02.08.06

Landschaftlicher Geheimtipp Heidmark

Bergen: Nato-Truppenübungsplatz öffnet am 6. August für Zivilisten die Tore. Am Tag der offenen Tür auf dem einzigartigen Naturgelände, wo sich sonst Soldaten Übungsgefechte liefern, dürfen die Wege aber nicht verlassen werden.

Von Karin Ridegh-Hamburg

Oerbke/Bergen. Das Paradies beginnt hinter dem Schlagbaum. Und Hinrich Baumann (65) hat den Schlüssel. Rechts im Wald verlustiert sich eine Rotte Wildschweine, links der Sandpiste wirft sich ein Bussard in die Luft. Abgestorbene Birken ragen bizarr aus dem silbrig glänzenden Transee im Ostenholzer Moor. Doch die Besucher fahren nicht durch einen Nationalpark, sondern ins Herz des größten westeuropäischen Truppenübungsplatzes der Nato. Die Warnung "Stopp, Scharfschießen, Übungsbetrieb" gilt an diesem Sonntag nicht. Statt donnernder Panzergeschütze ist hier nur das zarte Tirilieren der seltenen Mönchsgrasmücke zu hören.

Wo einst Hermann Löns seine Naturentdeckungen machte, liefern sich heute jährlich 50 000 Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Belgien Übungsgefechte. Wie es im Inneren des militärischen Sicherheitsgeländes aussieht, können Zivilisten am 6. August erkunden. "Von dem insgesamt 3000 Kilometer langen Wegenetz des Platzes werden dann 80 für Radler und 35 für Skater freigegeben", sagt der Leiter des Truppenübungsplatzbetriebs, Oberstleutnant Hans-Walter Nilles. Das Verlassen der Wege aber ist streng verboten: Lebensgefahr durch nicht detonierte Munition.

Ein Geheimtipp war die Heidmark schon vor 120 Jahren. Hier befinden sich die "Sieben Steinhäuser" - die großen 4000 Jahre alten Megalith-Gräber. Der Bremer Reeder Friedrich Mißler legte 1895 bei Achterberg ein Feriengebiet für Sommerfrischler aus Hamburg, Bremen und Hannover an. Hinrich Baumann, langjähriger Bezirksvorsteher des gemeindefreien Bezirks Osterheide, hat in der Chronik "Die Heidmark" die Geschichte der Landschaft und ihrer Menschen dokumentiert. So reizvoll die Landschaft sich auch zeigt, ihr Boden ist seit der Nazizeit mit Blut und Tränen durchtränkt.

Die Wehrmacht griff 1934 zu. Die sanften Hügelketten waren genau das, was Panzergeneral Heinz Guderian für die Ausbildung suchte. Innerhalb von zwei Jahren mussten die Bewohner von 500 Bauernhöfen ihren Boden verlassen. 3600 Menschen wurden umgesiedelt. "Das Nazisystem spiegelt sich in der Geschichte des Platzes auf engstem Raum in seiner ganzen Grausamkeit wider", sagt Baumann. In den hier eingerichteten Kriegsgefangenenlagern starben allein bei Oerbke bis zu 30 000 der 100 000 überwiegend russischen Gefangenen. Auch in Bergen-Belsen kamen mindestens 20 000 Russen im "Stalag" ums Leben, das sowjetische Mahnmal nennt sogar 50 000. Im Konzentrationslager Bergen-Belsen starben mindestens 50 000 Menschen.

Nach dem Krieg fanden 5000 Flüchtlinge auf den leer stehenden Höfen zunächst ein neues Zuhause. Doch auch sie mussten das Gebiet wieder verlassen, weil der Platz 1958 an die Nato übergeben wurde. Die meisten Hofstellen wurden abgerissen. In Bad Fallingbostel erinnert heute das Freilichtmuseum "Der Hof der Heidmark" daran. Auch gelbe Ortsschilder wie "ehem. Südbostel" weisen auf die ausgelöschten Dörfer hin. Von manchen Landsitzen wie Gut Achterberg zeugen nur noch Alleen oder steinerne Pfosten der Eingangstore. Andere werden heute von den Briten genutzt wie Schloss Bredebeck.

Dort steht Paul Kühling wieder in den Räumen seiner Kindheit. Grüne Ledergarnituren und schwere Silberpokale zieren heute den herrschaftlichen Klubraum der britischen Offiziere. Erlauchte Persönlichkeiten wie Prinzessin Diana und Prinz Edward waren in dem 100 Jahre alten Herrenhaus bereits zu Besuch. Paul Kühling hegt keinen Groll: "Ich freue mich, dass es so gut erhalten ist."

Obwohl auf dem Truppenübungsplatz seit 70 Jahren großkalibrige Waffen den Ton angeben, ist er inzwischen zu einem einzigartigen Naturreservat geworden. Mensch und Tier leben auf dem Areal zwischen höllischem Lärm und paradiesischer Stille. Es gibt balzende Birkhähne, Tausende Kraniche suchen Rast, Fischadler und Schwarzstorch brüten hier. "Zum Brandschutz begann man Anfang der 70er-Jahre, mehrere Hundert Hektar Moorflächen wieder zu bewässern", sagt Forstdirektor Andreas Bühler. So entstand der märchenhaft anmutende Große Transee. Nach dem Truppenabbau sind große Flächen von der Bundeswehr renaturiert worden.

6000 britische Soldaten sind in Bergen stationiert. Ihre Familien haben eigene Wohnsiedlungen und Schulen. Auch einige Orte am Rande des Nato-Übungsplatzes sind noch bewohnt. Die meisten der etwa 1600 Menschen arbeiten für das Militär. Maren Schröder (40) betreibt in Ostenholz die Truppenkneipe Onkel Nickel. "Das Leben hier ist idyllisch", schwärmt sie. Und weiß auch Geschichten zu erzählen. "Zu den Dreharbeiten für den Anti-Kriegsfilm ,How I won the war' wurden John Lennon 1967 hier im Gasthaus die Haare geschnitten." Ein Fotograf habe eine Locke mitgenommen, versteigern lassen. Von dem Erlös soll er sich sein erstes Auto gekauft haben.

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