Pinneberg
23.01.13

Zukunftssorgen

"Burnout in der Landwirtschaft kein Fremdwort mehr"

Aus der Sicht des Kreisbauernverbandes steigern zusätzliche Auflagen die Kosten und beschleunigen den Strukturwandel.

Von Bernd-Olaf Struppek
Foto: Bernd-Olaf Struppek
Der Appener Erlebnisbauernhof Almthof, hier Juniorchef Hauke Pein, gilt als Vorzeigebetrieb
Der Appener Erlebnisbauernhof Almthof, hier Juniorchef Hauke Pein, gilt als Vorzeigebetrieb

Tangstedt/Ellerhop/Appen. Von wegen gesundes Landleben. "Burnout ist in der Landwirtschaft kein Fremdwort mehr", sagt Lars Kuhlmann, 36, aus Tangstedt. Vor allem finanzielle Sorgen führten dazu, dass viele hiesige Erzeuger großen seelischen Druck verspürten, so der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Pinneberg jüngst beim Kreisbauerntag in Ellerhoop. "Wir haben junge Kollegen, die viel in ihre Betriebe investiert haben und sich große Sorgen um ihre Zukunft machen", sagt Kuhlmann im Gespräch mit dem Abendblatt. Der Strukturwandel ist auch hier in vollem Gange.

Bundesweit geht die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe Jahr für Jahr um mehr als zwei Prozent zurück. "Wir liegen voll im Trend", sagt Lars Kuhlmann im Namen der Landwirte im Kreis Pinneberg. Der Kreisbauernverband vertritt annähernd 1300 Mitglieder. Die stärkste Gruppe ist landesweit traditionell die der Rinderhalter. Wie Peer Jensen-Nissen, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, sagt, gab es vor 14 Jahren 670 Rinderhalter im Kreis Pinneberg, 2007 waren es noch 435, im Jahr 2010 betrug ihre Zahl 419. "In diesem Jahr rutschen wir wohl unter die 400er-Marke", sagt Jensen-Nissen.

Ein Vorzeige-Betrieb im Kreis Pinneberg ist der Appener Almthof von Familie Pein. Junior-Chef Hauke Pein, 27, wurde vor kurzem beim europäischen Junglandwirte-Kongress in Brüssel für das Familien-Konzept des Erlebnishofes mit jährlich bis zu 40.000 Besuchern ausgezeichnet. Vater Jürgen Pein, 57, wusste zu berichten, dass unter anderem auch die Zahl der Höfe in Appen weiter rückläufig ist. Der Trend im Dorf gehe zu größeren Einheiten. Auch das liegt voll im Landes- und Bundestrend. Laut einer Landwirtschaftszählung von 2010 bewirtschafteten 14.123 Betriebe in Schleswig-Holstein eine durchschnittliche Fläche von 70 Hektar. Bei der Zählung 1999 hatte dieser Wert im Norden 57 Hektar betragen.

"Das Modell des Almthofes kann nicht beliebig kopiert werden", sagt der Kreisbauernchef. "Jürgen Pein ist in unserer Branche eine Ikone. Aber für dieses Konzept muss man geboren sein." Hofcafés oder Heuhotels könnten ebenfalls nicht flächendeckend entstehen.

Welche Möglichkeiten haben hiesige Landwirte, sich und ihre Betriebe zukunftssicher aufzustellen? Der große Maisboom in Sachen Energiegewinnung scheint vorbei. "In diesem Bereich erwarte ich keine großen Zuwächse mehr. Wir haben inzwischen acht Biogasanlagen im Kreis Pinneberg. Da wird nicht mehr so viel passieren", sagt Lars Kuhlmann. Wie Umwelt- und Landwirtschaftminister Robert Habeck von den Grünen beim Kreisbauerntag sagte, war die Maisanbaufläche in Schleswig-Holstein innerhalb von zehn Jahren um 100.000 Hektar vergrößert worden. Im vorigen Jahr aber verkleinerte sich die Anbaufläche von Silomais im Norden von 194.000 auf 181.000 Hektar. Für den Präsidenten des Landesbauernverbandes, Werner Schwarz, ist dies ein Zeichen dafür, dass die Änderungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) greifen. Es sei wegen kleinerer Vergütungen und gestiegener Auflagen für die Landwirte nicht mehr so attraktiv, Mais zur Energiegewinnung anzubauen.

Apropos Auflagen: Den hiesigen Bauern liegt schwer im Magen, dass sie teils kräftig in ihre Gülleanlagen investieren müssen, wollen sie die neuen Vorgaben zu längeren Aufbewahrung von Gülle umsetzen. "Viele Landwirte müssen dann sogar komplett neue Anlagen bauen", sagt Bauernpräsident Schwarz. Ein Schritt, den laut Lars Kuhlmann bestimmte ältere Kollegen nicht gehen wollen oder können. "Wer Ende 50 ist, der überlegt sich genau, ob er 100.000 Euro oder mehr investiert. Es werden wegen der neuen Vorgaben Höfe aufgegeben und der Strukturwandel beschleunigt werden", sagt der Tangstedter Landwirt.

Generell beklagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, dass es seine Branche mit konstanten Lebensmittelpreisen, also mit gleich bleibenden Umsätzen zu tun habe. Gleichzeitig seien die Kosten der Betriebe stetig ansteigend. Hinzu kämen steigende finanzielle Aufwendungen für Maßnahmen zum Natur- und Umweltschutz. "Es gibt immer Perspektiven, gerade für uns jüngere Landwirte. Die Täler dürfen nur nicht zu tief werden", sagt der 36-Jährige, der 2006 den elterlichen Betrieb in Tangstedt übernommen hatte. Die Kuhlmanns haben insgesamt rund 175 Hektar in Bewirtschaftung, davon sind 70 Hektar Dauergrünland. Lars Kuhlmann hat im Nachbarort Borstel-Hohenraden einen Stall gepachtet, wo er bis zu 1200 Schweine mästet.

"Landwirtschaft, das ist Land, aber eben auch Wirtschaft. Ich kann mich ärgern über Agrarromantik in der Fernsehwerbung, in der Bauern mit der Sense auf der Schulter aufs Feld ziehen. Unser Beruf ist nicht romantisch, sondern ein knallhartes Geschäft", sagt Kuhlmann. Er beklagt eine zunehmende Entfremdung zwischen Stadt und Land; zwischen Landwirten und Verbrauchern: "Noch nie war die Lebensmittelsicherheit in unserem Land so groß. Und noch nie war die Bevölkerung so weit weg von dem, was wir in unseren Ställen und auf unseren Höfen machen."

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