Haus für Haus - ein ganzes Dorf zieht um

Foto: Bodig

Braunkohleabbau: Der brandenburgische Ort Haidemühl muß weichen - und wird 20 Kilometer entfernt neu aufgebaut. Ein Großprojekt für Hamburger Architekten: Sie erfüllen den Bürgern (fast) alle Wünsche - von den Fliesen bis zum Taubenschlag.

Haidemühl/Hamburg. Schneeweiße Wände, makelloser Laminat-Fußboden, der Blick geht hinaus zur grünen Wiese. "Es wird wunderbar, wunderbar", schwärmt Lola Kirsch. Und ihr Mann Siegfried fühlt sich von einer Last befreit: "Keene Kohle mehr schleppen", sagt er und lächelt. Das Ehepaar besichtigt sein neues Heim, ein helles modernes Endreihenhaus, das es demnächst quasi zwangsweise beziehen muß. Denn die Kirschs gehören zu den 662 Bürgern des brandenburgischen Dorfes Haidemühl, das dem Braunkohlebagger weichen muß und komplett umgesiedelt wird.

Wo die Kirschs bald leben werden, gab es vor kurzem nichts als grüne Wiese. Ein Fleckchen Erde, rund zehn Kilometer südlich von Cottbus, ganz im Osten der Republik, nicht weit von der Grenze zu Polen. Und es gab eine Idee: das Dorf Haidemühl dorthin umzusiedeln. Mit Sack und Pack. Es neu zu schaffen, aus dem Nichts. 20 Kilometer vom alten Standort entfernt, an der B 97, auf dem Gebiet der Gemeinde Sellessen.

"15 Kisten sind schon gepackt", sagt Siegfried Kirsch. Er ist in Haidemühl geboren. Arbeitete im Kohlewerk. Jetzt ist er arbeitslos. Wie so viele dort. Die Umsiedlung? "Natürlich hängt man auf der einen Seite an seinem Heimatdorf", sagt er. Bisher wohnen sie in einer alten Doppelhaushäfte mit zugigen Fenstern und Kohleheizung. Lola Kirsch ist seit einiger Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen: "Das neue Reihenhaus ist rollstuhlgerecht, wir haben viel Platz", sagt sie. Platz auch für die 20 Brieftauben, das Hobby ihres Mannes. Auch für ihre Tochter Yvonne Gräfe (27) und deren Familie wird alles besser. Statt enger Wohnung im Altbau nun ein schmuckes neues Haus. "Wir freuen uns", sagt sie, Mutter von Max (3) und Michelle (7).

Hinter dem Projekt Heidemühl steckt eine strategische Großplanung. Es umfaßt Eigentumswohnungen und 180 Mietwohnungen auf 90 Hektar. 662 Einwohner werden umziehen. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Ängsten. Es entsteht ein neues Dorf wie ein Phönix aus der Asche. Eine Kopie, freilich viel moderner als das Original: Mit einem Kindergarten, einem Spielplatz, mit Supermarkt und Friseur. Mit einem Bürgerhaus. Und einem Teich für den Anglerverein. Viele Häuser sind schon bezugsfertig.

Alles begann an einem Sommertag im August 2001. Ein paar Architekten aus Hamburg-Eppendorf standen auf jener Wiese und überlegten: Sollen wir es machen, den Auftrag annehmen? "Natürlich war und ist das Umsiedlungsprojekt für uns eine unglaubliche Herausforderung", sagt Prof. Beata Huke-Schubert, Diplomingenieurin und Leiterin des Hamburger Architekturbüros Huke-Schubert. Die Architekten, die bereits beim Flughafenausbau Berlin-Schönefeld in Brandenburg ein Dorf umgesiedelt hatten und deswegen nun erneut gefragt wurden, sagten zu.

Ihr Job bei der Haidemühl-Umsiedlung: die Generalplanung für den gesamten Mietwohnungsbau, die Statistik, die Planung der Außenanlagen wie Wege, Gärten und Garagen bis hin zu Sanitäranlagen und Heizungen. Konkret geht es um 180 Mietwohnungen in 21 Reihenhauszeilen, um drei Mehrfamilienhäuser, drei altengerechte Wohngebäude, ein Gewerbegebäude. Dort soll ein Supermarkt (im alten Haidemühl gab es nur einen Krämerladen) untergebracht werden, eine Physiotherapeutische Praxis, ein Friseur, eine Fleischerei. Vorläufig geschätzte Bau- und Planungskosten: rund 25 Millionen Euro.

