Erlöserkirche: Schon vor vier Jahren wurde auf dem Gotteshaus ein Funkmast errichtet, ohne dass der Kirchenvorstand die Gemeinde informierte
Henstedt-Ulzburg. Wer sich öfter mal im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Henstedt-Ulzburg umsieht, hätte es längst ahnen können. "Dein Geld komme" steht da in großen Lettern über einem Artikel aus der "Süddeutschen Zeitung", den jemand an die Pinnwand im Flur gehängt hat. In dem Bericht geht es um neue Geschäftsideen der Kirchen. Doch Nachhilfe darin, wie sich leere Kassen dank kreativer Einfälle auffüllen lassen, brauchen die Hüter des altehrwürdigen Gotteshauses an der Kisdorfer Straße sicher nicht.
Kaltenkirchen: Antennengegner sammeln Unterschriften
Immerhin hat der Kirchenvorstand bereits im christlichen Jubiläumsjahr 2000 einen Beschluss gefasst, der einige Gemeindemitglieder an der Nächstenliebe ihrer Kirche zweifeln lässt: Er stimmte dem Antrag des Mobilfunkbetreibers Viag Interkom (heute O2) zu, gegen eine jährliche Gebühr von 4000 Euro im Kirchturm des Backsteinbaus eine zehn Meter hohe Antenne errichten zu dürfen. Zudem beschloss das Gremium, seine Entscheidung geheim zu halten und die Kirchgänger nicht etwa, wie in anderen Fällen üblich, im Gemeindebrief darüber zu informieren. Seither dreht sich der Wetterhahn der Henstedter auf einem Dach, in dessen Inneren sich eine Antenne befindet, die Telefongespräche und Kurznachrichten von Handys überträgt.
"Ich finde, das ist ein Unding. Die Leute sitzen im Gottesdienst und werden dabei kräftig bestrahlt", ist Karin Bucher (67) empört. Sie wohnt direkt neben der Erlöserkirche und macht jetzt gemeinsam mit anderen Menschen aus der Nachbarschaft mobil gegen den Funkturm. Ihre Sorge ist, dass sich die Strahlung negativ auf die Gesundheit auswirkt. Allein in der Wohnanlage an der Kisdorfer Straße 8 hat es in den vergangenen Jahren zwei Fälle von Darmkrebs sowie Tumore an Augen, an der Hand, unter dem Arm und im Brustbereich gegeben. "Offiziell heißt es zwar immer, die Strahlung sei nicht gefährlich. Aber wirklich bewiesen hat das noch niemand", meint Alex Janke (71), der sich daran erinnert fühlt, dass Radar-Geräte, Asbest-Isolierungen und das Fleisch BSE-kranker Rinder einst ebenfalls als ungefährlich galten.
Anwohnerin Wanda Mach (64) regt es besonders auf, dass die Kirche ihre Mobilfunkantenne vier Jahre lang vor der Öffentlichkeit verborgen hat. Erst als eine ihrer Nachbarinnen nachts zufällig Licht im Kirchturm brennen sah, weil Techniker Wartungsarbeiten an der Anlage durchführen mussten, bekam sie endlich Wind von der Sache. "Ich bin mein ganzes Leben lang in der Kirche gewesen", sagt Wanda Mach: "Aber was hier läuft, ist einfach unmoralisch. Glauben Sie ja nicht, dass mich der Pastor Reimann noch mal sehen wird."
Pastor Lars Reimann: "Das Ding stört nicht einmal die Optik" Der versteht die Aufregung um die Antenne nicht. "Was ist daran unmoralisch? Nach allem, was wir wissen, gibt es keine Gesundheitsgefährdung, und das Ding stört nicht einmal die Optik", findet Lars Reimann (37), der seit 1999 Pastor der Gemeinde ist und maßgeblich an der Entscheidung beteiligt war. Doch wieso hat er die Angelegenheit dann geheim gehalten? "Die Sitzung war nicht öffentlich", entgegnet Reimann, "aus unserer Sicht gab es keinen Anlass, das öffentlich zu machen. Mehr sage ich dazu nicht."
Annemarie Winter (56), die Vorsitzende des Kirchenvorstandes, kann die Ängste der Nachbarn hingegen nachvollziehen: "Bis vor kurzem war mir gar nicht so bewusst, dass die Strahlung negative Auswirkungen haben könnte. Aber wenn man sich näher damit befasst, ist das schon ziemlich heftig." Vor wenigen Tagen habe sogar der Probst angerufen und angemahnt, die Henstedter sollten nicht nur an das Geld denken.
Ob er mit diesem Aufruf Erfolg hat, ist fraglich. Denn mit E-Plus steht schon der nächste potenzielle Geldgeber bereit. Der Kirchenvorstand verhandelt derzeit über den Wunsch des Unternehmens, eine UMTS-Antenne im Kirchturm einzubauen. Deren Strahlung wäre zwar noch stärker als die der bisherigen Antenne, würde aber auch mehr Geld in die Kasse spülen.
Womöglich sollten sich die Gemeindeoberen vor Vertragsabschluss auch den zweiten Zeitungsartikel durchlesen, der an der Pinnwand hängt. Der trägt den Titel "Von allen guten Geistern verlassen" und handelt davon, dass immer mehr Kirchen schließen müssen, weil sich die Menschen von ihnen abwenden.











