Norderstedt
31.10.12

Trappenkamp

"Kämpferisch werde ich weiterhin bleiben"

Nach viereinhalb Jahrzehnten verabschiedet sich die Sozialdemokratin Ingrid Olef aus der Kreispolitik. Sie will sich weiter einmischen.

Von Frank Knittermeier
Foto: Frank Knittermeier
Ingrid Olef, SPD, ist seit 44 Jahren im Kreistag Segeberg
Ingrid Olef, SPD, ist seit 44 Jahren im Kreistag Segeberg

Trappenkamp. Wenn Ingrid Olef ins Erzählen kommt, sprudeln die Wörter nur so aus ihr heraus. Kämpferisch, streitlustig, immer ein schnelles und meistens gutes Argument parat - so kennen Freunde und politische Gegner die Kreispolitikerin. Seit 1966 spricht sie als Kreistagsabgeordnete ein gewichtiges Wörtchen mit in der SPD, aber jetzt will sie nicht mehr. "Ich bin des Streitens müde", sagt sie und widerspricht sich selbst im gleichen Atemzug: "Kämpferisch werde ich aber bleiben." Na also.

Das ist kaum zu glauben: Wer ihr am runden Esstisch im Wohnzimmer ihres kleinen Holzhäuschens in Trappenkamp gegenübersitzt, kommt nicht auf die Idee, dass Ingrid Olef in irgendeiner Weise müde geworden ist. Hellwach und munter wie eh und je wirkt die 73 Jahre alte Politikerin, die längst dienstälteste Abgeordnete im Segeberger Kreistag ist. Sie hat viele Politiker kommen und gehen sehen, hat zwei Landräte und die jetzige Landrätin erlebt, hat Verwaltungs- und Gebietsreformen beobachtet und mit ihren Folgen politisch zu überleben versucht.

Das Selbstverständnis der Kreispolitiker war früher sehr groß

Die gelernte Schlosserin, deren Vater Alfred Schmidt die bekannte und einst umstrittene Wappenwand im Norderstedter Rathaus entworfen und geschmiedet hat, wurde in einer Zeit aktiv, als der Kreistag noch etwas bewirken konnte. Das Selbstverständnis der Kreispolitiker war groß. Und das zu Recht, erinnert sich Ingrid Olef.

Wer die Kreispolitik heute verfolgt, erkennt immer noch das große Selbstbewusstsein der Abgeordneten, aber der Schein trügt: Die Handlungsspielräume sind eng, weil es kein Geld gibt, das ausgegeben werden kann, und der Takt längst nicht mehr in der Kreisstadt Bad Segeberg, sondern in Norderstedt vorgegeben wird. Und die wenigen Entscheidungen, die vom Kreistag noch getroffen werden, sind von den Fachleuten in den Verwaltungen erarbeitet worden. "Wir Politiker haben unsere Kompetenzen abgegeben", sagt Ingrid Olef. "Für die Politik bleibt zu wenig Spielraum."

Viele politische Kompetenzen wurden im Laufe der Jahre abgegeben

Der Kreistag, so folgert die Trappenkamperin, ist überflüssig - "wenn sich nichts ändert." Sie empfiehlt ihren politischen Kollegen, die in der nächsten Legislaturperiode im Kreistag sitzen werden, für das Zurückholen von Aufgaben zu kämpfen. "Politiker müssen wieder mehr Verantwortung tragen und nicht zusehen, wie alles Mögliche ausgelagert wird", sagt Ingrid Olef, die vor allem mehr junge Leute in der Politik sehen möchte.

Dem "Parlamentarismus" gehe der eigentliche Sinn verloren. Politische Konflikte würden nicht mehr in der Öffentlichkeit dargestellt, meist stimme man zu, was die Kreispolitik gut vorbereitet habe. Und die Auslagerung von wichtigen Politikfeldern habe ebenfalls zum Aufbau eines Informationsvorsprungs für eine Gruppe von Vorentscheidern geführt. "Damit findet eine Kompetenzverlagerung in nicht öffentlich tagende Gesellschaften statt; das bedeutet eine Beschneidung von Selbstverwaltungsaufgaben im politischen und demokratischen Sinne."

