Pinneberg
20.10.12

Amtsgericht Pinneberg

Verfahren eingestellt: Sterbehilfe bleibt straffrei

Pinneberger half seiner todkranken Mutter, aus dem Leben zu scheiden. Richterin stellt Verfahren wegen geringer Schuld ein.

Von Arne Kolarczyk
Foto: DPA
 Wegen geringer Schuld wurde das Verfahren gegen den Pinneberger eingestellt (Symbolbild)
Wegen geringer Schuld wurde das Verfahren gegen den Pinneberger eingestellt (Symbolbild)

Pinneberg. Seine Mutter war für Conrad S. zeitlebens die wichtigste Bezugsperson. Als die 74 Jahre alte, unheilbar an Krebs erkrankte Frau ihren Sohn im Mai 2011 bat, sie von ihren Qualen zu erlösen, willigte der 54 Jahre alte Pinneberger nach langem Ringen ein. Das Familiendrama aus der Kreisstadt beschäftigte am Freitag das Amtsgericht Pinneberg und stellte Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung vor ein Dilemma. Zwar ist Sterbehilfe, im Juristendeutsch als Tötung auf Verlangen bezeichnet, eine strafbare Handlung. Aber wie ist jemand zu bestrafen, der durch seine Tat und deren Folgen eigentlich schon gestraft genug ist? Und was ist als Sanktion angemessen für jemanden, der einem Menschen beim Sterben half, der ohnehin kurze Zeit später gestorben wäre?

Conrad S. sitzt wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank. Er ringt mit den Worten, er kämpft mit den Tränen. Dann bricht die Geschichte aus ihm heraus. Er berichtet, wie die todbringende Krankheit bei seiner Mutter diagnostiziert wurde. Wie sich innerhalb kürzester Zeit ihre Lebensqualität verschlechterte, wie das Leben für sie zur Qual wurde. "Sie wollte nicht ins Hospiz, sie wollte Zuhause sterben."

Dort, in ihrem Pflegebett, dämmert die 74-Jährige zuletzt nur noch vor sich hin. Aufstehen kann sie nicht mehr, weil Teile ihres Körpers bereits gelähmt sind. Dreimal am Tag kommt der Pflegedienst, um die Patientin zu wenden, zu waschen, den Blasenkatheter zu leeren und die Infusionen zu erneuern. Essen, trinken, sprechen - all das ist für die 74 Jahre alte Frau nur unter Anstrengungen möglich. Geistig ist sie allerdings noch völlig klar.

Je mehr sich die Frau quält, desto mehr leidet auch Conrad S., der selbst ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt. "Ich sagte zu einem Arzt, dass ich meiner Mutter am liebsten so viele Morphin-Tropfen geben würde, dass die Sache ein Ende hat. Der sagte, ich solle lieber die Pflaster nehmen, die seien viel stärker." Der Plan, die Mutter mittels einer Überdosis von opioidhaltigen Pflastern von ihren Leiden zu erlösen, nimmt daraufhin bei Conrad S. immer mehr Gestalt an. "Als ich einen Arzt anrief und ihn über die Pflaster ausfragte, bekam meine Mutter das mit und fragte mich, was ich da besprechen würde", sagt Conrad S. dem Gericht.

Daraufhin habe er seiner Mutter erklärt, dass sie sterben würde, wenn er statt - wie vom Arzt verordnet - einem Pflaster eine Vielzahl von Pflastern aufkleben würde. "Sie sagte mir, dass sie genau das will. Das war wie ein Befehl an mich, ich musste es tun."

Zuvor ruft der Angeklagte die Diakonie an, die seine Mutter pflegt. Die Krankenschwester erkennt die innere Zerrissenheit des 54-Jährigen und schickt ihm ein Notfallseelsorgeteam. Daraufhin kommt eine Pastorin, begleitet von Propst Thomas Drope. "Ich wollte mich absichern, ich wollte, dass meine Mutter auch anderen erzählt, dass sie sterben will", sagt der Angeklagte. Dies bringt Drope, der vom Gericht als Zeuge geladen war, in einen Gewissenskonflikt. Der Propst beruft sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht als Geistlicher. Drope: "Mein Seelsorgeauftrag beinhaltet eine Verschwiegenheitspflicht, das habe ich beim Ordinationsgelübde versprechen müssen."

Diese Auffassung vertritt auch die 34 Jahre alte Pastorin, die ebenfalls als Zeugin geladen war. Richterin Katja Komposch sieht das anders. "Die Kirche steht nicht neben dem Staat, seine Gesetze gelten auch für kirchliche Vertreter." Geistlichen würde laut Gesetz nicht grundsätzlich ein Zeugnisverweigerungsrecht zustehen. Komposch: "Das gilt nur für Dinge, die einem als Geistlicher mit der Maßgabe anvertraut werden, dass sie geheim bleiben sollen." In diesem Fall sei das Gespräch jedoch gerade deshalb geführt worden, um den Inhalt später öffentlich zu machen. Komposch: "Das, was Sie machen, ist nicht im Interesse des Angeklagten."

Der bekundet, beide Kirchenvertreter von ihrer Verschwiegenheitspflicht ihm gegenüber zu entbinden. Während Propst Drope auf seinem Zeugnisverweigerungsrecht beharrt und keine Zeugenaussage macht, entscheidet sich die junge Pastorin anders. Sie berichtet dem Gericht von ihrer Begegnung mit der todkranken Frau. "Ich habe sie gefragt, ob sie tatsächlich sterben möchte. Sie sagte ja. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich ihren Wunsch nicht gutheißen kann."

Nach dem Weggang der Kirchenvertreter klebt Conrad S. der Mutter neun opioidhaltige Pflaster auf den Oberkörper. Als am nächsten Morgen der Pflegedienst kommt, atmet die Frau nur noch schwach. Einige Minuten später ist sie tot. "Stärker als Morphium", beschreibt Allgemeinarzt Dr. Thomas Loeck die Wirkung der Pflaster. Eine Überdosis lähme das Atemzentrum. "Im Extremfall schläft man ein und wacht nicht mehr auf." Loeck stellt den Totenschein aus und gibt wie vorgeschrieben an, dass Hinweise auf einen nicht natürlichen Tod vorliegen.

In seinem Obduktionsgutachten kommt der Hamburger Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel zum Schluss, dass eine Überdosis des Schmerzmittels zum Tod der Frau geführt haben kann. Allerdings könne auch die schwere Erkrankung nicht völlig als Todesursache ausgeschlossen werden. Daher lautet die Anklage gegen Conrad S. lediglich auf versuchte Tötung auf Verlangen.

"Man fragt sich in diesem Fall schon nach dem Sinn und Zweck der Strafe", sagt Richterin Komposch nach mehr als zweistündiger Verhandlung. Sie schlägt eine Einstellung des Verfahrens wegen geringer Schuld vor. Ein Vorschlag, der mit Zustimmung von Staatsanwältin Sarah Führer und Verteidiger Peter Berthold schließlich auch umgesetzt wird.

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