Norderstedt
08.10.12

Borderline

Wenn negative Gefühle das Leben bestimmen

Lena möchte anderen Patienten motivieren, für sich selbst zu kämpfen, Hilfe anzunehmen und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Foto: Schön-Klinik
Borderline
Menschen, die an Borderline leiden, erleben Gefühle etwa neunmal so stark wie andere. So wird ihr Leben zunächst auch rein von Gefühlen bestimmt - vor allem von negativen Gefühlen

Kreis Segeberg. Lena* fühlte sich schon immer "irgendwie anders". Das begann bereits in der fünften Klasse. Sie hatte ständig Angst, Fehler zu machen. Hatte immer das Gefühl, alle anderen würden sie nicht mögen. Fühlte sich absolut nicht wohl in ihrer Haut. Konnte nicht nachvollziehen, warum andere mit ihr befreundet sein wollten. Damals glaubte man noch an Depressionen. Heute ist Lena Mitte 20 und weiß, dass sie an Borderline leidet.

Menschen mit dieser Krankheit erleben Gefühle etwa neunmal so stark wie andere. So wird ihr Leben zunächst auch rein von Gefühlen bestimmt - vor allem von negativen Gefühlen. Lena ritzte sich die Haut auf, um die Gefühle herauslassen zu können. Sie nahm Drogen, um die negativen Gefühle in positive umzuwandeln.

Trotz allem hat Lena ihren Weg gemacht - über Umwege. Und gestärkt durch einige Klinikaufenthalte. Sie studiert und hat bereits mit guten Noten eine Ausbildung abgeschlossen. Im Job tankt Lena Kraft.

Um sich nicht von einer der nächsten Gefühlswellen aus der Bahn werfen zu lassen, ging die junge Frau zweieinhalb Monate in die Schön-Klinik Bad Bramstedt. Hier lernte sie Techniken und Verhaltensweisen, um das Mehr an Gefühlen besser kontrollieren zu können. "Ich fange vollkommen neu an", sagt sie überzeugend. Deshalb möchte sie auch andere Borderline-Patienten motivieren, für sich selbst zu kämpfen, Hilfe anzunehmen und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Lena hat für das Hamburger Abendblatt Fragen über ihr Leben beantwortet.

Wie muss man sich ein Leben voller Gefühle vorstellen? Haben Sie als Jugendliche viel getobt und geschrien, gelacht und geweint?

Nein, gar nicht. Bei mir war es ganz anders, als man das häufig liest oder im Fernsehen sieht. Im Umgang mit anderen Menschen war ich eher hyperangepasst und darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Ich wollte nicht zeigen, wie viele Gefühle in mir sind. Ich habe viel unterdrückt, in mich hineingefressen. Aber eigentlich war ich absolut in meiner Gefühlswelt gefangen. Wenn ich in einer Gefühlskrise steckte, habe ich eher versucht, diese Gefühle durch destruktive Verhaltensweisen abzuschwächen, wie Alkohol- und Drogenkonsum oder Hochrisikoverhalten. Ich bin mitten auf die Straße gelaufen und habe gehofft, dass mich ein Auto anfährt. Oder ich bin über das Geländer einer Hochbrücke geklettert. Dann hätte ich diese Gefühle nicht mehr spüren müssen.

Erst wenn ich einem Menschen vertraut habe, also zum Beispiel in einer Partnerschaft, brachen die Gefühle aus mir heraus. Dann konnte es passieren, dass ich ziemlich überreagiert habe. So hatte ich wahnsinnige Angst, verlassen zu werden. Wenn mein Freund nur mal gesagt hat "Heute Abend kann ich dich nicht sehen. Ich bin mit Freunden verabredet" ist wirklich eine Welt für mich zusammengebrochen. Ich habe stundenlang geheult.

Wenn die Gefühle wieder abschwächten oder meine Anspannung nachließ, konnte ich mein Verhalten dann absolut nicht mehr nachvollziehen. Zudem habe ich mich sehr in diese Welt der Gefühle zurückgezogen. Selbst wenn ich mit anderen Menschen zusammen war, habe ich mich ganz schrecklich isoliert und alleine gefühlt.

Sie haben auch irgendwann angefangen, sich selbst zu verletzen. War das Ritzen eine Möglichkeit, aus dieser Gefühlswelt zu entkommen?

