Die Betreuung muss flexibler werden, denn: Die Eltern müssen länger arbeiten. Kindertages- stätten werden zu einem immer bedeutenderen Standortfaktor.

NORDERSTEDT. Engagierte Eltern contra CDU - so stellt sich die Diskussion um die Zukunft der Kinderbetreuung in Norderstedt zurzeit dar. Die CDU will feste Schließzeiten für die städtischen Kindergärten einführen. Sie sollen an 23 Tagen im Jahr geschlossen bleiben, mindestens zehn Tage davon in den Sommerferien (wir berichteten). Ziel ist, Betreuungsstunden für die im neuen Kindergartengesetz vorgeschriebene vorschulische Bildung zu gewinnen. Außerdem wollen die Christdemokraten die Eltern für das letzte Kindergartenjahr von den Gebühren befreien. Die Eltern lehnen beides ab. Ihr Vorschlag: Die 1,9 Millionen Euro solle die Stadt verwenden, um zusätzliche Erzieherinnen einzustellen. Die Norderstedter Zeitung sprach mit dem Segeberger Kreisvorsitzenden und stellvertretendem Landesvorsitzenden der Elternbeiräte in den Kindertagesstätten, Stefan Reimann, über den Streit und die Zukunft der Kindergärten.

NORDERSTEDTER ZEITUNG: Wie beurteilen Sie die festgefahrene Situation zwischen den engagierten Eltern und den Politikern?

STEFAN REIMANN: Es ist wirklich schade, dass die Politiker den enormen Einsatz der Eltern nicht entsprechend anerkennen. Immerhin haben sich mehr als 20 Väter und Mütter wochenlang neben der Arbeit Gedanken über die Zukunft der Kindertagesstätten gemacht und, wie ich finde, interessante Vorschläge erarbeitet.

NZ: Was halten Sie vom Vorstoß der CDU, die Kitas an 23 Tagen im Jahr zu schließen?

REIMANN: Das geht komplett in die falsche Richtung. Die Menschen müssen immer länger arbeiten, die Geschäfte dehnen die Öffnungszeiten in den Abend aus, und auch die Wochenenden sind in vielen Firmen nicht mehr automatisch Freizeit. Deswegen sind pauschale Schließzeiten kontraproduktiv. Die Öffnungszeiten der Kitas müssen flexibler werden und sich den wechselnden Bedürfnissen der Eltern anpassen. Mehr Flexibilität führt zu mehr Attraktivität. Außerdem besteht die Gefahr, dass die städtischen Einrichtungen hinten runterfallen, wenn die kirchlichen und freien Träger die Schließzeiten nicht einführen. Und da diese Einrichtungen noch laufende Verträge haben, wird es schwer sein, sie in die Pflicht zu nehmen.

NZ: Gibt es Kitas, die ihre starren Öffnungszeiten flexibilisiert haben?

REIMANN: Wir haben eine Einrichtung in Nahe, die diesen Wandel erfolgreich hinter sich gebracht hat. Sie hatte nur noch eine Auslastung von 68 Prozent. Eine Erzieherin hätte entlassen werden müssen. Da hat das Team die Notbremse gezogen und erst einmal genau ermittelt, zu welchen Zeiten wie viele Kinder da sind. Das Ergebnis war, dass die Personalstunden dem realen Betreuungsbedarf angepasst wurden und das Angebot dadurch erweitert werden konnte. Heute arbeitet die Kita hochrentabel. Das war nur möglich, weil Politiker, Eltern, Mitarbeiter und Jugendamt ab einem Strang gezogen haben. Eine solch detaillierte Bestandsaufnahme fehlt für die Kindergärten in Norderstedt. Ich gehe davon aus, dass die Einführung der Schließzeiten langfristig dazu dienen soll, Personal einzusparen.

NZ: Mit Blick auf die aktuelle Diskussion, in der alle mehr und frühere Bildung fordern, ist das nicht nachvollziehbar.

REIMANN: Die Zahl der Kinder nimmt ab, und die Städte und Gemeinden wollen sich von Kosten entlasten. Sparmaßnahmen können aber schnell zum Eigentor werden.

NZ: Warum?

REIMANN: Weil Kindergärten zu einem wichtigen Standortfaktor geworden sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels werben die Unternehmen bundesweit um Arbeitskräfte. Und wenn da die Bedingungen nicht stimmen, gehen die Leute woanders hin. Ich kenne selbst eine Familie, die aus Baden-Württemberg nach Norderstedt ziehen wollte, dann aber doch nicht hierher gekommen ist, weil die Eltern keine passende Kinderbetreuung gefunden haben.

NZ: Was halten Sie vom Vorschlag der CDU, ein gebührenfreies drittes Kindergartenjahr einzuführen?

REIMANN: Grundsätzlich ist der Vorschlag zu begrüßen. Allerdings muss dann gewährleistet sein, dass alle Kinder erreicht werden und nicht nur 85 Prozent wie zurzeit. Sonst besteht die Gefahr, dass die restlichen 15 Prozent von der vorschulischen Bildung abgekoppelt werden. Und die frühe Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten ist enorm wichtig, damit die spätere Schul- und Bildungskarriere erfolgreich verlaufen kann. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder zwischen drei und sechs Jahren beispielsweise sieben Fremdsprachen lernen können.

NZ: In Hamburg und in anderen Bundesländern ist es schon üblich, dass die Eltern einen Gutschein bekommen und sich das für sie passende Angebot aussuchen können. Macht ein Gutschein-System auch für Norderstedt Sinn?

REIMANN: Das ist ein durchaus überlegenswertes Modell. Allerdings lässt sich das, was woanders erfolgreich läuft, nicht 1 zu 1 auf Norderstedt übertragen. Die Verwaltung braucht genügend Zeit, um ein geeignetes System zu entwickeln. Die Frist bis zum 9. September, die der Ausschuss der Verwaltung gewährt hat, wird dafür nicht reichen. Bis dahin ist nur ein Zwischenbericht möglich, was ja auch beschlossen ist.