13.05.02

Der Meister-Fälscher von Lübeck

Vor 50 Jahren erschütterte ein Kunst-Skandal die Republik: Ein Restaurator machte die Fresken von St. Marien selbst.

Von Helmut Söring

Lübeck. Der 2. September 1951 war ein besonderer Tag in Lübecks Nachkriegsgeschichte: Die im Krieg zerstörte Marienkirche wurde anlässlich ihres 700. Geburtstags wiedereröffnet. Die Post gab zwei - heute bei Sammlern sehr begehrte - Sondermarken heraus, an der Kieler Uni wurden die "gotischen Meisterwerke" Thema einer Doktorarbeit, und die Ehrengäste aus dem In- und Ausland, darunter Bundeskanzler Konrad Adenauer, wurden zu den Kunstschätzen St. Mariens geführt. Dazu gehörte eine "kunsthistorische Sensation ersten Ranges". Es handelte sich um 21 Figurale im Chor, die erst mit der Restaurierung entdeckt worden waren. Die Wissenschaft schwelgte in höchsten Tönen: "Die Fresken waren nach dem Brand sehr stark der Witterung ausgesetzt, konnten aber durch eine sorgfältige Restaurierung gesichert werden, die nichts hinzugefügt, sondern nur das Erhaltene konserviert hat", heißt es beispielsweise in einem Schweizer Buch über die "Wandmalereien in der Lübecker Marienkirche", und weiter: "Die Malerei stammt aus der Zeit um 1300. Die Leuchtkraft ihrer Farben ist in ungewöhnlicher Frische erhalten geblieben, da die Malereien bis zu ihrer Entdeckung nach dem Brandbombenangriff 1942 fast 500 Jahre unter einer weißen Kalkschicht verborgen waren." Auch der schwedische Reichskonservator Berthil Berthelson bejubelte die Fresken: "Sie sind einzigartig. Man findet sie nirgends sonst auf der Welt." Der Schwede hatte Recht - nur anders, als ihm lieb war: Die angeblich mittelalterlichen Wandmalereien waren gefälscht. Sie stammten von einem mittellosen Maler namens Lothar Malskat, der dem Konservator Dietrich Fey bei der Restaurierung St. Mariens geholfen hatte. Er deckte die Sache vor genau 50 Jahren selbst auf, indem er im Mai 1952 der Lübecker Kirchenleitung die Wahrheit gestand - zunächst ohne Erfolg: Weder der Kirchenbaumeister noch der ehemalige Stadtbaudirektor, ein Denkmalspfleger und ein Museumsdirektor schenkten ihm Glauben. Da erstattete Malskat bei der Lübecker Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Fey und sich selbst und löste damit den größten Kunstfälscher-Skandal der Nachkriegszeit in Deutschland aus. Bei dem anschließenden Prozess kam heraus, dass Malskat aus gekränkter Eitelkeit handelte. In der Fachwelt war Fey über Gebühr als der Retter der Lübecker Fresken gefeiert worden, während Malskat nirgends Erwähnung fand. Die beiden hatten schon vor dem Krieg zusammengearbeitet und in Schlesien Kirchen restauriert. Fey hatte 1937 im Schleswiger Dom auch schon "alte" (Malskat-)Fresken freigelegt. Er erhielt er in Lübeck nicht nur den Auftrag für die Restaurierung St. Mariens, sondern danach auch des Rathauses. Als Fey sich als Retter von gotischen Wandmalereien in einem Erkerzimmer des Rathauses feiern ließ, platzte Malskat der Kragen. Schließlich hatte er die in aller Welt gerühmten Werke geschaffen. Es wurmte ihn, dass er, "der unbekannte mittelalterliche Meister von Lübeck", nie, sein Komplize Fey aber immer öfter gerühmt wurde. In seiner gekränkten Künstlerehre verriet Malskat außerdem, dass die viel gerühmten Fresken im Schleswiger Dom auch von ihm stammten. Für die Figuren standen ihm sein Vater, seine Schwester, Freunde und die Filmschauspielerin Hansi Knotek Modell. Dass er dort einen Truthahn verewigt hatte - 200 Jahre, bevor die Vögel von den Spaniern aus Amerika nach Europa gebracht wurden -, verwunderte seinerzeit niemanden. Für die Wissenschaft galt es schlicht als ein Beweis für die These, dass die Wikinger lange vor Kolumbus Amerika entdeckt hatten. Im Januar 1955 wurden Fey zu 20, Malskat zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Meister-Fälscher von Lübeck saß die Hälfte ab, ging dann ein paar Jahre nach Schweden und ließ sich später im Moor von Wulfsdorf bei Lübeck als freier Maler nieder. 1988 starb er im Alter von 74 Jahren. Seine Fresken wurden abgewaschen; im Roman "Die Rättin" hat Günter Grass ihm ein literarisches Denkmal gesetzt.

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