Es war vor allem und zunächst ein Hilfeschrei. Ich hätte es nie gewagt, andere um Hilfe zu bitten. Aber die vielen negativen Gefühle ließen sich durch das Ritzen gut verdrängen. Auf einmal stand der körperliche Schmerz im Vordergrund. Und auch meine innere Anspannung ließ durch das Ritzen nach. Es war wirklich wie ein Ventil. Zum Glück habe ich in der Klinik andere Methoden gelernt, um die Anspannung weichen zu lassen.

Hierfür unterscheide ich drei Bereiche: unterer Anspannungsbereich, mittlerer und oberer Anspannungsbereich. Wenn ich also nur wenig angespannt bin, hilft mir heute auch ein Duftöl, Musik oder auch ein Spaziergang an der frischen Luft. Das hilft, wieder zurück aus der Gefühlswelt ins Hier und Jetzt zu kommen. Wenn ich stärker angespannt bin, dann hilft zum Beispiel Joggen oder eine Traumreise. Und wenn es ganz heftig wird, wenn ich früher ein heftiges Verlangen gespürt hätte, mich zu ritzen, dann helfen nur noch extreme Sachen, um mich auf den Boden zurück zu holen. Dann gehe ich kalt duschen, beiße auf eine Chili-Schote oder renne richtig schnell, damit ich völlig erschöpft und ausgepowert bin. Das hilft.

Das waren ja nur einige Dinge, die Sie in der Klinik gelernt haben. Was gehörte noch dazu?

Ich habe noch Skills (erlernte Methoden, die Red.) gegen die innere Leere und zur Abschwächung der extremen beziehungsweise unangemessenen Gefühle in mir gelernt. Ich schaue mir dann zum Beispiel Bilder von Freunden an. Oder meinem Hund. Dann fühle ich mich gleich besser. Diese Bilder bedeuten mir etwas. Ich habe also eine ganze Kiste mit Bildern, die in mir positive Gefühle wecken können. Es ist wichtig für mich zu wissen, dass ich diese Kiste jederzeit hervorholen kann und damit meine Gefühle in eine positivere Richtung drehen kann.

Auch wenn das eigentlich eine recht simple Methode ist - für mich ist es eine extrem gute Idee.

Gab es während des Klinikaufenthalts weitere Aha-Erlebnisse?

Oh ja. Davon gab es ganz viele. So habe ich zum Beispiel zu Beginn der Therapie gemeinsam mit meinen Ärzten Ziele festgelegt. Eines davon war, meine innere Anspannung besser einschätzen zu können. Ich wollte erfahren, wie ich rechtzeitig erkenne, dass ich stark angespannt bin. Deshalb habe ich jeden Abend Protokolle über meine Gefühle und das Erlebte vom Tag geschrieben. Und ich habe irgendwann selbst gesehen: Je mehr ich auf mich selbst geachtet habe und meine eigenen Bedürfnisse auf einmal in den Vordergrund getreten sind, desto besser ging es mir. Ich habe ja niemals gelernt, mich selbst zu schützen.

Und in der Klinik haben Sie das gelernt?

Ja. Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin. Und ganz wichtig: Ich habe gelernt, nein zu sagen und gesehen, dass danach gar nicht jeder auf mich böse ist, sondern der Tag einfach weiterlaufen konnte. Da war ich stolz auf mich. Vor allem habe ich auch in der Klinik positive Gefühle wiederentdeckt. Früher habe ich mich immer nur gefragt: "Welche Fehler hast du gemacht?" Heute frage ich mich: "Was hast du heute alles schon richtig gut gemacht?" Gleiches gilt für meinen Körper. Ich konnte mich nie annehmen. Fand mich hässlich, abstoßend, eklig.

Schritt für Schritt habe ich gemerkt, dass ich auch schöne Dinge an mir finden kann. Meine Haare sind schön. Meine Zähne. Mein Selbstwertgefühl ist ein komplett anderes. Ich weiß aber auch, dass die wirkliche Therapie erst nach der Therapie anfängt. Ich muss jetzt das ganze theoretische Wissen, das ich gesammelt habe, in meinen Alltag integrieren. Das ist schwer. Aber ich will das schaffen. Ich fange komplett neu an.

*(Der vollständige Name der Patientin ist der Redaktion bekannt)

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