Peinemann
Es hatte sich herumgesprochen: Drüben, neben dem Weg am See, haust in einer alten Pappel ein Hornissenvolk. Der Trampelpfad führt in einem Halbkreis an dem Baum vorbei. Vorsicht! Zwar wissen die meisten Naturfreunde, dass Hornissen nicht grundlos angreifen - aber trau, schau, wem . . . Da geistern noch immer die alten, gruseligen Geschichten durch die Gedanken, so nach dem Motto: Fünf Stiche töten ein Pferd . . . Übrigens: Aggressiv und allzeit stechbereit sind nur Weibchen. Die Männchen sind stachel- und daher harmlos. Wenn man Hornissen nicht reizt, greifen sie auch nicht an. Aber unterschätzen sollte man die Wirkung ihres Stachels und des Giftes auch nicht. Also schauen wir uns das Reich der Großwespen mit drei bis vier Zentimeter Flügelspanne mal etwas näher an - natürlich mit Sicherheitsabstand. Die Pappel zeigt anderthalb Meter über dem Boden ein etwa 20 Zentimeter großes ovales Loch. Das Stamminnere liegt frei, mürbe und morsch. Hin und wieder fliegt ein von der Größe her eindrucksvolles Insekt den Baum an. Und plötzlich habe ich einen dieser Flieger auf dem Jackenärmel. Wenn das kein gutes Angebot ist . . . Hornisse? Gibt es da nicht doch einige Unterschiede? Der Kopf mit viel Gelb wirkt nicht aufgesetzt wie bei Wespen. Der Körper ist gelb und schwarz geringelt, aber das leuchtende Gelb überwiegt. Und das merkwürdige Insekt auf meinem Ärmel weist auch nicht die typische, wie abgeschnürt wirkende Wespentaille auf. Komische Hornisse . . . Da kommt wieder eine angebrummt. Das Insekt brummt und summt tatsächlich wie eine Hornisse. Trotzdem kommen Zweifel auf. Gibt es im Tierreich nicht so etwas wie Mimikry, Tarnung und Nachahmung? - Und plötzlich fällt der Groschen. Bitte, Forschung auf dem Wespensektor einstellen! Wir haben es hier mit dem Hornissenschwärmer zu tun, einem Nachtfalter, der Großwespe zwar täuschend ähnlich, aber völlig harmlos. Ohne diese abschreckende Ähnlichkeit wäre der Schmetterling vielleicht schon ausgestorben. Dieser Nachtfalter, der am Tage fliegt, lebt von Nektar. Auch Hornissen (Vespa crabro) saugen Nektar und den Saft von Früchten. Aber sie machen auch Jagd auf kleinere Wespen und andere Insekten. Und sie naschen, wenn wir im Sommer draußen frühstücken, nicht nur von unserer Marmelade, sondern beißen auch gierig und ohne Hemmungen Häppchen von unseren Mettwurstscheiben. Der Hornissenschwärmer, drei bis vier Zentimeter lang, legt seine Eier an der Rinde von Pappeln ab. Die Raupe, die zwei Jahre für ihre Entwicklung braucht, bohrt Gänge in das weiche Holz. Sie ernährt sich auch von Pappelholz. Die Verpuppung vollzieht sich in einem aus Spänen gefertigten Gehäuse. Ist ihre Zeit im Mai gekommen, schiebt die braune Puppe sich aus ihrem Versteck. Der Falter schlüpft, pumpt seine Flügel mit Blut auf und fliegt nach ihrer Erhärtung davon. Spannendes Abenteuer und einige Aufregung rund um harmlose Hornissenschwärmer. Sie fliegen nur einen Sommer, zwischen Mai und August. Falter stechen nicht. Wir können also ohne Furcht ganz genau hinschauen. Aber nicht stören. Hornissenschwärmer sind, trotz Mimikry, selten geworden. - Und es bleibt uns nicht erspart zu prüfen, ob das große gelb-schwarze Insekt, das da angebrummelt kommt, "stichhaltig" ist oder nicht. 46 erweiterte Abendblatt-Tierkolumnen von Georg Peinemann gibt es als Buch: "Von Marder, Aal und Wachtelkönig", Kosmos-Verlag, 14,90 Euro. ISBN: 3-440-08979-7, erhältlich in den Abendblatt-Geschäftsstellen am Rathausmarkt und in Ahrensburg.











