25.01.11

Nordvorpommern

Reetdachdecker: Verluste bei Rohrernte durch Schneefälle

Das Tauwetter, das andernorts in Deutschland Hochwasser auslöste, brachte in Barth die Schäden zutage. Etwa ein Drittel Ernteverlust.

Von Ralph Sommer
Foto: ZB/DPA
Die Erntemaschine von Rohrdachdecker Andreas Geldschläger (vorn) fährt in Barth (Kreis Nordvorpommern) durch die Reetfelder, Mitarbeiter Holger Wiechmann (oben) und Rico Krafczik (links) stapeln die Erntebunde auf der Maschine.
Die Erntemaschine von Rohrdachdecker Andreas Geldschläger (vorn) fährt in Barth (Kreis Nordvorpommern) durch die Reetfelder, Mitarbeiter Holger Wiechmann (oben) und Rico Krafczik (links) stapeln die Erntebunde auf der Maschine.

Barth. Barth (dapd). Erst das Tauwetter brachte die Schäden zutage. Der Blick von Andreas Geldschläger streift über die schilfbewachsene Niederung an der Barthe in Nordvorpommern. So weit das Auge reicht geknickte und flach liegende Rohrhalme. "Nicht mehr geeignet zum Dachdecken", befindet der Rohrdachdecker, der derzeit mit der Rohrernte, dem sogenannten Rohrwerben, beschäftigt ist. Unter dem Druck der Schneemassen, die Ende vergangenen Jahres den Nordosten Deutschlands bedeckten, habe fast jeder dritte Trieb nachgegeben. "Wir rechnen mit etwa einem Drittel Ernteverlusten", sagt Geldschläger.

Der Schaden trifft die Branche besonders deshalb, weil die Rohrwerber für diesen Winter eigentlich mit einer vergleichsweise guten Ausbeute gerechnet hatten. Denn das warme und sonnige Frühjahr 2010 und der feuchte Sommer hatten das Wachstum begünstigt und das Rohr zu hohen, kräftigen und festen Halmen treiben lassen. Solches Material lasse sich besonders gut für attraktive Dächer verwenden und halte auch vergleichsweise lange, sagt der 50-jährige Geldschläger, der auf der Halbinsel Zingst eine eigene Dachdeckerei in dritter Generation betreibt.

Reetdächer halten bis zu 100 Jahre

Geldschläger hat schon zu DDR-Zeiten die landestypischen Reetdächer auf die Häuser gebracht. Seinerzeit gehörten vor allem betuchte Hauseigentümer und Parteifunktionäre zu den Kunden. Dabei sei doch das klassische Reetdach einst das "Dach des armen Mannes" gewesen, sagt Geldschläger. Bis zu 100 Jahre hielten die witterungsbeständigen Abdeckungen. "Vor mehr als 100 Jahren gingen die Bauern im Winter mit der ganzen Familie ins Rohr und schlugen für ihre Häuser das Reet mit der Sichel."

Heute steuert Geldschläger eine riesige Erntemaschine ins Röhricht. Die sogenannte Saiga rollt auf mächtigen, mehr als einen Meter breiten Gummireifen über den Sumpf. Ein automatisches Mähwerk schneidet die Halme und fasst sie automatisch zu Bünden zusammen, die ein Abnehmer entgegennimmt und sie nach hinten zu einem Packer auf die Ladefläche wirft. Etwa eine halbe Stunde später bringt die schwer beladene Saiga 400 Bunde an Land, wo Erntehelfer die Rohre reinigen und für die Weiterverarbeitung bündeln.

Jahresernte reicht für 20 Häuser

Auf insgesamt zwölf Hektar Pachtland darf Geldschläger alljährlich Rohr ernten. Das reiche für etwa 40.000 bis 50.000 Bunde, sagt er. Damit könne man im Durchschnitt 20 Häuser decken. Das Auftragsbuch sei gut gefüllt. Sogar für 2012 gebe es schon Vorbestellungen, sagt Geldschläger, der Kunden in ganz Deutschland bedient und auch schon Großdächer wie im Dschungeldorf des Leipziger Zoos schuf.

Die Stimmung in der Branche sei gut, sagt der stellvertretende Obermeister der Reetdachdecker-Innung von Mecklenburg-Vorpommern, Rainer Carls. Nach Krisenjahren befinde sich das traditionsreiche Gewerbe wieder deutlich im Aufschwung. Der Auftragsbestand der landesweit mehr als 20 Innnungsbetriebe reiche bis ins nächste Jahr. Vor allem in Norddeutschland entschieden sich immer mehr Bauherren für Reetdächer. Hinzu komme der gegenwärtig große Erneuerungsbedarf. (dpa)

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