Entscheidend bei dem Projekt ist die Mitwirkung der Mieter, die ihre Wünsche bei der Planung auf allen Ebenen bis ins Detail vorbringen dürfen und durften. Zunächst mit sieben, dann mit vier Mitarbeitern machte sich das Eppendorfer Büro daran, das Projekt in die Tat umzusetzen. Die Architekten fuhren immer wieder zu den Einwohnern in Haidemühl, um deren Wünsche zu erkunden. "Das ist keine Planung vom Reißbrett. In unzähligen Workshops und Sprechstunden haben wir erst mal rund 170 individuelle Gespräche geführt", erläutert Steffen Berge, Diplomingenieur und Architekt. Vertrauen aufbauen, das war die Devise. Ute Sudholz, Diplomingenieurin und Sozialwirtin, ergänzt: "Wir wollten die Menschen kennenlernen, wissen, wie sie bisher leben, und welche Erwartungen sie an ihre neuen Wohnungen, an ihr neues Leben haben. Nur so kann die Umsiedlung erfolgreich funktionieren." Mehr als 600 Pläne wurden bisher erstellt, Material in 200 Aktenordnern, auf CD-Roms.

Auf der einen Seite soll das alte Dorf möglichst originalgetreu wieder aufgebaut werden - mit seinen vier Straßenzügen, mit ähnlichen Grundrissen. Auch die Dorfstruktur soll erhalten bleiben. Bis hin zur Postleitzahl - 03130. Der Teufel steckt im Detail: Da wurde mit jedem Einwohner geduldig der individuelle Grundriß abgesprochen. Wo das Schlafzimmer hinkommt etwa. Wo das Wohnzimmer, wo der geliebte Schrank.

Das Dorf Haidemühl neu zu gestalten, das heißt auch die Geschichte zu berücksichtigen, die Struktur eines Arbeiterdorfes in der ehemaligen DDR. Es gab dort eine Glasfabrik, den Kohleabbau. Und die Hobbys der Einwohner. "Die einen brauchen Platz für ihre Brieftauben, die anderen für ihren Hamster oder zum Basteln. Häufige Wünsche waren, einen eigenen Hauseingang zu bekommen und viel Garagenplatz, Abstellräume", weiß Ute Sudholz. Die Architekten als Zuhörer: "Wir haben viel über die einzelnen Schicksale erfahren." Über Detailwünsche. Es galt auszuwählen bei 160 Haushalten: die Art der Fliesen zum Beispiel, zwischen sechs verschiedenen Wandfarben. Welches Muster sollen die Duschtrennwände haben? Welchen Belag die Böden? Und die Fronten der Küchen? Wo sollen die Steckdosen in den Räumen hin, wo die Bäume im Garten? "Es ist wichtig, sich alle Sorgen, Anregungen und Wünsche anzuhören", sagt Ute Sudholz. Auch wenn man nicht jeden Wunsch berücksichtigen könne, so Chefin Huke-Schubert: "Viele verbessern sich in ihrer Lebensqualität. Früher wohnten sie in Wohnungen, die mit Kohle beheizt wurden, künftig haben sie überall Zentralheizung."

Das alte Dorf Haidemühl - die Geschichte der Gemeinde geht auf das 1548 erstmals urkundlich erwähnte Gosda zurück - wird übergebaggert. Es wird samt seinen sanierten Häuschen verschwinden, für den Tagebau Welzow-Süd. Er liefert Kohle für das neue Kraftwerk Schwarze Pumpe. Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) hat sich am 30. Juni 2000 gegenüber der Gemeinde Haidemühl dazu verpflichtet, die Ortschaft komplett umzusiedeln. Noch sieht man dort bisweilen weißen Putz, leuchtendrote Dächer, akkurate Hausgärten. Aber: Mitten im Ort verrottet das ehemalige Glaswerk. Die Siedlungshäuser sind teilweise in einem erbärmlichen Zustand. Jeder zweite Haidemühler wohnte länger als 35 Jahre im Ort.

Heidemühler ist auch Hans Schuppan (78), der mit Helga (73) verheiratet ist. Er ist dort geboren und aufgewachsen. Arbeitete als Bergmann. "Man hat Heimatgefühle. Aber wir freuen uns auch auf das neue Zuhause." Die Familie zieht wieder in ein Reihenhaus. Es ist etwas kleiner. "Wir werden ausmisten müssen."

Bleiben werden die Erinnerungen. Architekt Steffen Berge hofft: "Im Oktober 2005 soll der Umzug abgeschlossen sein" - die Wiedergeburt von Haidemühl.

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