Sie selbst hat die "klassische" Parteikarriere gemacht: Über die Jungsozialisten ist sie zur aktiven Politik gekommen, wurde 1966 erstmals in den Kreistag gewählt. In den folgenden Jahrzehnten war sie an fast allen politischen Entscheidungen im Kreis Segeberg beteiligt. Sie erlebte den Wandel vom landwirtschaftlich geprägten Kreis hin zum modernen Kreis innerhalb der Metropolregion Hamburg hautnah mit. Zwischendurch pausierte sie in der Kreispolitik, um von 1992 bis 1996 als Landtagsabgeordnete Politik in Kiel zu machen. Auch hier setzte sie Maßstäbe: Ingrid Olef und Arnold Wilken, der langjährige Fraktionsvorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion, der zur selben Zeit im Landtag saß, waren so aktiv, dass sämtliche nachfolgenden Abgeordneten aus dem Kreis Segeberg gegen sie verblassen mussten. Wiedergewählt wurden beide trotzdem nicht.

Für Ingrid Olef war es eine interessante Zeit. "Wie im Himmelreich" habe sie sich damals gefühlt. Sie lernte während ihrer Kieler Zeit viele große Politiker kennen - unter anderem auch den jetzigen Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück, der damals Wirtschaftsminister in Kiel war. Was fällt ihr zu ihm ein? Ein glänzender Rhetoriker sei er schon damals gewesen, sagt sie und glaubt an seine Chancen im Wahlkampf. Noch größere Chancen, wieder Kanzlerpartei zu werden, hätte die SPD ihrer Ansicht nach aber mit Hannelore Kraft als Spitzenkandidatin. "Sie ist bodenständiger."

Graf Schwerin von Krosigk war der sparsamste Chef der Kreisverwaltung

Willy Brandt hat sie als einen Menschen mit großer Aura erlebt, Oskar Lafontaine als einen geradlinigen Politiker. Hans-Jochen Vogel hat sie als "oberlehrerhaft" empfunden. Im Kreis Segeberg hat sie Menschen erlebt, die ihre Betrachtungsweise bis in die Gegenwart bestimmt haben. Etwa den Trappenkamper SPD-Politiker Erwin Wengel, den früheren Kreispräsidenten Gert Hastedt oder den früheren Landrat Anton Graf Schwerin von Krosigk, der "sparsamste Chef" der Kreisverwaltung. Und Ingrid Olef sagt einen bemerkenswerten Satz: "Im Rückblick haben Gleichstellung und Frauenemanzipation bei mir keine Rolle gespielt, sondern aktive Mitmachbereitschaft und mein Gestaltungswille."

Nach ihrer aktiven Zeit als Politikerin will sich die verwitwete Ingrid Olef weiterhin einmischen, sie will es aber auch ruhiger angehen lassen und möglichst viel lesen. Einen großen Fernseher will sie sich kaufen, um Fußballübertragungen zu sehen. Kurze Kulturreisen stehen auf dem Programm. Sohn Kolja und die beiden Enkel in Hamburg werden sich ebenfalls über häufigere Besuche freuen können.

Top Bilder
Weltpremiere

Neues Musical im neuen Theater in Hamburg

Hamburg

Schießerei bei Party in Billbrook

Theater

Weihnachtsmärchen für kleine Hamburger

Brandstifter legt Feuer in Steilshoop

Top Videos
Service für Harburg
Finden Sie Ihren Traumjob!
Mieten und Kaufen in Harburg und Umland
Schalten Sie kostenlos Ihre Anzeige
Suchen und Finden Sie Ihre Experten aus Harburg

Alles über Ihre Straße