesehen hat. Er trifft einen der ältesten deutschen Männer überhaupt. Die Stormarn-Ausgabe des Abendblattes hat im Großhansdorfer Rosenhof 1 beide für einen Gedankenaustausch zusammengebracht.

"Komm, setz dich zu mir", sagt Helmuth Fink und streckt seinen Arm aus, "ich darf doch du zu dir sagen?" Und der Schüler, der voller Erfurcht in der Mitte des Zimmers verharrt, nimmt auf dem hellblauen Velourssessel neben dem alten Mann Platz. Dann fasst er sich ein Herz: "Sie sehen ja noch verdammt gut aus. Als ich hier reinkam und Sie sah, dachte ich: Wo ist denn nun der Kollege, der 108 wird?" Fink lacht. "Na, jetzt hast du mir aber ein Kompliment gemacht." Dann wird er nachdenklich. "Das Leben ist aber kein Zuckerschlecken mehr. Die Augen, das Gehör, die Zähne. Das ist alles nicht mehr so wie früher. Aber es geht weiter. Immer weiter."

Er beginnt zu erzählen. Helmuth Fink hat viel zu erzählen. Und wenn er erst mal dabei ist, dann kommt er schnell auf die Musik zu sprechen. "Ich war elf. Eines Tages kam mein Klavierlehrer zu meiner Mutter und sagte: Es tut mir leid, aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn vollkommen unmusikalisch ist." Helmuth Fink lacht. Welch einem Irrtum der Mann doch unterlegen war. Klavier, Geige, Querflöte - der vermeintlich Untalentierte lernte und spielte alles drei. Er wurde Berufsmusiker, zuerst an der Oper, später beim NDR. "Ich spielte die erste Flöte", erzählt Fink. Und erklärt: "Die Flöte ist ein sehr diffiziles Instrument. Man macht zwar schnell Fortschritte. Aber es wird schwer, wenn man an die hohen Töne herankommt." Heute fehlt ihm die Luft dafür.

"Ich spiele nur Schlagzeug. In der Big Band an unserer Schule", sagt Torben. "Schlagzeug? Alle Achtung!" Helmuth Fink nickt anerkennend. Dann sagt er: "Aber Schlagzeug muss sehr kultiviert gespielt werden. Es kommt ohnehin nicht darauf an, was du spielst, sondern wie du es spielst."

Er habe als Jugendlicher "kleine, einfache Sachen" bevorzugt. Etwas von Mozart, Händel, Telemann. Über die Musik von heute möge er sich kein Urteil erlauben, sagt Fink. Dann tut er es aber doch: "Es kommt nur noch auf Artistik und auf Rhythmus an. Eine schöne Melodie, die vernimmt man kaum noch." Torben Sobottke, der die alten Pink-Floyd-Songs und handgemachte Rockmusik mag, pflichtet ihm bei. Und doch spüren beide, dass sie von unterschiedlichen Dingen gesprochen haben. "Ich glaube nicht, dass Sie meine Musik mögen würden", sagt Torben. Helmuth Fink schweigt lieber.

Es war um 1920, als er auf Wunsch seiner Eltern zunächst begann, Jura zu studieren. "Aber das habe ich nur nominell gemacht", sagt er. Nebenbei studierte er Flöte. Er blickt den Jungen auf dem Sessel neben sich an. "Und du? Was möchtest du studieren?" Torben Sobottke überlegt nicht lange. "Wirtschaftsingenieurwesen. Ich hoffe, dass ich damit später etwas anfangen kann." Helmuth Fink sieht den 90 Jahre Jüngeren eindringlich an, und in seiner Stimme schwingt plötzlich ein ungewohnt mahnender Unterton mit. Dann wiederholt er, was er zuvor in einem anderen Zusammenhang bereits gesagt hat: Es kommt nicht darauf an, was man macht. Sondern wie man es macht. "Man kann mit allem etwas anfangen. Aber es muss Spaß machen. Man muss jeden Tag sagen: Der Beruf bereitet mir Freude. Das ist das Wichtigste überhaupt."

Sie lehnen sich nachdenklich zurück. Durch die Balkontür weht wieder eine Brise Frühlingsluft herein. "Herrlicher Tag heute, nicht?" Torben sucht einen neuen Anknüpfungspunkt. "Freuen Sie sich auch so sehr über so einen schönen Tag?" Herr Fink seufzt. "Ich habe schon so viel Freude am Frühling gehabt. Es ist immer wieder dasselbe. Aber ja. Was meinen Sie, wie sehr ich mich freue."

"Ich freue mich auch auf meine Fahrstunde heute Nachmittag. Ich mache gerade meinen Führerschein", erzählt Torben. Er ist inzwischen aufgetaut. "Ich habe meinen Führerschein mit 17 bekommen", erzählt Helmuth Fink, "wir mussten uns mit Motorenkunde auskennen. Verkehrsregeln waren egal. Es gab ja kaum Autos." Sein Vater, der in Eimsbüttel einen Feinkostladen und einen Eier-Großhandel betrieb, hatte aber ganz früh einen Wagen gekauft. Und Helmuth Fink durfte damit 1918 durch die Straßen Hamburgs fahren.

Der alte Mann schlägt sein Fotoalbum auf und zeigt ein Bild, auf dem er als 22-Jähriger zu sehen ist. Damals war er im Kreise seiner Freunde "der wilde Wutz" - "weil ich so ein wilder Sportsmann war". Ein Langstreckenläufer, der Meistertitel einheimste. Er betrachtet ein Bild von Angelica, 67 Jahre lang seine Ehefrau. Sie starb 1995.

Heute erwartet der Großhansdorfer, der bis vor zwei Jahren in seiner eigenen Wohnung in Hamburg-Eppendorf gelebt hat, 50 Gäste im Rosenhof 1. "Die ganze Bibliothek wird voll sein", sagt er. Die Kinder kommen, die Enkel, der Urenkel und viele andere.

"Haben Sie viele Freunde?" Torbens Frage macht den alten Herren noch einmal nachdenklich. "Weißt du", sagt er, "Freundschaft ist eine sehr ernste Beziehung. Ein Freund muss immer für den anderen da sein. Heute pflege ich lockerere Formen der Freundschaft. Meine Freunde sind jetzt eher Lebensgefährten, mit denen ich viel Spaß habe." Seine wahren Freunde, die seien schon seit vielen Jahren tot.

Torben schluckt. Der Abschied naht, denn gleich möchte Herr Fink zu Mittag essen. Die Männer schütteln einander lange die Hände. Dann sagt Torben noch einen Satz: "Wenn ich wüsste, dass ich im Alter so gut drauf wäre wie Sie, dann würde ich auch so alt werden wollen."

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