Mikroorganismen bauen in nur zehn Wochen 80 Prozent des Naturmaterials ab. 1000 Häuser im Norden betroffen.

Ein Haus wird mit Reet gedeckt, wie seit Jahrhunderten. Doch heute gibt es, anders als früher, Bäder direkt unter den Dächern. Die Feuchtigkeit lässt die schädlichen Pilze wachsen, die das Dach angreifen.

Ein Haus wird mit Reet gedeckt, wie seit Jahrhunderten. Doch heute gibt es, anders als früher, Bäder direkt unter den Dächern. Die Feuchtigkeit lässt die schädlichen Pilze wachsen, die das Dach angreifen.
Foto: dpa

Greifswald. Sie gehören zu Norddeutschland wie das Salz zum Meer: Die mit Reet gedeckten Häuser prägen seit Jahrhunderten die Region zwischen Ost- und Nordsee. Früher als Arme-Leute-Dach verschrien, ist das Rohr inzwischen auch zum Inbegriff ökologischen Bauens geworden: Der nachwachsende Werkstoff gedeiht quasi vor der Haustür. Das Reet wird ohne chemische Behandlung verlegt, seine Lebensdauer beträgt 30 bis 50 Jahre. Doch das Ansehen des romantischen Schilfdachs ist ins Wanken geraten.

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Immer mehr Hausbesitzer klagen darüber, dass die Reetdächer bereits wenige Jahre nach der Eindeckung verrotten. Der Obermeister der Reetdachdecker-Innung in Mecklenburg-Vorpommern, Konrad Engemann, beschreibt das typische Schadensbild so: "Es entstehen Löcher auf dem Dach. Das Reet wird weich und zerbröselt wie ein Sandklumpen in der Hand." In einigen Fällen seien innerhalb weniger Jahre nach der Eindeckung sogar Komplettsanierungen der 25 000 bis 40 000 Euro teuren Dächer erforderlich.

Die Gesellschaft zur Qualitätssicherung Reet - ein Zusammenschluss der Reetdachdeckerinnungen der drei Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen - schätzt, dass von den rund 50 000 Reetdächern in Deutschland inzwischen rund 1000 betroffen sind. Den Gesamtschaden schätzen die Experten auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Mikrobiologen der Universität Greifswald und des Instituts für Marine Biotechnologie haben nun im Auftrag der Reetdachdeckerinnungen und des mecklenburg-vorpommerschen Wirtschaftsministeriums das beschädigte Rohr unter das Mikroskop genommen. Der Naturstoff ist ein Tummelplatz für eine Vielzahl von Mikroorganismen, denn die Experten fanden neben verschiedenen Algen und Moosen auch 91 Bakterien- und 68 Pilzstämme. Während die überwiegende Mehrzahl der Mikroorganismen völlig ungefährlich für das Rohr ist, erwiesen sich die holzabbauenden Pilze - sogenannte Weißfäulepilze - als besonders aggressiv. Sie zerstören das Lignin, die Grundsubstanz des Holzes.

Vor allem zwei Vertreter dieser Gruppe, Pycnoporus cinnabarinus und Trametes versicolor, erwiesen sich dabei als besonders fleißig: In Laborversuchen reduzierten sie innerhalb von zehn Wochen rund 80 Prozent der Trockenmasse des Reets, wie der Projektleiter und Mikrobiologe Frieder Schauer sagt. Zudem sei die Elastizität und Stabilität des verbliebenen Reets stark beeinträchtigt.

Warum sich die Pilze zunehmend auf Reetdächern ansiedeln, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt. "Wir gehen aber davon aus, dass die veränderten Umweltfaktoren eine bedeutende Rolle spielen", erklärt Mikrobiologe Schauer. Die Pilze liebten für ihr Wachstum Feuchtigkeit und Temperaturen zwischen 20 bis 35 Grad. Zudem gebe es weniger Winter mit Frosttemperaturen, die das Röhricht absterben ließen. Das Rohr werde somit feuchter geerntet.

Die Gesellschaft zur Qualitätssicherung Reet erwartet von den Forschern nun Handlungsempfehlungen für die rund 300 Reetdachdeckerbetriebe in Deutschlands Norden. Denn nach ihren Erkenntnissen haben auch handwerkliche und konstruktive Fehler beim Bau von neuen reetgedeckten Häusern die Bedingungen für das Wachstum des Pilzes verbessert. So werde das Rohr wegen der großen Nachfrage teilweise vor dem Verlegen nicht mehr ausreichend getrocknet. Die Gaubendächer seien zu flach konstruiert, Bäder und Zimmer in den Reethaus-Obergeschossen, die in früheren Generationen unbewohnt waren, sorgten dafür, dass auch Feuchtigkeit von innen an das Rohr dringe. Zudem werde angesichts des hohen Marktdrucks immer mehr Rohr aus anderen Ländern importiert - möglicherweise auch Material minderer Qualität.