Pinneberg
22.10.12

Ehrenamtliche Richter

Ein Ehrenamt mit der Lizenz zum Urteilen

Die Stimme eines Schöffen zählt in Gerichtsverfahren ebenso viel wie die eines Berufsrichters. Neue Schöffen für Pinneberg gesucht.

Von Christine Weiser
Foto: Christine Weiser
Hans-Jürgen Schriever aus Rellingen entscheidet seit drei Jahren als ehrenamtlicher Richter am Landgericht Itzehoe mit
Hans-Jürgen Schriever aus Rellingen entscheidet seit drei Jahren als ehrenamtlicher Richter am Landgericht Itzehoe mit

Rellingen/Halstenbek/Itzehoe. Hans-Jürgen Schriever ist ein Mann mit Macht. Sein Wort entscheidet darüber mit, ob Angeklagte schuldig gesprochen werden oder nicht, ob Verurteilte mit einer Geld- oder Bewährungsstrafe davonkommen oder ins Gefängnis müssen. Der Rellinger trägt zwar keine Robe, aber als Schöffe am Landgericht Itzehoe bekleidet er ein verantwortungsvolles Amt. Seine Stimme zählt bei der Urteilsfindung genau so viel wie die eines Berufsrichters.

Derzeit suchen die Gemeinden im Kreis Pinneberg wieder Freiwillige, die von 2014 an als ehrenamtliche Richter die Gerichte unterstützen. "In der Zeitung habe ich einen Aufruf gelesen, dass Schöffen gesucht werden", sagt Schriever, der 2009 erstmals auf der Richterbank Platz nahm. Sein Interesse an den Abläufen bei Gericht, das nach sehr eigenen Regeln funktioniert, habe dazu geführt, dass er dieses Ehrenamt übernehmen wollte.

"Das hat mich ungeheuer interessiert. Da kann das Fernsehen nicht mithalten. Das wahre Leben ist besser als Gerichtsshows", sagt der 54 Jahre alte Mann, der in seinem Berufsleben nichts mit dem Justizwesen zu tun hat. "Ich mache Millionäre", antwortet Schriever, wenn er nach seinem Job gefragt wird. Wer ungläubig schaut, erntet ein Lachen. Im Vertrieb der Lottogesellschaft verdient Schriever sein Geld. In den vergangenen zwei Jahren saß er bei sechs Verhandlungen am Landgericht Itzehoe auf der Richterbank. "Kleine Sachen eigentlich. Eierdiebe und Kneipenschlägereien", sagt er.

Auch Garnet Osios-Schibbe hat Gerichtserfahrung. Die gesamte Bandbreite von Diebstahl, Betrug, Körperverletzung über Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz bis hin zu Sexualdelikten wurden in den vergangenen acht Jahren in ihrem Beisein verhandelt. Ihr Ehrenamt empfindet die 48 Jahre alte Schöffin, die nicht nur am Amtsgericht Pinneberg, sondern auch im Verwaltungsgericht Schleswig im Einsatz ist, als echte Bereicherung. Ob die ehrenamtlichen Richter auf der Richterbank Platz nehmen, hängt von der Schwere der Vergehen ab. Je schwerwiegender der Vorwurf, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass in Anwesenheit von Schöffen verhandelt wird. "Schöffen kommen in Verfahren am Amtsgericht und bei Prozessen der Strafkammern am Landgericht zum Einsatz", sagt Julia Gärtner. Die Richterin ist Sprecherin des Landgerichts Itzehoe und außerdem für die Gerichte in Pinneberg und Elmshorn zuständig.

Wenn es im Gerichtssaal ans Eingemachte geht, müssen die Schöffen einiges aushalten. Manche Angeklagte lügen dreist, andere versuchen sich rauszureden. Nicht alle Verhandlungen gehen spurlos an den Beteiligten vorüber. "Vor allem wenn es um sexuelle Übergriffe auf Kinder oder Misshandlungen geht, trifft einen das besonders", sagt Garnet Osios-Schibbe. Hans-Jürgen Schriever hat ein Rezept, wie er mit dem umgeht, was er im Gericht erlebt. Was ihn am Ende des Tages noch beschäftigt, bespricht er mit anderen Schöffen. So wie neulich in einem Verfahren, in dem einem Angeklagten sexuelle Nötigung vorgeworfen wurde und das weinende Opfer noch einmal ganz genau jeden Schritt des Übergriffs schildern musste. "In dem amtsärztlichen Schreiben waren detailliert die Verletzungen aufgeführt, die dann vor Gericht ungerührt verlesen wurden. Da wird einem schon anders." Auch zu Hause in Rellingen spricht er gelegentlich über die Verhandlungen. "Jedes Gespräch hilft beim Verarbeiten."

Den Glauben an das Gute im Menschen haben sich Hans-Jürgen Schriever und Garnet Osios-Schibbe jedoch bewahrt. "Wenn jemand eine Bewährungsstrafe bekommt, heißt das ja, dass er eine Chance bekommt. Eine Chance sich zu bewähren." Davon, dass die ehrenamtlichen Richter eine wichtige Komponente in die Gerichte bringen, ist Julia Gärtner überzeugt. Vor allem wenn sehr junge Angeklagte vor Gericht stehen, bereicherten Schöffen die Verhandlungen durch ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen und durch ihre Fachkompetenz. "Schöffen hören oft auf ihr Bauchgefühl und sind häufig ein Gradmesser", sagt Julia Gärtner, die als Mitglied der Strafkammer am Landgericht Itzehoe selbst Erfahrungen mit Laienrichtern hat.

Auch Torsten Wendt ist Jurist und weiß, welche wichtige Rolle die ehrenamtlichen Richter im Justizwesen spielen. "Wer sich als Schöffe meldet, sollte Zeit und eine hohe Sozialkompetenz mitbringen", sagt der Fachbereichsleiter Bürgerservice der Gemeinde Halstenbek. Wenn die Gemeinden die Aufforderung des Gerichts erhalten, neue Schöffen zu suchen, können die Verwaltungen unterschiedlich agieren. "Wir fragen bei Parteien, Verbänden und Vereinen", sagt Wendt. Aber auch öffentliche Aufrufe sind möglich. Die Gemeindeversammlung entscheidet über die Bewerber und übergibt eine Liste mit Vorschlägen an das Gericht.

In Halstenbek gebe es keine Probleme, genügend Freiwillige zu finden. Hans-Jürgen Schriever und Garnet Osios-Schibbe sind sich jedenfalls einig. Es gebe kaum ein interessanteres Ehrenamt. "Es ist keinesfalls vergeudete Zeit, sondern man lernt immer etwas dazu." Für diejenigen, die als Zeugen vor Gericht aussagen müssen, hat Hans-Jürgen Schriever einen Tipp: "Gut vorbereiten. Lassen Sie sich das Geschehen noch einmal durch den Kopf gehen. In der Verhandlung kommt es auf präzise Angaben an. "

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